Sexistische Strassenschilder: Das sagen Genfer Passanten dazu - und so macht es das Ausland

Schwangere und lesbische Frauen statt nur Strichmännchen: Die Genfer Pionier-Aktion kommt nicht überall gleich gut an, wie Diskussionen vor Ort zeigen. Andere Städte haben derweil ähnliche Versuche gewagt.

Benjamin Weinmann, Genf
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Genf schreitet voran: Staatsrat Serge Dal Busco und Stadtpräsidentin Sandrine Salerno präsentieren die neuen, weiblichen Strassenschilder.

Genf schreitet voran: Staatsrat Serge Dal Busco und Stadtpräsidentin Sandrine Salerno präsentieren die neuen, weiblichen Strassenschilder.

Keystone

Die Genfer Stadtregierung wechselt 250 Strassenschilder aus, auf denen Strichmännchen eine Strasse überqueren, und ersetzt sie mit weiblichen Piktogrammen (CH Media berichtete). Mit sechs unterschiedlichen Sujets, unter anderem mit schwangeren und lesbischen Frauen, will sie sicherstellen, dass die Geschlechter-Gleichheit auch in den Strassen von Genf sichergestellt wird. Die Stadt spricht von einer Pionier-Aktion in Europa, wenn nicht sogar weltweit.

CH Media hat sich dort umgehört und bei Passanten nachgefragt, was sie von der neuen Strategie halten. Die Rückmeldungen sind unterschiedlich. Die Rentnerin Anne-Marie Buess findet die weiblichen Symbole nicht nötig. «Ich habe mir gar nie Gedanken darüber gemacht, ob die Schilder männlich oder weiblich sind.» Darüber enervieren will sich die 80-Jährige aber nicht.

José Fernandez ist anderer Meinung. Der 47-jährige Genfer bezeichnet die Idee als «sympathisch und zeitgemäss». Er stört sich auch nicht an den 56‘000 Franken, welche die Aktion kostet. «Das ist nicht enorm viel, wenn man sich andere Ausgaben der Stadt anschaut.»

«Das ändert doch nichts im Alltag»

Und was ist mit den jüngeren Frauen? Die Studentin Andreia Alves schaut sich die neuen Symbole an und ruft ihre Freundinnen zu sich: «Schaut euch das mal an!» Das sei nun wirklich nicht nötig, sagt die 27-Jährige, die für einen Master in Bildungswissenschaften studiert, mit einem Schwerpunkt auf die Ausbildung von Menschen mit Behinderungen. «Das ändert doch nichts an der Diskriminierung von Frauen im Alltag», sagt Alves, und ihre Freundinnen pflichten ihr bei. «Und überhaupt, wenn schon dann müsste man auch übergewichtige Frauen zeigen, Frauen im Rollstuhl, und so weiter.»

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass andere Städte ähnliche Versuche gewagt haben. Anlässlich das Eurovision Song Contests 2015 stattete Wien Ampeln mit drei neuen Sujets aus. Die österreichische Hauptstadt verwendete neben einem Mann-Frau-Pärchen auch ein reines Männer- und Frauen-Pärchen. Heute gelten die Motive noch immer als beliebtes Fotomotiv. Die Stadt will damit ihre Weltoffenheit demonstrieren.

Bereits 2012 hatte Wien eine Gender-Kampagne gestartet. Dabei wurden Schilder und Piktogramme im öffentlichen Raum und in Amtsgebäuden installiert, auf denen Mann und Frau ihre angestammten Rollen tauschten. Auf Hinweisschildern zum Überlassen des Sitzplatzes in Trams sah man beispielsweise einen Mann mit einem Baby auf dem Arm. Fluchtwegschilder zeigten hingegen Figuren mit wehenden Haaren oder einem Rock. Von rechten Parteien gab es dafür Kritik.

Singapur führt die Senioren-Ampel ein

London hat im Rahmen des Pride-Festivals 2016 einige Rot-Grün-Ampeln angepasst. Das grüne Strichmännchen war plötzlich zu zweit am Trafalgar Square, Hand in Hand und mit einem Herz-Symbol. Londons Bürgermeister Sadiq Khan zeigte sich stolz über die Aktion, sie zeige die Diversität und die Akzeptanz-Kultur der Stadt. Insgesamt wurden 50 Lichtsignale angepasst.

Der Stadtstaat Singapur – oft auch als Schweiz Asiens bezeichnet – lancierte zuletzt ein Ampelsystem für Senioren und Menschen mit Behinderungen, wenn auch ohne entsprechende Symbol-Anpassung. Sie können eine elektronische Karte an eine Fussgängerampel halten und erhalten so mehr Zeit für das Überqueren der Strasse. Die Ampel bleibt bis zu zwölf Sekunden länger grün.

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