«Spionage-Coup des Jahrhunderts» aufgedeckt: CIA hörte mit Schweizer Firma 100 Staaten ab

Der «Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts» ist aufgeflogen. Im Zentrum der Ermittlungen steht eine Schweizer Firma in Zug. Die Schweiz reagiert.

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Über die Zuger Firma Crypto hörte die CIA über 100 Staaten ab.

Über die Zuger Firma Crypto hörte die CIA über 100 Staaten ab.

Keystone/Urs Flüeler

(amü/watson.ch/sda) Die CIA und der BND hörten über die Zuger Firma «Crypto» mehr als 100 Staaten ab. Dies zeigt die gemeinsame Recherche der SRF «Rundschau», des ZDF und der Washington Post, die von einem «Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts» schreibt. Spioniert wurde mit manipulierten Verschlüsselungsgeräten der Crypto AG.

Der Bundesrat hat bereits eine Untersuchung eingeleitet.

Gerüchte, dass Geheimdienste hinter der Zuger Fima Crypto stehen, hatte es immer wieder gegeben. Doch jetzt beweisen geleakte Dokumente der CIA und des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND): Die beiden Geheimdienste hörten über 100 Staaten ab, hunderttausende geheime Nachrichten zwischen Regierungsstellen, Behörden, Botschaften oder militärischen Stellen wurden systematisch abgefangen.

Wie lief die Spionage ab?

Unter anderem mit dieser modifizierten Schweizer Cryptomaschine hörte der CIA 100 Staaten ab.

Unter anderem mit dieser modifizierten Schweizer Cryptomaschine hörte der CIA 100 Staaten ab.

wikicommons/willi geiselmann/cc by-sa-3.0

1970 kaufen der westdeutsche BND und die CIA zu gleichen Teilen die Firma Crypto AG mit Sitz in Zug – verschleiert über eine Stiftung in Liechtenstein. Bereits vorher bestand eine lose Zusammenarbeit, doch mit dem Kauf der Firma hatten die Geheimdienste nun die totale Kontrolle. Die Crypto AG war Marktführerin für Chiffriergeräte – Maschinen, die geheime Kommunikation verschlüsseln sollen, damit sie nicht abgehört wird.

Bruno von Ah, ehemaliger Mitarbeiter, sagt gegenüber der «Rundschau»: «Irgendwann merkten mein Vorgesetzter und ich, dass die Geräte eine Hintertür haben.» Die Crypto AG hat über Jahrzehnte zwei Formen von Verschlüsselung in die Geräte eingebaut: eine sichere und eine unsichere, also knackbare. Die sichere Ausführung erhielten nur wenige Länder, unter anderem die Schweiz.

Auf den rund 280 Seiten des Geheimdienst-Dossiers wird die sogenannte «Operation Rubikon» als «eine der erfolgreichsten nachrichtendienstlichen Unternehmungen der Nachkriegszeit» bezeichnet. Prof. Richard Aldrich von der Universität Warwick kommt zum Schluss:

«Die Operation Rubikon war eine der kühnsten und auch skandalträchtigsten Operationen, denn über hundert Staaten zahlten Milliarden Dollar dafür, dass ihnen ihre Staatsgeheimnisse gestohlen wurden.»

Welche Länder sind betroffen?

So nutzten die USA die Crypto-Spionage

Die USA verhandelten 1981 über die amerikanischen Geiseln im Iran. Die Crypto-Geräte verschafften dem Land einen Vorteil.

Die USA verhandelten 1981 über die amerikanischen Geiseln im Iran. Die Crypto-Geräte verschafften dem Land einen Vorteil.

EPA

Die Crypto AG belieferte die ganze Welt, unter anderem Saudi-Arabien, Argentinien und den Iran. Die Firma operierte aus der Schweiz, die als neutral galt – was während des Kalten Kriegs und des Nahostkonflikts ein wichtiges Verkaufsargument war. Insbesondere die USA nutzten dies politisch aus. Weil sie die Länder abhören konnten, hatten die USA einen enormen Vorteil bei Verhandlungen oder der strategischen Kriegsführung. Die Crypto-Geräte spielten etwa eine essenzielle Rolle bei den Camp-David-Verhandlungen 1979, bei den Verhandlungen über die amerikanischen Geiseln im Iran 1981 und bei der US-Invasion in Panama 1989.

War die Schweiz eingeweiht?

Aus den Dokumenten geht laut SRF hervor, dass die Schweizer Geheimdienste in die Operation der CIA und des BND eingeweiht waren: «Die Bundespolizei (das Schweizer Pendant zum amerikanischen FBI) hat den militärischen Nachrichtendienst kontaktiert. Hohe Beamte der Organisation hatten generell Kenntnis von der Rolle Deutschlands und der USA im Zusammenhang mit der Crypto AG und trugen dazu bei, diese Beziehung zu schützen.»

Recherchen der «Rundschau» bestätigen: Mitarbeitende der Schweizer Nachrichtendienste wussten Bescheid. Damals mutmasslich Involvierte wollten keine Stellung nehmen oder aber sagten, sie hätten keine Kenntnis von der Operation gehabt. Es gibt auch Hinweise, dass «Schlüsselpersonen in der Regierung» von der Operation wussten.

Ist die Spionage-Operation beendet?

Der BND hat 1993 entschieden, aus der Operation auszusteigen. Diesen Austritt verhandelte Bernd Schmidbauer, damals zuständig für den BND im Kanzleramt. Schmidbauer bestätigt die Recherche und sagt:

«Die Operation hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geworden ist.»

Die CIA blieb damals in der Firma und hat diese Operation noch bis mindestens 2018 weitergeführt. Dies bestätigen mehrere Quellen.

Was macht der Bundesrat?

Bundesrätin Amherd informierte den Bundesrat im November über die Affäre.

Bundesrätin Amherd informierte den Bundesrat im November über die Affäre.

Keystone

Der Bundesrat hat aufgrund der Recherchen am 15. Januar beschlossen, eine Untersuchung in Auftrag zu geben. Dies bestätigte Renato Kalbermatten, Sprecher des Verteidigungsdepartements (VBS), gegenüber Keystone-SDA.

Mit der Untersuchung beauftragt wurde Niklaus Oberholzer, der bis Ende 2019 als Bundesrichter amtierte. Er soll die Faktenlage klären und bis Ende Juni dem VBS Bericht erstatten.

Das VBS hatte den Bundesrat am 5. November über den Fall informiert, wie es in einer Stellungnahme schreibt. Die zur Diskussion stehenden Ereignisse hätten um 1945 ihren Anfang genommen und seien heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren, hält das VBS fest. Aus diesem Grund habe der Bundesrat beschlossen, das Thema untersuchen zu lassen.

Der Nachrichtendienst habe Verteidigungsministerin Viola Amherd am 19. August erstmals Gerüchte zur Kenntnis gebracht, die um die Firma Crypto kursierten. Nach weiteren Recherchen sei eine ausführliche Information am 31. Oktober erfolgt. Bundesrätin Amherd habe daraufhin den Bundesrat in dessen Sitzung vom 5. November informiert. Am 12. November seien auch die Aufsichtsbehörden über den Nachrichtendienst in Kenntnis gesetzt worden.

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