STAATSAKT: Der heilige Eidgenosse

Für Bundespräsidentin Doris Leuthard ist er «Kompass und Lebenshilfe»: Niklaus von Flüe (1417–1487) erlangte als Bruder Klaus aber schon zu Lebzeiten Ruhm und Ehre. Mit einem Staatsakt wurde des Eremiten zum 600. Geburtstag gedacht.

Urs-Ueli Schorno, Sarnen
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Bundespräsidentin Doris Leuthard gab Bruder Klaus auf dem Sarner Landenberg beim Staatsakt die Ehre. Neben ihr der Obwaldner Landammann Franz Enderli (rechts). (Bilder: Pius Amrein (Sarnen, 30. April 2017))

Bundespräsidentin Doris Leuthard gab Bruder Klaus auf dem Sarner Landenberg beim Staatsakt die Ehre. Neben ihr der Obwaldner Landammann Franz Enderli (rechts). (Bilder: Pius Amrein (Sarnen, 30. April 2017))

Urs-Ueli Schorno, Sarnen

Grosser Aufmarsch für Bruder Klaus: 300 offizielle Vertreter sind gestern auf Einladung des Kantons Obwalden auf den Sarner Landenberg gezogen, um den 1417 geborenen Obwaldner Eremiten Niklaus von Flüe mit einem Staatsakt zu ehren. Allen voran: Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP), die vom Obwaldner Landammann Franz Enderli (CSP) begrüsst wurde. Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart sowie Schriftsteller und Literaturprofessor Peter von Matt, der die Festrede hielt, trugen weiter zum offiziellen Festakt bei (siehe dazu die beiden Artikel auf der gegenüberliegenden Seite). Aber auch viele kirchliche Würdenträger waren da – einmal abgesehen vom für Obwalden zuständigen Churer Bischof Vitus Huonder, der es vorzog, sich von seinem Generalvikar Martin Kopp vertreten zu lassen.

Zu den erwähnenswerten Abwesenden gehörten auch die Appenzeller und die Waadtländer. Als einzige Kantone entsandten sie keine Vertretung ihrer Regierungen in den Obwaldner Hauptort. Die beiden Stände hatten dazu immerhin gute Gründe: In der Waadt standen kantonale Wahlen an, welche die Präsenz der Regierung erforderten. In Appenzell war Landsgemeinde. Diese wenn auch heute nicht unumstrittene Urform der Demokratie gab es schon zu Lebzeiten des Niklaus von Flüe, der später als Bruder Klaus bekannt wurde.

Die Obwaldner hielten sie von 1646 bis 1998 auf dem Landenberg ab, an ebendiesem Ort, wo sich 800 Personen versammelten, um ihres wirkmächtigen Landsmanns zum 600. Geburtstag zu gedenken. Es war auch die Landsgemeinde, an welcher der gottgläubige Sachsler aus dem Flüeli als 14-Jähriger zum ersten Mal seine Hand erhob – und damit seine politische Stimme. Später tat der gelernte Bauer dies als Ratsherr und Richter. Seiner Fähigkeit zum friedvollen Kompromiss verdankt er, neben seiner religiösen Ausstrahlung, schliesslich auch die Wertschätzung, die er bis heute als Heiliger und Landespatron erfährt.

Der Bauer und Bruder, dem die Frau vertraute

Bundespräsidentin Doris Leuthard begegnet Bruder Klaus beinahe täglich: Seine Statue steht in der Eingangshalle des Bundeshauses, wo er als Landespatron schützend und segnend die Parlamentarier schirmt. Er ist dort als einzig historisch verbürgte Person in Stein verewigt. Leuthard machte sich in ihrer bundesrätlichen Grussbotschaft auf, den Bogen vom Mittelalter in die aktuelle politische Schweiz zu spannen. «Vielen ist er auch heute Kompass und Lebenshilfe – auch mir», sagte sie. Als hervorragende Eigenschaft strich sie von Flües Vertrauenswürdigkeit heraus. «In einer Zeit der permanenten Informationsüberflutung, der alternativen Fakten und der ‹fake news› ist der Kampf um das Vertrauen der Menschen ein hartes Brot.» Insbesondere hob sie das Vertrauen hervor, das ihm seine Frau Dorothea entgegenbrachte, indem sie ihn sich in den Flüeli-Ranft zurückziehen liess. Leuthard zitierte die moderne Bruder-Klaus-Forschung: «Dieses Leben war ihm möglich, weil auch seine Frau Dorothea Ja sagte zu ihm, seiner Überzeugung, seinem Glauben, seinem einsamen Leben.»

