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Schweizer Hühner sollen Würmer fressen

Bundesrat will den Schweizer Bauernstand näher an Natur
und Markt führen. Neu lässt er Insekten als Futtermittel für Tiere zu.
Fabian Fellmann
Die Larven der Schwarzen Waffenfliege bestehen aus 70 Prozent Eiweiss und eignen sich damit für Kraftfutter. Bild: Alamy

Die Larven der Schwarzen Waffenfliege bestehen aus 70 Prozent Eiweiss und eignen sich damit für Kraftfutter. Bild: Alamy

Sie ist ein Goldesel, die Schwarze Waffenfliege: Das findet Christian Zurbrügg vom Wasserforschungsinstitut des Bundes Eawag, wie er jüngst der «NZZ am Sonntag» sagte. Der Forscher hat eine Anleitung für die industrielle Zucht der Larven der Fliege publiziert. Diese bestehen zu 70 Prozent aus Eiweiss und stellen damit eine willkommene Quelle für Kraftfutter dar – zumal sie sich selbst von Abfällen ernähren.

Heute importieren die Schweizer Bauern 15 Prozent Futtermittel aus dem Ausland. Statt brasilianisches Soja könnten die Schweizer Hühner und Schweine in Zukunft aber Schwarze Waffenfliegen aus Schweizer Produktion auf ihrem Speiseplan finden.

Gestern hat der Bundesrat die rechtlichen Weichen gestellt. Mit der Agrarpolitik 22+ schlägt er vor, Insekten als Futtermittel zuzulassen. Heute ist das nur mit Spezialbewilligung möglich. Für menschliche Mägen hingegen ist seit einem Jahr der Verkauf von Produkten aus Mehlwürmern und Verwandtschaft erlaubt.

Bundesrat will marktorientiertere Landwirtschaft

Widerstand dürfte der Bundesrat kaum wecken. Wissenschaft und Industrie forschen bereits fleissig, wie aus den Insekten das beste Futterangebot zu kriegen wäre. Allzu schnell vorwärts gehen dürfte es trotzdem nicht: Hersteller müssen zum Beispiel belegen, dass Krankheitserreger aus den Abfällen nicht ins Futtermittel gelangen. Als Folge der Rinderwahnsinn-Krise in den 1990er-Jahren sind die Behörden dabei sehr vorsichtig: Damals wurde das Füttern von Tiermehl verboten, um die Verbreitung der krankheitserregenden Prionen zu unterbinden.

14 Milliarden Franken für vier Jahre

Die Zulassung von Insekten als Futtermittel ist Teil eines ganzen Bündels von Massnahmen, mit denen der Bundesrat die Landwirtschaft in den Jahren ab 2022 vorwärtsbringen will. Die Bauern sollen dabei nominal gleich viel Geld erhalten wie in der laufenden Periode bis 2021: Für vier Jahre soll der Zahlungsrahmen 13,9 Milliarden Franken betragen. «Mit der AP22+ stärken wir die Qualität und Nachhaltigkeit», sagte Bundesrat Johann Schneider-Ammann gestern. Er wolle Marktorientierung, Selbstverantwortung und Innovationskraft der Bauern stärken.

Als Beispiel der stärkeren Marktausrichtung nannte Schneider-Ammann die Verdoppelung der Zulagen für silofreie Milch, die für Käse wie Sbrinz oder Gruyère verwendet wird, die gute Einnahmen sichern. Ebenso will der Bund eine neue Plattform für Agrarexporte schaffen, welche Handelshürden überwinden hilft. Auf Hinweise auf einen weitgehenden Zollabbau hat der Bundesrat in der AP22+ verzichtet – damit hatte Schneider-Ammann vor einem Jahr die Bauern erzürnt. Gestern zeigte er sich in diesem Punkt versöhnlich: Bei jeder Verhandlung über Freihandelsabkommen werde es auch um die Landwirtschaft gehen, sagte er, die Herausforderung bleibe. Aber er sei auch zuversichtlich, dass jeweils Lösungen gefunden werden könnten.

Komplett umgebaut werden die Versorgungssicherheitsbeiträge, welche die Bauern erhalten, damit in der Schweiz ausreichend Lebensmittel produziert werden. Eine Evaluation des Bundes zeigte, dass die Beträge von 1,1 Milliarden Franken pro Jahr stärker der Stützung der bäuerlichen Löhne dienten. Neu wird das sauber deklariert; zudem will der Bundesrat das System vereinfachen und eine Maximalgrenze von Direktzahlungen pro Hof von 250’000 Franken festlegen. Erste Reaktionen auf die AP22+, die der Bundesrat gestern in die Vernehmlassung geschickt hat, fallen durchzogen aus. Die Grüne Partei und die Kleinbauernvereinigung bemängeln, der Bund müsse stärker auf eine ökologische Landwirtschaft einwirken. Die SVP verlangte «Stopp der einseitigen Priorisierung der Ökologie» und die Weiterführung von Preissicherungsmassnahmen beim Fleisch, die bei der Vernehmlassung zur Disposition stehen. Der Bauernverband schliesslich bezeichnet die AP22+ als «Reform ohne Mehrwert»: Er will mehr Massnahmen für eine bessere Wertschöpfung von Landwirtschaftsprodukten am Markt sowie eine bürokratische Entlastung.

Strengere Regeln für Pestizide

Der Bundesrat will die Vorschriften für Pflanzenschutzmittel verschärfen. Mit der AP22+ habe die Regierung ein Massnahmenpaket zur Reduktion des Pestizidverbrauchs beschlossen, sagte Schneider-Ammann gestern. Konkret können bereits für den Einsatz bewilligte Pflanzenschutzmittel neu überprüft werden. Im Visier haben die Behörden Mittel, welche nur bei sachgerechter Anwendung als unbedenklich gelten. Die Details dieser Überprüfung müssten jetzt erarbeitet werden, sagte gestern Jürg Jordi, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Ob das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat damit auf der Liste verbotener Chemikalien landen könnte, sei offen.

Das Massnahmenpaket ist eine Art indirekter Gegenvorschlag auf die Trinkwasserinitiative, welche der Bundesrat im Sommer als zu weitgehend abgelehnt hat. Das Volksbegehren aus Gewässerschutzkreisen verlangt, dass nur noch Bauernbetriebe unterstützt werden, die auf den Einsatz von Pestiziden ganz und von Antibiotika weitgehend verzichten.

Der Bundesrat nehme die Ziele der Initiative mit seinem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel und der AP22+ auf, sagte Bundesrat Schneider-Ammann. Die Verwendung besonders risikoreicher Mittel soll um 30 Prozent sinken, die unerwünschten Folgen um 25 Prozent. (ffe)

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