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Steter Stachel im Fleisch der Armee

Seit nunmehr dreissig Jahren kämpft die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) gegen das Militär. Sie sei in dieser Zeit pragmatischer geworden, sagt ihr prominentestes Aushängeschild, der frühere grüne Nationalrat Jo Lang aus dem Kanton Zug.
Eveline Rutz
Vollversammlung der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee Mitte der Neunzigerjahre. (Bild: ky/Str)

Vollversammlung der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee Mitte der Neunzigerjahre. (Bild: ky/Str)

Wird über den Kauf neuer Kampfjets diskutiert, ist die GSoA nicht weit. Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee bekämpft das Vorhaben vehement. «Die Bedrohungslage hat sich verändert, wir brauchen keine neuen Kampfjets», sagt Jo Lang, Mitbegründer und prominentestes Aushängeschild. Das Geld sei in anderen, zivilen Bereichen besser eingesetzt. Die GSoA treffe einen Nerv in der Gesellschaft, sagt der Zuger alt Nationalrat (Grüne). «Sie hat dazu beigetragen, dass die Armee ihren Heiligenschein verloren hat.» Bereits seit dreissig Jahren sägt die Bewegung an deren Grundfesten; mit provokativen Mitteln und Volksinitiativen engagiert sie sich gegen Rüstungsprogramme, gegen Waffengewalt und die obligatorische Wehrpflicht. Am 15. September feiert sie ihr Jubiläum mit einem grossen Fest.

Armeegegner ecken an

Als die GSoA 1982 von gut 100 Aktivisten gegründet wurde, war die Schweizer Armee in der Bevölkerung noch stark verankert. Sie war in keinen der beiden Weltkriege aktiv verwickelt und galt als Symbol des Widerstands. In diesem Umfeld eckten Armeegegner an; sie wurden nicht nur verbal angegriffen.

Entsprechend gehässig gestaltete sich 1989 der Abstimmungskampf über die erste Initiative zur Abschaffung der Armee. Knapp drei Wochen nachdem in Berlin die Mauer gefallen war, konnte sich die GSoA über einen in diesem Ausmass unerwarteten Achtungserfolg freuen: 35,6 Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich für die Initiative aus. Dieses Resultat habe weltweit für Schlagzeilen gesorgt, erinnert sich Lang. «Das Verhältnis der Bevölkerung zur Armee hat sich damals für immer verändert.» Daran hatten allerdings auch weltpolitische Ereignisse sowie gesellschaftliche Veränderungen einen Anteil. Die Botschaft der Armeekritiker fiel auf einen fruchtbaren Boden. «Die GSoA hat als Katalysator gewirkt», sagt Politologe Andreas Ladner.

Hochs und Tiefs

Den Höhepunkt ihrer Popularität erlebte die Gruppe Anfang der Neunzigerjahre. Gegen die Beschaffung der Kampfjets F/A-18 sammelte sie innert 32 Tagen mehr als eine halbe Million Unterschriften, 160 000 liess sie beglaubigen. «In diesem Monat war die Schweiz in einem Ausnahmezustand», sagt Lang im Rückblick. Als einziges Land in Europa habe die Schweiz zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgerüstet. Die Initiative habe sich als wahrer Selbstläufer entpuppt. 43 Prozent des Stimmvolks unterstützten sie schliesslich.

In die Neunzigerjahre fällt allerdings auch die grösste Krise der GSoA: Die Frage, ob im ehemaligen Jugoslawien militärisch eingegriffen werden soll, um Leid zu verhindern, spaltete die Aktivisten. Prominente Exponenten wie der Zürcher SP-Nationalrat Andi Gross machten sich für humanitäre Interventionen stark und traten 1996 aus. Es folgten schwierige Jahre, bis die Friedensbewegung 2003 wieder Auftrieb erhielt.

Pragmatischer als früher

Die Kriege in Irak und Afghanistan haben dann aber eine ganze Generation junger Menschen politisiert. Zehntausende hängten damals eine GSoA-Peace-Flagge ins Fenster.

«Die GSoA ist heute pragmatischer als früher», sagt Lang. Das Parlament habe für sie an Bedeutung gewonnen. Von 2003 bis 2011 war sie dort durch den Historiker Lang vertreten. Seit seiner Abwahl ist der Zugang schwieriger geworden.

Die GSoA ist basisdemokratisch organisiert, einen Präsidenten hat sie nicht. «Alle fünf Jahre findet ein Generationswechsel statt», sagt Lang. Die Gruppe sei ein Sprungbrett für Kaderpositionen bei Gewerkschaften, der SP oder den Grünen. Sie verknüpfe Utopien mit Pragmatik und betreibe «radikale Realpolitik».

20 000 Mitglieder zahlen jährlich einen Beitrag. In ruhigen Zeiten sind 200 Personen aktiv, in bewegten 500. «In den letzten fünf Jahren haben wir fast eine halbe Millionen Unterschriften gesammelt», sagt Lang stolz. Demnächst viel zu reden geben wird die Initiative gegen die obligatorische Wehrpflicht. Sie ist im Januar eingereicht worden und dürfte 2014 zur Abstimmung gelangen. Die heutige Armee habe viel zu viel Personal, findet Lang. Um dieses zu beschäftigen, werde verzweifelt nach Aufgaben gesucht. Die Folge seien unsinnige Einsätze an Schwingfesten, Skirennen oder Gewerbeausstellungen. Wehrdienst-Gerechtigkeit sei nicht mehr gegeben. Nur noch 30 Prozent der jungen Männer absolvierten den ganzen Dienst. «Die Bürgerlichen sind gespalten», sagt Lang. Den Traditionalisten stünden die Modernisten gegenüber, welche einsähen, dass der heutige Bestand zu gross sei. Setzten sie sich für eine kleinere Armee ein, gefährdeten sie jedoch die allgemeine Wehrpflicht. Dies weil bei weniger als 100 000 Soldaten die Wehrdienst-Gerechtigkeit nicht mehr gegeben sei. «Die Frage wird die Gemüter noch bewegen.»

«Ihre Waffen nicht angepasst»

Auch in der Kampfjetfrage lässt die GSoA nicht locker, gegen den bevorstehenden Beschluss von Bundesrat und Parlament will sie das Referendum ergreifen. «Die GSoA kommt mir vor wie eine verwelkte Blume», sagt Thomas Hurter (SVP/SH), Präsident der Subkommission zur Beschaffung neuer Kampfjets. Die Armee habe sich seit der Zeit des kalten Kriegs gewandelt, nehme heute neue Aufgaben wahr. Die GSoA bekämpfe sie aber immer noch mit denselben Mitteln wie früher. «Sie hat ihre Waffen nicht angepasst», sagt Hurter, der selbst schon Zielscheibe verbaler Attacken wurde. Abgesehen von Jo Lang verfüge die Gruppe zudem häufig nicht über das nötige Fachwissen. «Sie politisiert oft auf Stammtischniveau.» Die Gruppierung habe ihre Blütezeit hinter sich, sagt auch Politologe Ladner. Sie trete nur noch vereinzelt in Erscheinung. Lang widerspricht: «Wir waren in all den Jahren äusserst aktiv und haben viele Sympathisanten.» Im Volk sei die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge jedenfalls stark umstritten.

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