Sie verteidigte das Kopftuchverbot für Mädchen bis 10 Jahre: Jetzt steht die Schweizer Politologin Elham Manea am Islamophobie-Pranger

Die schweizerisch-jemenitische Menschenrechtsaktivistin Elham Manea plädiert für einen liberalen Islam. Das passt nicht allen. Die Erdogan-nahe Seta-Stiftung mit Sitz in der Türkei drängt die Politologin im aktuellen Islamophobiebericht in die Ecke der Islamfeinde.

Kari Kälin
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Die Politikwissenschafterin und Muslimin Elham Manea bei einem Besuch des des Museums der Islamischen Zivilisationen in La Chaux-de-fonds.

Die Politikwissenschafterin und Muslimin Elham Manea bei einem Besuch des des Museums der Islamischen Zivilisationen in La Chaux-de-fonds.

Keystone

Ein älterer Mann beschimpft eine 14-jährige Schülerin mit Kopftuch in der Metro in Lausanne als «Schlampe» und «muslimischen Dreck». In einem Tram in Bremen beleidigt ein Mann einen muslimischen Teenager und verletzt ihn schwer mit einem Messer. Das sind zwei von zahlreichen antimuslimischen Vorfällen, die der vor kurzem erschienene europäische Islamophobiebericht 2019 auflistet. Der Rapport wird herausgegeben von der Seta-Stiftung, die personell eng verbandelt ist mit der APK, der Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Im Kapitel über die Schweiz zitiert Religionswissenschaftler Oliver Wäckerlig auf eine Umfrage des Bundesamtes für Statistik, gemäss der 14 Prozent der Bevölkerung Muslimen systematisch negative Eigenschaften wie Fanatismus, Aggressivität oder Unterdrückung von Frauenrechten zuschreiben. Kurzum: Islamfeindlichkeit ist keine Fatamorgana. Sie existiert. In Europa. Auch in der Schweiz.

Kopftuchverbot an Schulen verteidigt

Islamfeindliche Netzwerke sind ein zentrales Thema im Bericht. Darin tauchen aber nicht nur Rechtspopulisten aus ganz Europa auf, auch Namen von anerkannten Menschenrechtsaktivisten. Zum Beispiel jener von Elham Manea. Die schweizerisch-jemenitische Politologin lehrt als Privatdozentin an der Universität Zürich, plädiert für einen säkularen Islam und ist bekannt für eine differenzierte Argumentation. Die Autorin des Buches «Der alltägliche Islamismus» tritt oft an Fachtagungen auf und setzt sich dabei kritisch mit Lerninhalten von islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft oder Milli Görus auseinander; sie hält sie für eine Gefahr für die Demokratie.

Weshalb wird Manea nun als «islamophob» etikettiert? Ihr «Vergehen» war ein Interview mit der österreichischen Zeitung «Volksblatt», in dem sie das Kopftuchverbot an der Schule für Mädchen bis 10 Jahre verteidigte. Kinder seien nicht in der Lage, selber zu entscheiden. Es sei eine neue Erscheinung, dass darauf beharrt werde, dass Kinder Kopftuch tragen. «Hier merkt man, da gibt es eine Ideologie, die dahinter steht.» Manea will dem Bericht nicht zu viel Gewicht beimessen. Sie zeigte sich überrascht, dass sie darin vorkommt. Sie begrüsse alle Bemühungen, um gegen Diskriminierung von Muslimen vorzugehen, sagt sie. Aber das sei bei diesem Bericht nicht der Fall.

«Die Herausgeber versuchen jene Forscher und Stimmen zu diffamieren, die dem Projekt des politischen Islam kritisch gegenüberstehen.»

Die Strategie bestehe darin, deren Aussagen aus dem Zusammenhang zu reissen und ein verzerrtes Bild zu konstruieren. «Bedauerlicherweise ist dieser Bericht zu einem Instrument der türkischen Regierung geworden.» Als Beleg für Islamfeindlichkeit wird im Kapitel über Österreich auch die Forderung nach einem Verbot für Kinderehen aufgeführt.

Saida Keller-Messahli bei einem Referat.

Saida Keller-Messahli bei einem Referat.

Bild: Andrea Stalder

Quasi «Stammgast» im Islamophobie-Rapport ist Saida Keller-Messahli. Der Vorwurf lautet ähnlich wie im letzten Jahr: Die Präsidentin für einen fortschrittlichen Islam kommentiert den Islam öffentlich und gibt Medien Auskunft. Angeprangert wird sie zum Beispiel für die Aussage in unserer Zeitung, das Minarettverbot habe keine Auswirkungen gehabt und diene lediglich Islamisten, den Opferdiskurs zu kultivieren. Keller-Messahli moniert, der Bericht nenne Rassisten im gleichen Atemzug wie Intellektuelle, die sich kritisch zum politischen Islam äusserten und auf die Trennung von Religion und Politik beharrten. «Mit dem Schlagwort Islamophobie wollen die Autoren jede Kritik am Islam unterbinden und ausgewiesene Kenner der Materie einschüchtern», sagt sie.

Für den letzten Rapport gab es EU-Gelder

Der Islamophobiebericht 2018 sorgte für eine Kontroverse, weil die EU das mehr als 800 Seiten dicke Wert mit rund 140'000 Franken mitfinanzierte. Rund ein Dutzend Verfechter eines liberalen Islams, darunter Keller-Messahli, forderten EU-Kommissionspräsident Ursula von der Leyen dazu auf, den Rapport nicht mehr zu unterstützen. Die Unterzeichnenden monierten, mit dem Begriff Islamophobie würden zwei unterschiedliche Phänomene in einen Topf geworfen: Diskriminierung und Feindschaft gegenüber Muslimen auf der einen Seite und Religionskritik auf der anderen. Tatsächlich floss in den jüngsten Bericht Ausgabe kein Geld aus Brüssel; der Zustupf für die vorherige Ausgabe war aber ohnehin eine einmalige Sache. Farid Hafez, österreichischer Politologe und Mitherausgeber des Berichts, wehrte sich gegen die Kritik. Anstatt ihre Rolle in einem zusehends antimuslimischen-rassistischen Diskurs zu reflektieren, fühlten sie sich die im Bericht kritisierten Personen angegriffen. Denunziert würden sie nirgends. «Sie werden lediglich für ihre Produktion und Reproduktion von anti-muslimischem Rassismus kritisiert.»

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