«Sie schubsten und boxten uns»: Homophobe Übergriffe häufen sich – trotz breiterer gesellschaftlicher Akzeptanz

Das Pride-Festival der LGBT-Gemeinschaft war noch nie so beliebt wie heute. Gleichzeitig kam es in letzter Zeit zu einer Häufung homophober Vorfälle. Ein Opfer berichtet.

Pascal Ritter und Daniel Fuchs
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Teilnehmer des Zürich-Pride-Festivals demonstrieren für mehr Toleranz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone; 16. Juni 2018)

Teilnehmer des Zürich-Pride-Festivals demonstrieren für mehr Toleranz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone; 16. Juni 2018)

Die Zürcher Quaibrücke ist vorübergehend in «Gay-Brücke» umbenannt worden. Fussgängerstreifen und sogar die Orientierungshilfen für Blinde wurden mit Regenbogenfarben bemalt. Zum 25-jährigen Jubiläum der Demonstration gibt sich Zürich alle Mühe, die Demonstration für die Rechte der LGBT+-Gemeinschaft zu unterstützen. LGBT steht dabei für «lesbian, gay, bisexual and transgender» und das Plus solidarisch für jede Abweichung von der Heterosexualität und vom bei der Geburt zugeordneten Geschlecht.

Wobei Demonstration keine geeigneter Begriff für das ist, was sich seit dem 1. Juni und noch bis zum 16. Juni in Zürich abspielt: Am Sechseläutenplatz spielt Luca Hänni, am Bürkliplatz gibt es eine Schlagerbar, eine Politikbühne und ein Zelt mit Informationen zur Geschichte der Homosexuellenbewegung. Mit dem Standort des Festivals im Herzen von Zürich und mit der Parade vom Samstag, die im Unterschied etwa zur 1.-Mai-Demonstration auch über den Paradeplatz ziehen darf, ist die Bewegung definitiv in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Übergriffe in Zürich und Basel

Weniger gut steht es um die Umsetzung der Anliegen der LGBT+-Gemeinschaft. Dies zeigen homophobe Angriffe aus der jüngsten Zeit. Homosexuelle sind Beleidigungen und Angriffen ausgesetzt. Die Hilfsorganisation Pink Cross warnt vor einer Zunahme solcher Fälle. Ein Beispiel:

Am vergangenen Pfingstwochenende wollte der 29-jährige Joel Erb mit einem Freund und einer Freundin im beliebten Basler Hafenquartier feiern. «Wir gehen immer wieder an den Hafen. Die Stimmung ist dort gut, Ausgrenzung oder gar Gewalt haben dort keinen Platz, dachten wir», sagt Erb gegenüber unserer Zeitung. Doch es kam anders. Laut eigenen Angaben wollten die drei Freunde in der «Sommerresidenz» tanzen, einer temporären Sommerbar mit Disco. «Wir gingen auf die Tanzfläche, doch dort wurden wir von einer Gruppe junger Männer angerempelt», erzählt Erb. «Die Luft war testosterongeladen, die Männer trugen viel Haargel, viel Parfum, waren 25- bis 35-jährig. Es waren Schweizer und Ausländer dabei», beschreibt Erb die Situation.

«Sie schubsten und boxten uns. Wir sollten weg von der Tanzfläche. Wir seien ja sowieso schwul.»

Joel Erb und seine Freunde meldeten die aggressiven Typen dem Türsteher. «Doch dieser unternahm nichts.» Dann gingen Erb und seine Freunde wieder zurück auf die Tanzfläche. Sie dachten sich: «Wir können uns ja wehren.» Sie tanzten ausgelassen, dann küssten Erb und sein Begleiter sich. Die Küsse unter Männern provozierten die Pöbler aufs Neue. «Sie bedrohten uns, boxten uns weg», sagt Erb. Andere Discobesucher wichen zurück, Erbs mutige Kollegin ging dazwischen, versuchte zu schlichten. Doch es half nichts. Erbs Trüppchen beschloss zu gehen. Vorher wollten sie aber zumindest dem Barpersonal melden, welches Aggressionspotenzial sich in ihrer Bar entlud. «An der Bar wurden wir abgewimmelt. Es sei zu viel los, zu voll, man habe jetzt keine Zeit, sagte man uns», so Erb. Und er fragt sich: Wie viel hätte es gebraucht, dass doch jemand gehandelt hätte?

Kein Türsteher in der Bar

Barbetreiber Jonas Berner bestätigt den Vorfall. Direkt mitbekommen habe er zwar nichts, doch die Vorfälle seien ihm in den frühen Morgenstunden des Sonntags gemeldet worden. Auch er wollte wissen, weshalb nicht eingegriffen wurde und er nicht involviert worden war. «Wir hatten vier Leute hinter der Bar stehen. Sie konnten nicht weg, es war zu viel los», sagt Berner. Der Barbetreiber widerspricht Joel Erb zudem: Es gebe gar keinen Türsteher in seiner Bar.

Der Fall aber machte Berner hellhörig: «Wir hatten noch nie Probleme mit Homophobie. Hie und da Meldungen von Frauen, die angemacht oder begrapscht wurden, schon. Aber Homophobie?» Joel Erb ist perplex. Passiert ist letztlich wenig, er und seine Begleiter blieben unverletzt. Doch er fürchtet, selbst in einem ausgesprochen friedlichen Ausgehquartier wie dem Basler Hafen drohe etwas zu kippen.

Polarisierung der Gesellschaft

Ein ähnliches Muster zeigt ein aktueller Fall aus Zürich: Ausgerechnet am Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie, dem 17. Mai, wurde am links-alternativ geprägten Zürcher Lochergut ein Informationsstand angegriffen. Ein im Netz kursierendes Video zeigt, wie vier junge Männer einen Stand umwerfen und eine Regenbogenfahne herunterreissen.

Für Roman Heggli von Pink Cross illustrieren die beiden Fälle aus Basel und Zürich, dass Homophobie trotz breiter gesellschaftlicher Akzeptanz von Homosexuellen wie an der Pride-Parade grassiere. Doch womit hat das zu tun? Heggli sieht zwei Gründe: zum einen die Polarisierung der Gesellschaft, zum anderen die Furcht homophober Menschen, an den Rand gedrängt zu werden.

«Gut möglich, dass sich Einzelne fürchten, dereinst nichts mehr sagen zu dürfen. Sie nehmen wahr, dass ihre feindliche Haltung gegenüber Schwulen und Lesben von der Mehrheit der Gesellschaft nicht mehr toleriert wird.»

Bei gewissen Personen schlage das in Gewalt um. Wer in Zukunft gegen Homosexuelle hetzt, muss mit Konsequenzen rechnen. Das Parlament hat im Dezember des letzten Jahres entschieden, die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter Strafe zu stellen. Bisher war Aufruf zu Hass und dergleichen gegen Rasse, Ethnie oder Religion verboten. Gegen das Gesetz ergriff ein überparteiliches Komitee aus EDU und Junger SVP das Referendum..