Das Stöckli wird grüner und weiblicher

Die «grüne Welle» schwappt auch über die kleine Kammer: Die Grünen könnten künftig bis zu sechs Sitze im Ständerat besetzen. Ungemütlich ist die Lage vor dem zweiten Wahlgang für die FDP und für die SP.

Tobias Bär, Anna Wanner, Sven Altermatt
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Nach der Wahl ist vor der Wahl: In 14 Kantonen findet im November ein zweiter Wahlgang statt. 22 von 46 Sitzen sind noch nicht besetzt. Viel zu verlieren hat besonders die SP. Sie hielt bisher 12 Sitze in der kleinen Kammer, konnte sich aber erst drei Sitze sichern.

In den Kantonen Freiburg, Genf, Solothurn und St. Gallen haben die Sozialdemokraten sehr gute, in den Kantonen Bern, Waadt und Wallis gute Chancen auf Erfolg. Im besten Fall kommt die SP also auf zehn Sitze, zwei weniger als bisher.

Die FDP, die sieben Sitze auf sicher hat, muss in vielen Kantonen zittern. Es wackeln insbesondere die Sitze von Olivier Français in der Waadt und der neu zu besetzende Sitz im Tessin. Damit der Freisinn seine 12 bisherigen Sitze halten kann, muss in den zweiten Wahlgängen alles aufgehen.

Die CVP bleibt die stärkste Partei in der kleinen Kammer

Im Gegensatz zum Nationalrat, wo sie 12 Sitze einbüsste, scheint die SVP ihre Sitze im Ständerat halten zu können. Trotz des Verlusts des Glarner Sitzes hat sie vier von bisher sechs Sitzen auf sicher, wenn man den zur SVP-Fraktion gehörenden Parteilosen Thomas Minder dazurechnet. In fünf Kantonen hat die wählerstärkste Partei reelle Erfolgschancen.

Die CVP dürfte die Stellung als stärkste Partei im Stöckli verteidigen. Acht Sitze konnten die Christlichdemokraten bereits sichern. Andrea Gmür wird in Luzern voraussichtlich kampflos gewählt, drei Sitze in den Kantonen Wallis, St. Gallen und Freiburg hat die CVP wohl auf sicher. Kann sie zudem den zweiten Walliser Sitz sowie den Tessiner Sitz verteidigen und in Schwyz reüssieren, dann kommt sie auf 15 Sitze, einen mehr als bisher.

Den Grünen traute man im Vorfeld der Wahlen kaum markante Zugewinne im Ständerat zu. Es hiess, die Ökopartei müsse sich wohl mit zwei Sitzen in der kleinen Kammer begnügen, einem mehr als bisher. Auf zwei Sitze kommen die Grünen nun schon nach der ersten Runde: Mathias Zopfi gewann auf Kosten der SVP einen Glarner Sitz und in Neuenburg liess Céline Vara überraschend alle anderen linken Kandidaten hinter sich.

Vier grüne Frauen mit guten Chancen

Zu den beiden Gewählten könnten sich nach den zweiten Wahlgängen vier Parteikolleginnen gesellen: Lisa Mazzone (GE), Maya Graf (BL), Adèle Thorens (VD) sowie Regula Rytz, die in Bern zusammen mit SP-Mann Hans Stöckli ein linkes Duo bilden könnte. Ein solches gab es seit 1971 erst in den Kantonen Waadt, Genf und Neuenburg.

Mit sechs Sitzen wären die Grünen im Ständerat immer noch eine kleine Kraft, die grüne Welle wäre aber auch über die kleine Kammer geschwappt. Allerdings bleibt die zweite Wahlsiegerin, die GLP, im Ständerat aussen vor.

Aus dem Ständerat verschwinden wird die BDP. Die gebeutelte Partei kann den Sitz von Werner Luginbühl in Bern nicht verteidigen. Ihre Kandidatin Beatrice Simon hat sich nach dem schlechten Abschneiden vom Sonntag und auf Druck der anderen bürgerlichen Parteien zurückgezogen.

Die Mehrheitsverhältnisse im Ständerat verschieben sich minim – und nähern sich jenen im Nationalrat an. Die Mitte-links-Mehrheit aus CVP, SP und Grünen dürfte noch leicht ausgeprägter sein als bisher. Trotzdem spielen die Allianzen zwischen CVP und FDP oder zwischen der Linken und der FDP: Sie können auch weiterhin Mehrheiten bilden.

