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Interview

Sexchat von St.Galler CVP-Politiker mit Teenagern – Psychiater: «Er wusste ganz genau, dass er etwas Falsches tut»

Der St.Galler Kantonsrat Michael Hugentobler hat minderjährigen Mädchen im Internet intime Fotos geschickt. «Jeder 20. Schweizer hat pädophile Neigungen», sagt Thomas Knecht, forensischer Psychiater am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau. Die trügerische Anonymität des Internets spiele dabei eine grosse Rolle.
Tim Naef
Einer der drei Kontakte habe sich schliesslich als verdeckter Ermittler der Polizei zu erkennen gegeben. (Bild: Keystone)

Einer der drei Kontakte habe sich schliesslich als verdeckter Ermittler der Polizei zu erkennen gegeben. (Bild: Keystone)

Herr Thomas Knecht, CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler hat sich der versuchten sexuellen Handlungen mit Kindern schuldig gemacht. Der Mann ist Lehrer, Politiker, ist als Pfadfinder aktiv. Wie kann ein solcher Mensch so etwas tun?

Studien haben ergeben, dass rund 20 Prozent der Männer ein sexuelles Interesse an Minderjährigen haben, sich aber auch zu Gleichaltrigen hingezogen fühlen. Fünf Prozent der männlichen Bevölkerung fühlen sich nur von Kindern sexuell angezogen. Da spielen Beruf und Hobbys keine Rolle.

Das würde heissen, dass jeder 20. Schweizer ein Pädophiler ist.

Jeder 20. hat zumindest diese Neigungen, ja. Das heisst aber nicht, dass er diese auch auslebt.

Herr Hugentobler hat es aber getan.

Das stimmt. Bei ihm muss der Reiz stärker gewesen sein als seine Bedenken.

Wie kann es soweit kommen?

Dafür gibt es drei Faktoren: Erstens muss ein starker Trieb vorhanden sein. Zweitens spielt das Internet eine grosse Rolle; der Täter wiegt sich in einer trügerischen Sicherheit. Er fühlt sich in seinen eigenen vier Wänden unangreifbar. Und drittens muss eine Risikobereitschaft vorhanden sein – was bei Politikern durchaus vorhanden ist.

Sie sprechen von Trieben und Risikobereitschaft. War sich Hugentobler seines Handelns nicht bewusst?

Dem würde ich widersprechen. Er wusste ganz genau, dass er etwas Falsches tut.

Aber dennoch hat er es getan. Mit dem Wissen, er könnte erwischt werden.

In solchen Fällen ist Selbstbetrug ein grosser Faktor. Der Täter redet sich ein, dass es doch nicht so schlimm ist. Dass seine Opfer es auch wollen. Er lügt sich seine Realität zurecht. Gleichzeitig überschätzen sich die Täter. Sie werden sich sagen: «Ich komme schon damit durch. Mich erwischt man nicht.» Hier kommt die trügerische Anonymität des Internets ins Spiel.

Hugentobler hat sich geirrt, er wurde erwischt. Seine Taten kamen an die Öffentlichkeit. Was bedeutet dies für einen Täter?

Es ist ganz sicher ein massiver Knick in der Lebenskurve. Es muss aber nicht das Ende sein. Entweder man ergibt sich dem Schicksal und fällt in eine Depression, oder man rafft sich auf und wagt einen Neuanfang.

Sie sagten, die Täter wissen ganz genau, dass sie etwas Falsches tun. Können diese Menschen Reue empfinden?

Durchaus. Es gibt aber zwei Arten von Reue: die Tatreue, bei welcher der Täter seine Taten wirklich bereut. Und die Tatfolgereue, dabei bereut der Täter einzig, dass er erwischt wurde und ihm nun Konsequenzen drohen.

Herr Hugentobler ist jetzt 37 Jahre alt. Wie konnte er seine Neigungen so lange verstecken?

