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Schweizer kämpfte in Syrien gegen IS – jetzt drohen ihm bis drei Jahre Freiheitsentzug

Er hat in Syrien gegen den Islamischen Staat gekämpft, nun steht der Tessiner Johan Cosar in der Schweiz vor Militärgericht. Ihm drohen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.
Gerhard Lob, Bellinzona / CH Media
Johan Cosar vor dem Prozess in Bellinzona. (Bild: KEYSTONE/Alessandro Crinari, 20. Februar 2019)

Johan Cosar vor dem Prozess in Bellinzona. (Bild: KEYSTONE/Alessandro Crinari, 20. Februar 2019)

Während in der Schweiz die politische Debatte aufgeflammt ist, wie mit IS-Kämpfern aus Syrien umzugehen ist, hat gestern vor dem Militärgericht in Bellinzona ein Prozess unter genau umgekehrten Vorzeichen begonnen. Es geht um einen ehemaligen Schweizer Unteroffizier, der in Syrien als Christ gegen den Islamischen Staat (IS) kämpfte. Johan Cosar muss sich vor einem eindrücklichen, siebenköpfigen Militärtribunal wegen Schwächung der Wehrkraft verantworten, weil er in Syrien für den Syriac Military Council (SMC) im Einsatz war, welche christliche Dörfer verteidigte. Ebenfalls vor Gericht steht sein in Genf wohnhafter Cousin, der beschuldigt wird, in der Schweiz über Social Media Kämpfer für den SMC rekrutiert zu haben.

Cosar ist Assyrer und spricht Aramäisch. Seine Familie lebt seit drei Generationen in der Schweiz. Er selbst ist in Locarno aufgewachsen und wird nächsten Monat 37 Jahre alt. Dutzende von Verwandten und Freunden begleiteten ihn gestern Vormittag zum Bundesstrafgericht, in dessen Verhandlungssaal das Militärgericht tagt. Aus ihrer Haltung machten die Begleiter keinen Hehl. «Gegen den IS zu kämpfen, kann kein Verbrechen sein», stand auf zahlreichen Zetteln, die sie vor dem Gerichtsgebäude in die Höhe hielten. Cosar selbst erschien vornehm gekleidet, in hellem Jacket und frisch frisiert – ein extremer Kontrast zu den Bildern aus seinen Fronzeiten zwischen 2013 und 2015. Auffällig vor allem seine grauen, fast schon weissen Haare - der Krieg in Syrien hat Spuren hinterlassen.

Vom Journalist zum Kämpfer

Vor Gericht schilderte Cosar dann im Detail, wie er im Sommer 2012 nach Syrien gereist war, weil er sich damals als Journalist ein unabhängiges Bild von der Situation machen wollte. Er schilderte, wie er in Nordsyrien eingeschlossen war, weil alle Grenzübergänge zur Türkei nicht mehr passierbar waren. Er entschied sich dazu, die christliche Minderheit mit der Waffe zu verteidigen, um einen Genozid zu vermeiden, aber auch zur Selbstverteidigung, weil er keinen anderen Ausweg sah. Die Lage sei sehr chaotisch und anarchisch gewesen. Auch die christliche Gemeinschaft war nicht einheitlich. «Es gab unter den Christen eine Pro-Assad-Fraktion», so Cosar.

Die wahre Bedrohung sei durch die Al Nusra Front, danach durch die Kämpfer des IS mit ihren «ethnischen Säuberungen» gekommen. Johan Cosar gab zu Protokoll:

Entweder verteidigst du dich in einer solchen Situation oder du stirbst.

Dabei bestritt er vor Gericht vehement, eine führende Rolle im Syriac Military Council (SMC) eingenommen zu haben, auch wenn er in zahlreichen Presseberichten als «Kommandant» beschrieben wurde.

In Tat und Wahrheit habe er einerseits als Ausbildner für die christliche Miliz gewirkt, auch dank seiner Erfahrungen in der Schweizer Armee, andererseits habe er nur kleine Gruppen – vielleicht 20 Mann – geleitet. Er sei integriert gewesen, aber als Freiwilliger, ohne irgendwelche Pflichten. Von einem Kommando könne keine Rede sein. «Ein Kommandant verlässt seine Truppe nicht – das wissen Sie besser als ich», sagte er dem Gerichtspräsidenten Mario Bazzi mit Verweis auf seine Rückkehr aus Syrien in die Schweiz Anfang 2015.
Hingegen bestritt er nicht, sich gegenüber Journalisten in seiner Rolle als Kämpfer gegen den IS exponiert zu haben. «Ich wollte so die Sensibilität der öffentlichen Meinung schärfen; ich habe es für mein Volk gemacht», verteidigte er seine Haltung. Aber er sei kein offizieller SMC-Sprecher gewesen.

Sein Vater wurde verschleppt

Kurz aufgerollt wurde auch das Schicksal seines Vaters, Sait Cosar, der Vizepräsident der assyrischen Partei SUP war, welche sich geweigert hatte, mit dem Assad-Regime zusammenzuarbeiten. Vater Cosar wurde danach vom syrischen Geheimdienst verschleppt, wahrscheinlich umgebracht. «Ich habe ihn im August 2012 zum letzten Mal gesehen», so Johan Cosar, der inzwischen wieder regelmässig nach Syrien reist und dort im Rahmen der humanitären Hilfe tätig ist. «Ich tue dies, damit die Hilfsleistungen da ankommen, wo sie wirklich nötig sind.»

Die Verhandlung ist auf drei Tage angesetzt. Bereits am Freitag könnte das Urteil eröffnet werden Die Anklage lautet auf Schwächung der Wehrkraft und fremden Militärdienst. Johan Cosar riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Sein Verteidiger hat bereits angekündigt, einen Freispruch zu beantragen.

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