Senkrechtstarter aus dem Bernbiet

Albert Röstis Politkarriere hat mit einer Niederlage begonnen. Unterdessen mischt der Berner Nationalrat aber bei der nationalen SVP ganz vorne mit und wird bereits als Bundesratskandidat gehandelt.

Reto Wissmann
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Jubelte an vorderster Front über das Ja zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative: Albert Rösti (Mitte), Berner SVP-Nationalrat mit Ambitionen. (Bild: ky/Marcel Bieri)

Jubelte an vorderster Front über das Ja zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative: Albert Rösti (Mitte), Berner SVP-Nationalrat mit Ambitionen. (Bild: ky/Marcel Bieri)

BERN. Das Bild ging durch sämtliche Medien. Als in der «Krone» im bernischen Aarberg der Jubel über die gewonnene Abstimmung ausbrach, stand Albert Rösti ganz vorne. Umgeben von Parteiprominenz, liess der Berner Nationalrat seiner Freude über das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative freien Lauf – und alle Kameras waren auf ihn gerichtet.

Überraschend gewählt

Bis vor kurzem war Albert Rösti ausserhalb des Kantons Bern ein Unbekannter. Zwar hatte er 2011 überraschend den Sprung in den Nationalrat geschafft, nach der Wahl wurde es aber wieder ruhig um ihn. Erst im Herbst letzten Jahres, als ihn die SVP Schweiz zum Wahlkampfleiter für die Parlamentswahlen 2015 kürte, bemerkte die Öffentlichkeit, dass er in kurzer Zeit zu einer wichtigen Figur innerhalb seiner Partei aufgestiegen ist. «Man traut mir konzeptionelle Fähigkeiten, um Projekte zu führen, Unabhängigkeit und Gradlinigkeit zu», sagt Rösti zu seinen Voraussetzungen für diese wichtige Funktion. Anfang Februar berichtete dann der «Sonntags-Blick», die Strategen der SVP wollten bei den nächsten Bundesratswahlen Albert Rösti gegen den angeschlagenen Johann Schneider-Ammann ins Rennen schicken. SVP-Generalsekretär Martin Baltisser bezeichnete dies zwar später als «Blödsinn», Rösti gehört seither dennoch zur nationalen Politprominenz. «Dass mein Name genannt wird, empfinde ich als Wertschätzung gegenüber meiner politischen Arbeit», sagt Albert Rösti. Zu viel Bedeutung will er dem aber nicht beimessen: «In Bern wird viel diskutiert. Eine Bundesratskandidatur ist für mich im Moment absolut kein Thema.» Ob er grundsätzlich Interesse habe, möchte er nicht kommentieren.

Kompetent und verlässlich

So abwegig ist der Gedanke an einen Bundesrat Albert Rösti gar nicht. Der Bauernsohn wird über die Parteigrenzen als kompetent, verlässlich und differenziert beschrieben. Im Umgang ist er höflich und jovial, harte Auseinandersetzungen scheut er dennoch nicht. In den Medien wurde er bereits als das «freundliche Gesicht der SVP» bezeichnet. Tatsächlich gibt er sich im Ton gemässigt, in der Sache ist er jedoch stramm auf SVP-Kurs. «Ich bin sicher nicht als Polteri bekannt», sagt Rösti über sich selber. Genau so einen Kandidaten braucht die SVP, um im Parlament ihren Anspruch auf einen zweiten Bundesratssitz glaubhaft geltend zu machen.

Albert Rösti betont gerne seine Verbundenheit mit der Landbevölkerung. Auf seiner Homepage zeigt er sich im karierten Hemd mit seinen Hunden und Pferden. Der 46-Jährige ist in Kandersteg aufgewachsen und wohnt heute in Uetendorf, jener 6000-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Thun, die wegen DSDS-Sieger Luca Hänni bekannt wurde. In Uetendorf amtet Rösti seit Anfang Jahr als Gemeindepräsident. «Die Kenntnisse der Bedürfnisse der Gemeinde ermöglichen mir auch die glaubwürdige Arbeit auf nationaler Ebene», so Rösti.

Gleichzeitig gibt sich der Doktor der technischen Wissenschaften und Ingenieur-Agronom aber auch weltgewandt und intellektuell. Auftritte in der «Arena» oder bei «Schawinski» absolviert er routiniert. Und in seiner Bildergalerie zeigt er sich nach Abschluss des Master of Business Administration in den USA im schwarzen Talar.

Ein Bauernvertreter

Albert Rösti profilierte sich bisher vor allem als Bauernvertreter. Fast sein ganzes Berufsleben hat er der Landwirtschaft gewidmet, zunächst als Lehrer an einer Bergbauernschule, danach im Amt für Landwirtschaft des Kantons Bern, als Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion und schliesslich als Direktor der Schweizer Milchproduzenten. Auch sein erster Vorstoss als Nationalrat galt dem Schutz der hiesigen Landwirte und richtete sich gegen den Einkaufstourismus.

Selbst bei seinem Engagement für die Masseneinwanderungs-Initiative spielte der Erhalt des Kulturlandes eine wichtige Rolle. Hier vollführt der Nationalrat, der Mitglied der Kommissionen für Umwelt, Raumplanung und Energie ist, allerdings einen gewagten Spagat. Einerseits will er die Zuwanderung begrenzen, um die Zersiedelung zu bremsen, andererseits propagiert er die Gemeindeautonomie bei der Raumplanung. Rösti ist Berufspolitiker. Seine Mandate als Gemeindepräsident, Nationalrat und Parteifunktionär füllen seine Agenda. 2010 hatte er sich dieses Ziel schon einmal gesteckt. Die Wahl in den bernischen Regierungsrat misslang aber gründlich. Weder konnten die zerstrittenen bürgerlichen Parteien mit Rösti die Regierungsmehrheit zurückerobern, noch gewann er den Zweikampf gegen die BDP-Konkurrentin.

Niederlage als Glücksfall?

Vielleicht war diese Niederlage zu Beginn seiner Politkarriere für Rösti ein Glücksfall. Jetzt kann er voll auf eine nationale Karriere setzen. Vier Jahre nach dem Misserfolg hat er es immerhin schon zum Wahlkampfleiter und Zentralvorstandsmitglied der SVP Schweiz gebracht. Bereits heute gibt er sich staatsmännisch. Die Siegerpose in der «Krone» Aarberg ist ihm unterdessen schon fast unangenehm. Er sagt: «Ich habe grossen Respekt vor der Arbeit, die nach der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative auf uns wartet.»

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