Solidarität spielt: Jung und Alt helfen sich gerne

Jung finanziert Alt – zum Beispiel bei der Krankenkasse und der Altersvorsorge. Auf das konkrete Familienleben hat diese Tatsache, die regelmässig heftige politische Kontroversen auslöst, indes keine negativen Auswirkungen.

Kari Kälin
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Jung finanziert Alt – zum Beispiel bei der Krankenkasse und der Altersvorsorge. Auf das konkrete Familienleben hat diese Tatsache, die regelmässig heftige politische Kontroversen auslöst, indes keine negativen Auswirkungen. «Die empirische Forschung zeigt: Die Beziehung erwachsener Kinder zu ihren Eltern ist in der Schweiz so gut wie noch nie», sagt François Höpflinger, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Zürich. Auch im europäischen Vergleich stehe die Schweiz gut da.

Finanziell unterstützen

Dass die Generationensolidarität intakt ist, legt auch eine aktuelle Erhebung des Bundesamtes für Statistik nahe, für die 17 288 Personen befragt wurden. So finden zum Beispiel 64 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen, Eltern sollten ihre erwachsenen Kinder bei finanziellen Schwierigkeiten unterstützen. 62 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen sind überzeugt, dass umgekehrt auch erwachsene Kinder ihren Eltern bei Geldnöten beistehen sollen. Am geringsten fällt die Zustimmung für solche Hilfeleistungen bei den 45- bis 64-Jährigen aus. Es handelt sich dabei um die sogenannte «Sandwich»-Generation, die ihr Portemonnaie gleichzeitig für die Eltern und die Kinder öffnen müsste.

François Höpflinger überrascht dies nicht. «Normative Vorstellungen befürwortet man dann, wenn man selber nicht davon betroffen ist», sagt er.

Tessiner an der Spitze

Mit Abstand am meisten Unterstützung findet das Postulat nach gegenseitiger finanzieller Unterstützung bei den Tessinern. Für den Alterssoziologen Höpflinger ist klar, dass der Südkanton in dieser Frage die kulturellen Normen Italiens übernimmt. Dort ist die Vorstellung, dass man sich bei finanziellen Problemen innerhalb der Familie aus der Patsche hilft, stärker verbreitet als in der Schweiz.

Auf Unabhängigkeit pochen

Im Bereich der Pflege lassen die Daten auf den ersten Blick den Schluss zu, dass es mit der Solidarität nicht weit her ist. Nur ein Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen sind der Ansicht, dass Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern bei sich aufnehmen sollten. Für Höpflinger ist dies jedoch kein Indiz für einen Generationenkonflikt. «In der Schweiz herrscht die Vorstellung, dass jede Generation für sich selber sorgt und die Alterspflege eine staatliche Aufgabe ist.» Dass mehrere Generationen im gleichen Haushalt wohnen, sei in der Schweiz gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Interessanterweise sehen ausgerechnet die 65- bis 80-Jährigen, die am ehesten auf Pflege angewiesen ist, ihre Kinder am wenigsten in der Pflicht. Nur 16 Prozent finden, der Nachwuchs solle sich in diesem Fall um sie kümmern. François Höpflinger: «Einerseits wollen sie ihren Kindern nicht zur Last fallen. Andererseits wollen sie auch ihre Unabhängigkeit bewahren.» In nordischen Staaten und auch in der Schweiz engagieren sich Grosseltern häufiger bei der Betreuung ihrer Enkelkinder als Grosseltern in südlichen Ländern. In der Schweiz hüten fast ein Viertel regelmässig die Enkelkinder. «Diese Entlastung ist für erwerbstätige Eltern sehr wichtig», sagt Höpflinger.

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