Statistiker drücken die Augen zu

Trotz gesetzlicher Auskunftspflicht ignorieren jährlich Tausende von Schweizerinnen und Schweizern die Fragebogen, die im Rahmen der Volkszählung verteilt werden. Sie riskieren damit eine gesalzene Rechnung – zumindest in der Theorie.

Kari Kälin
Drucken
Teilen

Der Titel tönt technisch. «Strukturerhebung der eidgenössischen Volkszählung 2014» heisst das Schreiben, das in diesen Tagen in Tausenden von Schweizer Briefkästen gelandet ist. Wie jedes Jahr stellt das Bundesamt für Statistik Fragen zur Religion, zur Ausbildung oder den Wohnkosten. Gänzlich trocken ist die Datenerhebung nicht. Das Bundesamt für Statistik (BFS) will etwa auch wissen, ob hierzulande die Leute auch mit dem Trottinett, dem Skateboard oder den Rollschuhen zur Arbeit düsen.

Gebühr von bis zu 1000 Franken

Die Teilnahme an der Strukturerhebung ist obligatorisch. Schliesslich erhofft sich der Bundesrat von den Daten wichtige Informationen für politische Weichenstellungen. Seit 2010 werden die Daten auf eine neue Weise erhoben. Rund drei Prozent der Bevölkerung erhalten jedes Jahr Fragebogen. Ausgewählt werden sie nach dem Zufallsprinzip. Mit diesem Los geht allerdings eine Pflicht einher. Wer die Fragen gar nicht, zu spät, falsch oder unvollständig beantwortet, dem blüht gemäss dem Volkszählungsgesetz eine gesalzene Rechnung. Für den zusätzlichen Rechercheaufwand darf das BFS nämlich 120 Franken pro Stunde verrechnen. Die sogenannten «Aufwandgebühren», eine Art Strafzahlung, können bis zu 1000 Franken betragen.

Die angedrohten Gebühren scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. In den letzten Jahren haben jeweils 90 Prozent der Befragten, rund 280 000 Personen, die Daten geliefert. Rund 10 Prozent, also knapp 30 000 Personen missachteten die Auskunftspflicht gänzlich. Nicht immer liegt das jedoch am schlechten Willen. Ein Auslandaufenthalt, längere Ferienabwesenheiten, Krankheit oder Gebrechlichkeit sind häufige Gründe für nicht ausgefüllte Fragebogen. 42 Prozent reagieren nach einem ersten Erinnerungsschreiben, bei 12 Prozent müssen die Statistiker zweimal nachhaken, wie das BFS auf Anfrage sagt. Bei 17 Prozent ist wegen mangelhafter Angaben eine telefonische Nachfrage nötig. Allein dieser Rechercheauftrag, den das BFS an eine externe Firma ausgelagert hat, kostet jährlich mehrere Hunderttausend Franken. Diese Summe müsste das BFS eigentlich den Personen in Rechnung stellen, die den Fragebogen ungenügend ausfüllen.

Konziliante Behörden

In der Praxis aber entpuppen sich die gesetzlich festgeschriebenen Gebühren vorläufig als leere Drohung. Wer seine Bürgerpflicht missachtet, hatte bis heute nichts zu befürchten. Das BFS drückt beide Augen zu. «Wir wollen die Leute dazu motivieren, den Fragebogen von sich aus auszufüllen. Es wäre nicht opportun, sie unter Androhung von Gebühren dazu zu zwingen», sagt Marco Buscher, stellvertretender Leiter der Abteilung Bevölkerung und Bildung. Der Aufwand für das Eintreiben der Gebühren wäre laut Buscher unverhältnismässig gross. Ausserdem genügt dem BFS die Stichprobengrösse von 280 000 Personen für verlässliche Aussagen. Buscher spricht von einer «erfreulich hohen Teilnahme». Für immer und ewig kann er Säumigen jedoch nicht Nachsicht garantieren. Sollte die aktuell hohe Rücklaufquote sinken, müsste das BFS künftig doch Gebühren eintreiben. Solange die Bürger jedoch bereitwillig Fragen zu Rollschuhen und Trottinett beantworten, muss niemand mit unerfreulicher Post rechnen.