Seilziehen um umstrittenes Pestizid: Zuckerrüben-Produzenten fordern Notzulassung – Umweltverbände warnen vor «hochtoxischem Bienengift»

Ein Virus vermiest Zuckerrüben-Bauern die Ernte. Sie fordern die Notfallzulassung eines Pflanzenschutzmittels. Umweltverbände wollen dazu keine Hand bieten.

Maja Briner
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Bauer Nyffenegger auf seinem Feld: Im Vordergrund die ungepflegte «Nullparzelle», dahinter die gelblichen Zucckerrübenpflanzen.

Bauer Nyffenegger auf seinem Feld: Im Vordergrund die ungepflegte «Nullparzelle», dahinter die gelblichen Zucckerrübenpflanzen.

Bild: Maja Briner (21.10.2020)

Lars Nyffenegger steht neben seinem Zuckerrübenfeld in Worben im Berner Seeland. Einige Quadratmeter hat er nach dem Anpflanzen bewusst ungepflegt gelassen, nun sind sie komplett überwuchert. Plakativ will er damit zeigen: Ohne Pflanzenschutzmittel geht es nicht. Es ist eine provokative Aktion der Interessengruppe «BauernUnternehmen». Verzichtet wird auf diesen sogenannten «Nullparzellen» nicht nur auf Pestizide, sondern auf jegliche Art von Eingriffen. Unkraut darf wachsen, niemand reisst es aus.

In Worben gab die Nullparzelle jedoch fast weniger zu reden als der Zustand des ganzen Feldes, wie Bauer Nyffenegger vor kurzem an einer Medienkonferenz auf seinem Hof erzählte. Statt in sattem Grün zu leuchten, waren seine Pflanzen gelblich vergilbt. Verantwortlich dafür ist ein Virus, übertragen von Blattläusen. Die Folge: eine kleinere Ernte.

Das Pestizid, das dagegen helfen würde, ist seit Anfang 2019 verboten. Es gehört zur Gruppe der Neonicotinoide, die gemäss der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ein Risiko für Bienen darstellen. Das Verbot hat Folgen für die Bauern. «So ist die Zuckerrübenproduktion nicht mehr wirtschaftlich», sagt Nyffenegger. Er möchte weiterhin Zuckerrüben anbauen, er tue dies in vierter Generation, sagt er, die Wege in die Zuckerfabrik seien kurz. Wenn das Pflanzenschutzmittel verboten bleibe, müsse er aber aussteigen.

Branche sieht ihre Existenz gefährdet

Nyffenegger ist nicht allein mit dem Problem. Laut dem Schweizerischen Verband der Zuckerrübenpflanzer sind Teile der Deutschschweiz sowie die ganze Westschweiz «grossflächig betroffen von der virösen Vergilbung». Diese führe zu Ertragsverlusten von 30 bis 50 Prozent, warnte der Verband im September.

«Die geschätzten Ertragseinbussen in den betroffenen Gebieten haben sich bestätigt», sagt Geschäftsführerin Irene Vonlanthen nun. Der Verband hat beim Bund eine Notfallzulassung für das umstrittene Pestizid beantragt, das Saatbeizmittel Gaucho. Die Zulassung soll drei Jahre gelten – eine Übergangslösung, bis biologische Bekämpfungsmassnahmen, resistente Sorten oder alternative Wirkstoffe gefunden seien.

Der Verband verweist auf andere EU-Länder, die Sonderbewilligungen für das Pestizid erliessen. Die Branche sieht sich diesen Ländern gegenüber benachteiligt. Und warnt: Ohne Massnahmen werde die Zuckerrübenfläche massiv zurückgehen und die beiden Zucker­­fabriken in Aarberg und Frauenfeld könnten nicht mehr ausgelastet werden.

Umweltverbände: Ein «hochtoxisches Bienengift»

Eine Notfallzulassung könnte das Bundesamt für Landwirtschaft gewähren. Dieses erklärt, es sei sich der schwierigen phytosanitären Situation bei der Zuckerrübenproduktion bewusst. Die Behörde sucht derzeit mit der Zuckerrübenbranche und der Umweltallianz nach Lösungen. «Es werden alle Optionen zur Zuckerrübenproduktion und ihren Einfluss auf die Umwelt überprüft und evaluiert», sagt Sprecher Jonathan Fisch.

Die Positionen der Zuckerbranche und der Umweltverbände klaffen indes weit auseinander. Pro Natura, Birdlife, Greenpeace und WWF erklären, zur «Notfallzulassung eines hochtoxischen Bienengiftes» könnten sie nicht Hand bieten. Aus ihrer Sicht braucht es eine «Gesamtstrategie zum Thema Zucker, und zwar vom Anbau bis zum Konsum. Der Detailhandel und die grössten Abnehmer sind einzubeziehen.»

Heikle Entscheidung in aufgeheizter Debatte

Sollte der Bund eine Notfallzulassung gewähren, könnten die Umweltverbände dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einreichen. Ein juristisches Vorgehen bei einer Notfallzulassung sei «im Moment eine nicht ausgeschlossene Variante», heisst es bei den vier Umweltverbänden.

Der Entscheid des Bundes soll demnächst fallen. Er kommt damit mitten in der aufgeheizten Debatte um die Trinkwasserinitiative und die Pestizidverbotsinitiative, die nächstes Jahr zur Abstimmung kommen. Viele Bauern fühlen sich dabei zu Unrecht an den Pranger gestellt. Wie erhitzt die Gemüter sind, musste auch Landwirt Lars Nyffenegger erfahren: Er erzählt, er habe auch schon den Stinkefinger gezeigt bekommen, als er mit der Pflanzenschutzmittel-­Spritze unterwegs war.