Der Frauenanteil steigt auch im Ständerat

Steigen wird die Zahl der weiblichen Mitglieder der kleinen Kammer. Vor den Wahlen sassen sechs Frauen im Ständerat, der Frauenanteil betrug 13 Prozent. Weil mit Brigitte Häberli (TG) nur eine Bisherige wieder kandidierte, gab es Bedenken, dass der Anteil noch weiter sinken könnte.

Diese Gefahr ist gebannt: Zu den bereits gewählten Heidi Z’graggen (UR), Eva Herzog (BS), Céline Vara (NE), Elisabeth Baume-Schneider (JU) und Häberli werden sich vier bis sieben weitere Ständerätinnen gesellen. Der bisherige Höchstwert datiert von 2003, als elf Frauen ins Stöckli gewählt wurden

Ständeratswahlen: Gewählte und Nichtgewählte im Überblick

Der Ständerat ist komplett. Das sind alle 46 gewählten Ständerätinnen und Ständeräte. (Bild: Keystone)
27 Bilder
AargauKnecht Hansjörg (SVP, 73'692 Stimmen, links im Bild)Burkart Thierry (FDP, 99'372 Stimmen, rechts im Bild)
Appenzell AusserrhodenAndrea Caroni (FDP, 11'490 Stimmen)
Appenzell InnerrhodenDaniel Fässler (CVP, bereits am 28. April 2019 gewählt)
Basel-LandschaftMaya Graf (Grüne, 32’581 Stimmen)
Basel-StadtEva Herzog (SP, 37'230 Stimmen)
BernWerner Salzmann (SVP, 154'586 Stimmen, links im Bild)Hans Stöckli (SP, 157'750 Stimmen, rechts im Bild)
FreiburgJohanna Gapany (FDP, 31'122 Stimmen)Christian Levrat (SP, 38'337 Stimmen)
GenfLisa Mazzone (Grüne, 45'998 Stimmen)Carlo Sommaruga (SP, 41'839 Stimmen)
GlarusThomas Hefti (FDP, 7544 Stimmen)Mathias Zopfi (Grüne, 5684 Stimmen)
GraubündenStefan Engler (CVP, 30'033 Stimmen)Martin Schmid (FDP, 26'629 Stimmen)
JuraElisabeth Baume-Schneider (SP, 8895 Stimmen)Charles Juillard (CVP, 7630 Stimmen)
LuzernAndrea Gmür (CVP, in stiller Wahl bestätigt)Damian Müller (FDP, 65'784 Stimmen)
NeuenburgPhilippe Bauer (FDP, 11’044 Stimmen)Céline Vara (Grüne, 10'035 Stimmen)
NidwaldenHans Wicki (FDP, stille Wahl)
ObwaldenErich Ettlin (CVP, stille Wahl)
St. GallenPaul Rechsteiner (SP, 62'750 Stimmen, links im Bild)Beni Würth (CVP, 77'893 Stimmen, rechts im Bild)
SchaffhausenHannes Germann (SVP, 17'333 Stimmen)Thomas Minder (parteilos, 14'813 Stimmen)
SchwyzOthmar Reichmuth (CVP, 19'582 Stimmen)Alex Kuprecht (SVP, 24'695 Stimmen)
SolothurnPirmin Bischof (CVP, 42'234 Stimmen)Roberto Zanetti (SP, 42'666 Stimmen)
TessinMarina Carobbio Guscetti (SP, 36'469 Stimmen)Marco Chiesa (SVP, 42'552 Stimmen)
ThurgauBrigitte Häberli-Koller (CVP, 43'434 Stimmen)Jakob Stark (SVP, 37'913 Stimmen)
UriJosef Dittli (FDP, 7576 Stimmen)Heidi Z'graggen (CVP, 7086 Stimmen)
WaadtOlivier Français (FDP, 86'354 Stimmen)Adèle Thorens Goumaz (Grüne, 83'031 Stimmen)
WallisMarianne Maret (CVP, 48'402 Stimmen)Beat Rieder (CVP, 52'355 Stimmen)
ZugPeter Hegglin (CVP, 19'909 Stimmen)Matthias Michel (FDP, 17'206 Stimmen)
ZürichDaniel Jositsch (SP, 216'679 Stimmen)Ruedi Noser (FDP, 185'276 Stimmen)

Der Ständerat ist komplett. Das sind alle 46 gewählten Ständerätinnen und Ständeräte. (Bild: Keystone)