Dass er erst jetzt erwischt wurde, heisst nicht, dass er seinen Neigungen erst jetzt nachgab. Wenn dies aber der Fall sein sollte, kann das mit äusseren Umständen zu tun haben.

Was meinen Sie damit?

Die Entwicklung der sexuellen Neigungen beim Mensch ist ein extrem komplexer Prozess. Mit etwa 20 Jahren wird einem bewusst, was für sexuelle Neigungen man hat. Dass es weitere 17 Jahre bis zum Ausleben dieser Neigungen gedauert haben könnte, kann zwei Gründe haben: Zum einen haben Pädophile dank des Internets die Möglichkeiten, ihre Neigungen einfacher auszuleben als früher. Zum anderen gibt es verschiedene Ausprägungen von Pädophilie.

Die wären?

Richtet sich das primäre sexuelle Interesse des Pädophilen auf Kleinkinder im Alter unter drei Jahren, spricht man von Infantophilie. Fühlt er sich von 11- bis 14-Jährigen erregt, spricht man von der Hebephilie. Dabei zeigen beispielsweise Mädchen bereits Anzeichen von wachsenden Brüsten und erster Schambehaarung.

Und weshalb ist die Unterscheidung wichtig?

Im Gegensatz zur Infantophilie fühlen sich Hebephilen von pubertären Sexualmerkmalen nicht abgestossen. Dadurch können sie durchaus eine sexuelle Beziehung mit einem Erwachsenen eingehen und so ihre Triebe, zumindest zum Teil, legal befriedigen. Was Herr Hugentobler vielleicht während vieler Jahre gemacht hat.

Herr Hugentobler ist rechtskräftig wegen mehrfacher versuchter sexueller Handlungen mit einem Kind und mehrfacher illegaler Pornografie verurteilt. Seine Strafe: eine bedingte Geldstrafe und eine Busse. In der Öffentlichkeit wird diese Strafe von vielen als zu mild empfunden. Können Sie das nachvollziehen?

Das überrascht nicht. Der Laie hat im Normalfall ein grösseres Strafbedürfnis als ein Jurist. Während sich Juristen auf die Fakten, die Gesetze und die Rechtssprechung konzentrieren, spielt beim Normalbürger die Emotion eine grosse Rolle. Er denkt beispielsweise an seine eigenen Kinder und kann nicht nachvollziehen, weshalb man für diese Straftat nicht ins Gefängnis muss.

Keine Anzeichen auf Fehlverhalten an Oberstufe Flade

(tn) Seit Montagmittag habe die Schulratspräsidentin der Flade Kenntnis von der Verurteilung von Michael Hugentobler wegen mehrfacher versuchter sexueller Handlungen mit einem Kind und mehrfacher Pornografie, schreibt die Schule in einer Medienmitteilung. «Schulrat und Lehrerschaft sind zutiefst betroffen und bedauern die unentschuldbaren Übergriffe.» Bis gestern hätten sie keinerlei Kenntnis vom Verfahren gehabt.

Michael Hugentobler war bis vor drei Jahren als Lehrperson in der Flade angestellt, wechselte danach auf eigenen Wunsch in die IT-Branche. Fortan war er an der Schule als IT-Supporter und Berater tätig, ab August 2018 im Auftragsverhältnis mit seiner eigenen Firma.

Seit Montag habe Michael Hugentobler keinerlei Mandate und keinen Zutritt mehr zu den Räumlichkeiten der Flade, heisst es in der Mitteilung weiter. Die Schule betont, dass es während der gesamten Zeit keinerlei Hinweise auf ein fehlbares Verhalten von Michael Hugentobler gegeben habe; er sei ein geschätzter Mitarbeiter gewesen. Das Communiqué schliesst mit dem Satz, dass die Schule von allen Lehrpersonen vor der Anstellung, «wie das üblich ist», einen Strafregisterauszug verlange.

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