Stille Tiger

In Sri Lanka herrscht wieder Krieg – den Tamilen in der Schweiz wird vorgeworfen, sie würden die Rebellen unterstützen. Denn die Tamil Tigers spielen auch für die Migranten ein wichtige Rolle.

Katja Fischer
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Tamilische Demonstranten bei einer Kundgebung in Bern. (Bild: ky/Monika Flückiger)

Tamilische Demonstranten bei einer Kundgebung in Bern. (Bild: ky/Monika Flückiger)

Tamilen sind seit den 1990er- Jahren die grösste aussereuropäische Immigrantengruppe in der Schweiz. Mit der eskalierenden Gewalt zwischen den Tamil Tigers und den Regierungstruppen kommen nun wieder mehr Asylsuchende aus Sri Lanka in unser Land. Heute regt das kaum mehr jemanden auf. Denn die Tamilen gelten als angepasst und ruhig. Das war nicht immer so.

Mitte der 80er-Jahre titelte der «Blick»: «Die Schweiz will die Tamilen nicht.» Die dunkelhäutigen Asylanten, meist junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, lösten bei der Schweizer Bevölkerung Befremden und Angst aus. Die Tamilen wurden als Dealer und Diebe beschimpft. Jeyakumar Thurairajah, Pflegefachmann aus St. Gallen, erinnert sich an seine ersten Jahre in der Schweiz. «Ich war der schwarze, böse Mann.» Jahrelang sei er bei Wohnungsvermietern abgeblitzt und musste sich bei der Arbeit im Spital Beschimpfungen anhören.

Schwarzes Kapitel

Die Schweiz habe mit den Tamilen ein schwarzes Kapitel Asylgeschichte geschrieben, sagt Barbara Frei, Leiterin der Beratungsstelle für Menschen aus Sri Lanka der Freiplatzaktion in Basel. Die Schweizer Behörden seien in den 80er-Jahren mit den ersten Flüchtlingen aus Sri Lanka komplett überfordert gewesen. 1985 stellten 3000 Tamilen einen Asylantrag. 1991 auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung waren es bereits 7300 Asylanten.

«Die Tamilen haben die Schweizer Asylpolitik erheblich in Frage gestellt und letztlich auch entscheidend verändert», schreibt Martin Stürzinger, Berater für zivile Friedensförderung an der Schweizer Botschaft in Colombo, in einer Studie über die Tamilen in der Schweiz. Innert kürzester Zeit seien zahlreiche Asylgesetzrevisionen durchgesetzt worden. «Alle mit dem Ziel, die Zahl der Asylgesuche von Personen aus Sri Lanka so niedrig wie möglich zu halten.» Tatsächlich wurden aber kaum Wegweisungen vollzogen, da sich die politische Lage in Sri Lanka fortlaufend veränderte. Mit dem Resultat, dass Zehntausende Tamilen jahrelang mit der ständigen Angst, ausgeschafft zu werden, in der Schweiz lebten.

Schlechte Integration

Die damalige Verunsicherungstaktik der Behörden sei mitschuldig daran, dass viele Tamilen heute mit Integrationsschwierigkeiten zu kämpfen hätten, sagt Barbara Frei von der Basler Beratungsstelle. Es sei eine Mär, dass sich die Tamilen besonders schnell und gut assimiliert hätten. Im Gegenteil: Viele Tamilen würden ausgesprochen schlecht Deutsch sprechen. «Wenn man jederzeit zurückgeschafft werden kann, ist die Motivation, eine fremde Sprache zu lernen, ziemlich klein», erklärt sie. Wegen des vorläufigen Aufenthaltsstatus sei es den Tamilen auch verboten worden, eine Ausbildung anzufangen. Jeyakumar Thurairajah durfte deswegen im Spital nur putzen. Trotz bestandener Aufnahmeprüfung konnte er die Ausbildung zum Pflegefachmann nicht beginnen.

Parallele Gesellschaft

Erst nach der Humanitären Aktion 2000, als der Bundesrat die vorläufige Aufnahme aller Personen aus Sri Lanka beschloss, blühte die tamilische Diaspora in der Schweiz auf. Heute unterhalten die Tamilen Lokale, Lebensmittelgeschäfte, eigene Schulen, Tempel und Fussballmannschaften. Auch gibt es in vielen Gemeinden einen tamilischen Kulturverein. Jeyakumar Thurairajah ist Präsident des tamilischen Kulturvereins St. Gallen. Den Vorwurf, Tamilen würden sich nur mit Tamilen treffen, lässt er nicht gelten. Er gibt jedoch zu, dass es in der Ostschweiz kaum Tamilen gebe, die nicht in irgendeiner Form mit seinem Verein in Kontakt stünden. Gopal Kangaratnam, der stellvertretende Sekretär des Tamil Forums Schweiz, meint, dass vor allem die schwierige Situation im Heimatland die Tamilen zusammenschweisse.

Tamil Tigers allüberall

Mit dem Heimatland eng verknüpft sind für viele Tamilen die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Die politische Organisation der bewaffneten Rebellengruppen wurde in den meisten europäischen Staaten – ausser der Schweiz – als Terrororganisation deklariert und verboten. Umso stärker ist die Organisation in der Schweiz verankert. So war die Schweiz das erste Land, in dem neben Indien und Sri Lanka bereits 1985 ein Büro der TRO, einem der LTTE nahestehenden Hilfswerk, eröffnet wurde. «Die Tamil Tigers sind nicht nur als politische Gruppierung präsent, sie haben auch eine eminent wichtige Bedeutung in Tempelkomitees, Frauenorganisationen, in Sportclubs und in den Sprachschulen», hält der Tamilen-Experte Martin Stürzinger in seiner Studie fest.

Für Barbara Frei von der Basler Beratungsstelle ist das gerade das Problem. Praktisch alle tamilischen Vereine und Aktivitäten seien politisch motiviert. Schweizweit gebe es nur in Basel eine neutrale tamilische Sprachschule.

Schweizer Geld für den Krieg

Die Befreiungsorganisation geriet in der Schweiz jedoch vor allem wegen Spendengeldern und Erpressungen in die Schlagzeilen. In Zürich wurde das Thema 2006 sogar im Kantonsrat behandelt. Die Zürcher Kantonspolizei bestätigte denn auch einzelne Fälle, weitere Untersuchungen liefen jedoch ins Leere. 2001 verbot der Bundesrat den Tamil Tigers alle Geldsammel- und Propagandaaktionen. Dass trotzdem Gelder aus der Schweiz in den Befreiungskampf fliessen, lässt sich kaum verhindern. «Ich möchte, dass meine Familie in einem freien Staat in Frieden leben kann», begründet Jeyakumar Thurairajah sein Engagement für die Tigers. «Gibt es die LTTE nicht mehr, gibt es auch uns Tamilen nicht mehr lange.»