Woran die Verwahrung eines Kinderschänders scheiterte

William W. hat sechs Kinder missbraucht. Jetzt soll er rückfällig geworden sein. Wie konnte es so weit kommen? Die Hintergründe zu einem Fall, der die Justiz verändern wird.

Andreas Maurer und Lucien Fluri
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William W. wird am Montag, 26. November 2018, mit einem Polizeiwagen abgeführt. Bild: Screenshot Tele M1

William W. wird am Montag, 26. November 2018, mit einem Polizeiwagen abgeführt. Bild: Screenshot Tele M1

Seit drei Wochen führte William W. das Restaurant Kleinholz in Olten. Er feierte die Neueröffnung des Lokals mit südamerikanischer Küche und Musik. Mit dem neuen Namen des Lokals kündigte er Grosses an: Palacio de la Paz, Friedenspalast.

Um selber den Frieden zu finden und sich von den Spuren seiner Vergangenheit zu lösen, verpasste er sich selbst eine neue Identität. Der gebürtige Kolumbianer stellte sich seinen Gästen mit anderem Namen vor. So erinnerte nichts mehr an den schweizweit bekannten William W., den sechsfachen Kinderschänder. Am 11. November lud er ein Foto auf sein neues Facebook-Profil. Er steht vor der geöffneten Türe und bittet den Betrachter mit einer Handbewegung in sein leeres Lokal.

Ein Aufschrei ging durch das Land

Auch ein achtjähriger Bub fand dem Vernehmen nach den Weg in den Friedenspalast. Dort soll ihm der Wirt in die Hose gegriffen und ihn am Geschlechtsteil berührt haben. Als die Solothurner Staatsanwaltschaft vom Verdacht erfuhr, handelte sie sofort: Sie liess W. im Wirtshaus festnehmen und eröffnete ein Verfahren wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind. Nach der Polizeiaktion ging ein Aufschrei durch das Land. Weshalb konnte ein zweifach vorbestrafter Sexualstraftäter, der als gefährlich eingestuft wurde, eine Beiz neben einem Spielplatz führen?

Das Leben des 45-Jährigen ist ein Desaster. Mit 26 Jahren wurde er vom Bezirksgericht Aarau verurteilt, weil er sich an fünf Kindern vergangen hatte. Mit 33 Jahren schlug er erneut zu: Er lockte ein achtjähriges Mädchen von einem Trampolin in Starrkirch SO weg und vergewaltigte es. Danach sass er zehn Jahre im Gefängnis sowie in 239 Therapiesitzungen.

Gemäss seinem Gutachter Elmar Habermeyer kam er dabei «keinen Zentimeter» weiter. Das Problem: W. konnte nicht einsehen, dass er pädophil ist. Er weigerte sich, an einer Gruppentherapie mit anderen pädosexuellen Tätern teilzunehmen. Die Therapie war sinnlos, trotzdem wollten die Behörden die stationäre Massnahme immer wieder verlängern. Da sein Rückfallrisiko als «mittelgradig bis hoch» eingestuft wurde, suchten die Behörden nach einem Grund, ihn im Gefängnis zu behalten. Doch das Solothurner Obergericht stellte fest, dass eine Rechtsgrundlage für die lange Haftdauer fehlte. So kam W. mit 43 Jahren frei.

Als die Richter den Serientäter freiliessen, hatten sie ein schlechtes Gewissen. So lässt sich erklären, dass die Behörden ein spezielles Setting konstruierten. Es bestand aus vier Elementen. Die erste Massnahme war eine Drohung. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine nachträgliche Verwahrung, sistierte dieses Verfahren aber. Die zweite Massnahme war eine ambulante Therapie. W. musste seit seiner Freilassung rund 100 weitere Sitzungen absolvieren. Einmal pro Woche besuchte er einen Psychiater. Erst kurz bevor W. wieder verhaftet wurde, hatte ein Gutachter dann das Erwartbare festgestellt. Die Therapie sei aussichtslos.

Fussfessel hat vor allem psychologischen Effekt

Die dritte Massnahme war Bewährungshilfe. Einmal pro Woche traf W. einen Sozialarbeiter. Die vierte Massnahme war eine GPS-Fussfessel, die W. rund um die Uhr tragen musste.

Electronic Monitoring läuft aber nicht so ab, wie man sich das vielleicht vorstellt. Es gibt in der Solothurner Verwaltung keine Bildschirme, auf denen man die Bewegungen der überwachten Täter mitverfolgen könnte. Die Fussfessel hat vor allem einen psychologischen Effekt: Der Täter weiss, dass seine Aufenthaltsorte dokumentiert werden, mehr nicht.

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass sich W. in Freiheit bewährt, ist Michael Leutwyler, Leiter des Amts für Justizvollzug. Er koordiniert die Massnahmen in Solothurn. Eine Frage zeichnete diese Woche Augenringe in sein Gesicht. Formuliert wurde sie von einer aufgebrachten Öffentlichkeit. Sie lautet: Was hat er falsch gemacht? Leutwyler schüttelt den Kopf und sagt: «Eine Anbindung in einem ambulanten Setting verspricht eine Verhaltensänderung und ist deshalb besser als nichts. Damit lässt sich aber keine absolute Rückfallprävention erreichen.» Konrad Jeker ist der amtliche Verteidiger von W. und setzt sich damit einem Shitstorm aus. Wegen seines berühmt-berüchtigten Klienten wird er beschimpft und bedroht.

Der Tenor in der gesellschaftlichen Debatte ist einhellig: W. wurde rückblickend zu wenig überwacht. Doch auch nach der erneuten Inhaftierung vertritt ­Jeker einen anderen Standpunkt: «Das Setting war nicht etwa zu weit, sondern viel zu eng.» Die Überwachung mit der GPS-Fussfessel sei unnötig gewesen, das bringe überhaupt nichts. Im Gegenteil: «Die Massnahme kann kontraproduktiv sein, wenn sie vom Betroffenen als Schikane empfunden wird.»

Vorbild Deutschland

Das Bundesamt für Justiz kommt zu einem anderen Schluss. Kurz bevor die Polizei im Restaurant in Olten einfuhr, erkannte die Bundesbehörde im Fall W. eine Lücke des Justizsystems. Das Bundesamt schlägt für gefähr­liche Straftäter mit erhöhtem Rückfallrisiko eine neue Massnahme nach deutschem Vorbild vor, die das Schweizer Justizsystem künftig prägen könnte: eine Aufsichtsmassnahme.

Mit dieser sollen die Justizbehörden nach einer Entlassung aus dem Gefängnis strengere Überwachungen und Kontrollen als heute anordnen können. Werden diese verletzt, könnten die Täter sofort wieder ins Gefängnis oder in die Psychiatrie eingewiesen werden.