Sie bleibt sich auch beim Abschied treu

Eveline Widmer-Schlumpf war immer die Bundesrätin, die Christoph Blocher aus der Landesregierung geworfen hatte. Entsprechend grob sprang die SVP in den vergangenen acht Jahren mit der Bündnerin um. Samuel Schmid, der im Zug von Widmer-Schlumpfs Wahl aus der SVP ausschied, machte Ähnliches durch.

Tobias Bär
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Eveline Widmer-Schlumpf war immer die Bundesrätin, die Christoph Blocher aus der Landesregierung geworfen hatte. Entsprechend grob sprang die SVP in den vergangenen acht Jahren mit der Bündnerin um. Samuel Schmid, der im Zug von Widmer-Schlumpfs Wahl aus der SVP ausschied, machte Ähnliches durch. Schmid war bei der Bekanntgabe seines Rücktritts sichtlich gezeichnet, die Medienkonferenz im November 2008 geriet zur einer emotionalen Angelegenheit.

Ganz anders gestern die Rücktrittsankündigung von Widmer-Schlumpf. Mit einem breiten Lachen betrat die Finanzministerin den Saal mit den wartenden Journalisten. Ihre Ausführungen waren dann gewohnt sachlich – vor allem in jenen Momenten, in denen Widmer-Schlumpf ihre Karriere nachzeichnete und die wichtigsten Vorlagen rekapitulierte. Vereinzelt liess die 59-Jährige aber durchblicken, dass die persönlichen Angriffe ihre Spuren hinterlassen haben. Etwa als sie festhielt, dass die Arbeit als Bundesrätin Substanz gekostet habe, «das ist auch das, was meine Familie festgestellt hat». Und Widmer-Schlumpf liess gestern auch Dampf ab, wobei sie vor allem auf die Medien zielte.

Widmer-Schlumpf liess sich Zeit

Es begann mit einer Provokation: «Ich möchte Ihnen zuerst über die zweite Stufe der Energiestrategie berichten.» Das Gelächter der Journalisten, die sich in erster Linie für Widmer-Schlumpfs Zukunft in der Landesregierung interessierten, quittierte sie mit einer spitzen Bemerkung: «Solch wichtige Dinge fallen bei Ihnen immer durch und Sie konzentrieren sich auf die Kleidung oder die Frisur der Bundesrätinnen.» Gestern geriet die Sachpolitik für die Bundeshausjournalisten tatsächlich zur Nebensache. Weil sich Widmer-Schlumpf bis am späten Nachmittag Zeit liess mit der Ankündigung einer Medienkonferenz, schossen die Gerüchte ins Kraut.

Mehr Zeit für Enkelkinder

Drei Minuten nach Beginn der Medienkonferenz erlöste Widmer-Schlumpf die Journalisten: Sie habe den Bundesrat über ihr Ausscheiden per Ende Jahr informiert. Damit war die Frage, die Bundesbern bereits Monate vor den Wahlen beschäftigte und vor der es spätestens seit dem «Rechtsrutsch» und den Verlusten von Widmer-Schlumpfs BDP am 18. Oktober kein Entrinnen mehr gab, beantwortet. Gefällt hat die Bündnerin den Entscheid bereits am Tag nach den Wahlen. Das Wahlresultat sei in die Entscheidung eingeflossen, «war aber nicht ausschlaggebend». Gedanken zum Rücktritt habe sie sich bereits zuvor gemacht, unter Einbezug der BDP-Parteileitung.

Nun, nach dem Ende der Arbeit als Bundesrätin, die sie nach eigenem Bekunden «nicht so ganz schlecht gemacht hat», will sich Widmer-Schlumpf jenen Dingen widmen, «die mir Freude machen, für die ich in den vergangenen acht Jahren aber einfach zu wenig Zeit hatte». Details wollte sie, die ihr Privatleben stets abzuschirmen wusste, nicht nennen. Nur so viel liess sich die vierfache Grossmutter entlocken: «Ich werde das Hüte-Konto für meine Enkelkinder, das im Moment etwas tief ist, ein bisschen erhöhen können. Darauf freue ich mich sehr.»