1467 verliess von Flüe seine Frau und die zehn Kinder, um in Richtung Hochrhein zu pilgern. Der Legende nach erlebte er oberhalb von Liestal eine Vision, kehrte um und liess sich schliesslich im Flüeli-Ranft nieder, zehn Gehminuten von seinem Wohnhaus entfernt. Fortan nannte er sich Bruder Klaus.

Es ist in Anbetracht der historischen Verquickungen – in von Flües Lebzeit fallen die boomende Reisläuferei, die Entstehung der Eidgenossenschaft und der explodierende Tell-Mythos – nicht verwunderlich, dass bei diesem nationalen Gedenkanlass die politische Dimension dieser vielschichtigen Figur besonders herausgestrichen wurde. «Er war der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort», resümierte die Bundespräsidentin.

Denn trotz der Abgeschiedenheit, die der 1947 heiliggesprochene Mystiker suchte, um seinen Visionen folgend ein gottesfürchtiges Leben zu führen, war er kein einsamer Eremit. Er war über das Wichtige in Gesellschaft und Politik informiert, hatte ein gutes Gespür für die Menschen, die ihn immer wieder um Rat ersuchten, ihm beim Bau seiner Klause halfen und eine Kapelle errichteten. Von Flües Bekanntheit zu Lebzeiten ist es denn auch zu verdanken, dass sein Wirken für einen Bauern des Mittelalters ausserordentlich gut dokumentiert ist. Natürlich sind dabei auch viele Mythen, Legenden und spätere Zuschreibungen überliefert – die seine Biografen bis heute bemüht sind, von den bekannten Fakten zu trennen. Frei nach der Bundespräsidentin: «Bruder Klaus hat dies geschafft – ohne PR und Social Media.»

Mit geflügelten Worten wie jenem vom Zaun («Machet den Zun nicht Zwyt» oder «Mischt euch nicht in fremde Händel ein») lassen sich noch in der modernen Schweiz Wahlkämpfe bestreiten und politischer Schabernack anstellen. Dies, obwohl die Worte ihm wohl erst 50 Jahre später zugeschrieben wurden – und sie bestenfalls aus seinem Munde stammen könnten.

Gesichert scheint dagegen sein Beitrag zum Stanser Verkommnis von 1481, wenn auch nicht im Wortlaut. Auch dank von Flües – geheimem – Rat haben sich die zerstrittenen Stadt- und Landkantone damals im letzten Moment zusammengerauft. Das Abkommen blieb in der Tat lange das einzige Schriftstück, das den Bund der Eidgenossen regelte. Es gilt als Meilenstein eidgenössischer Identitätsfindung.

Von Flüe auf Schweiz-Tournee

Kurz vor seinem radikalen Wandel im Alter von 50 Jahren hätten die Obwaldner den geachteten Bauern von der Flüe gerne als ihren Landammann gesehen. Er lehnte ab, um Bruder Klaus zu sein. Dem heutigen Landammann des Kantons Obwalden ist Bruder Klaus denn auch eine Herzensangelegenheit. Als «würdig und würzig» fasste Franz Enderli die Feier zusammen. Bemerkenswert: Der gelernte Theologe Enderli setzte sich etwa als Bildungsdirektor dafür ein, dass von Flüe den ihm gebührenden Platz in der Umsetzung des Lehrplans 21 fand.

Für den 600. Geburtstag von Niklaus von Flüe erteilte die Obwaldner Regierung erneut einen Auftrag. Die Vermittlung des Wirkens von Bruder Klaus wurde in einer Langfriststrategie als Ziel festgeschrieben. Es ist die Grundlage für das angelaufene Gedenkjahr unter dem Motto «mehr Ranft». Eine Gedenkpublikation und ein Mobil, das im Sommer durch alle Kantone tourt, sind Teil davon. Zudem gibt es einen Schüleraustausch, bei dem junge Obwaldner Klassen andere Kantone besuchen und von Bruder Klaus erzählen. Auch ein Visionsgedenkspiel ist Teil der zahlreichen Aktivitäten rund um den wohl berühmtesten Obwaldner.