Sprachenvielfalt im Stadion: Fussballverband überprüft seine Durchsagen-Politik

Italienisch bleibt bei Spielen der Schweizer Fussballnati aussen vor. Auf Druck aus dem Kanton Tessin hinterfragt jetzt der Schweizerische Fussballverband seine Sprachenpolitik.

Kari Kälin
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Cédric Itten köpfelt den Ball ins Tor zum 1:0 gegen Georgien. Auf Italienisch vermeldete der Speaker den Siegestreffer der Fussballnati nicht.

Cédric Itten köpfelt den Ball ins Tor zum 1:0 gegen Georgien. Auf Italienisch vermeldete der Speaker den Siegestreffer der Fussballnati nicht.

Urs Lindt, freshfocus

Die Freude über den 1:0-Sieg war gross, doch für Diego Erba blieb ein bitterer Nachgeschmack. Als der Koordinator des Forums für die italienische Sprache in der Schweiz vor zwei Wochen in St. Gallen das Länderspiel Schweiz gegen Georgien besuchte, stellte er fest: Die offiziellen Durchsagen gibt es auf Deutsch, Französisch und Englisch, nicht aber auf Italienisch. Erba warf dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) in einem Brief mangelnden Respekt vor der dritten Landessprache vor. In seiner Antwort erklärt SFV-Präsident Dominique Blanc, der Fussballverband werde seine Sprachenpolitik überprüfen. Er sei sich der Bedeutung der Mehrsprachigkeit der Schweiz bewusst. Gleichzeitig dämpft Blanc die Erwartungen. «Aus praktischen Gründen scheint es uns unmöglich, die Durchsagen in vier Sprachen zu machen.» Das Vermelden einer Auswechslung oder eines Treffers würde zu viel Zeit brauchen. «Schon mit drei Sprachen stossen wir an unsere Grenzen.»

Derzeit verkündet der Speaker die Aufstellung, die Torschützen, die Zuschauerzahl und andere Mitteilungen in Deutsch, Französisch und Englisch oder, je nach Bedürfnis der Gästemannschaft, in einer anderen dritten Sprache. Die Fifa und die Uefa verlangen aus Sicherheitsgründen, dass auch die Gästefans die Ansagen verstehen. Das Italienisch steht nur dann nicht im Abseits, wenn die Nati auf Tessiner Rasen aufläuft. In diesem Fall verzichtet der SFV auf französische Ansagen.

Bundesrat Cassis steht hinter dem Forum 

Diego Erba freut sich über den Bescheid aus der SFV-Zentrale. Das Forum werde jetzt abwarten, zu welchen Resultaten der Fussballverband nach der Überprüfung gelange. Gleichzeitig wartet er mit einem Vorschlag auf. Wenn viersprachige Durchsagen unmöglich seien, könnte der Fussballverband seiner Meinung nach einen Turnus anwenden. Neben der Sprache für die Gästefans kämen abwechslungsweise Deutsch und Italienisch, Französisch und Deutsch sowie Italienisch und Französisch zum Zug. Unterstützung zugunsten von mehr Sprachenvielfalt im Stadion erhält Erba auch von höchster Ebene. Der Tessiner Bundesrat Ignazio Cassis unterstützte dessen Beschwerdebrief an den Fussballverband. «Die Schweizer Fussballnationalmannschaft spielt sowohl für den Landeszusammenhalt als auch für das Ansehen der Schweiz in der Welt eine wichtige Rolle», sagt Cassis. «Sie sollte diesen Aspekt deshalb nicht vergessen.»

Dem Forum für das Italienische in der Schweiz haben sich 38 Organisationen angeschlossen, darunter zahlreiche Universitäten. Präsidiert wird es vom Tessiner Erziehungsdirektor Manuele Bertoli. Zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport unterstützen die Bemühungen zur Förderung der Sprache Dantes als «Freunde» des Forums, etwa Staatssekretär Roberto Balzaretti, UBS-Chef Sergio Ermotti, Architekt Mario Botta – oder Pierluigi Tami, der Direktor der Schweizer Fussballnationalmannschaft.

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