Schweizer Aufsteller des Jahres: Wohngemeinschaften und Vertretungen sind Schmiermittel der Konkordanz

Was eine Politiker-WG und eine Fahrt von SP-Präsident Levrat in der Limousine von Bundesrat Ueli Maurer gemeinsam haben.

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Damit der SP-Präsident Christian Levrat die Maturafeier seiner Tochter besuchen konnte, legten sich sowohl der damalige CVP-Ständerat Konrad Graber (im Bild) als auch Bundespräsident Ueli Maurer (SVP) ins Zeug.

Damit der SP-Präsident Christian Levrat die Maturafeier seiner Tochter besuchen konnte, legten sich sowohl der damalige CVP-Ständerat Konrad Graber (im Bild) als auch Bundespräsident Ueli Maurer (SVP) ins Zeug.

Bild: Boris Bürgisser, 26. November 2019

Der Wahlsieg der Grünen brachte einige Gewissheiten zum Wanken. Zum Beispiel, wie der Bundesrat künftig zusammengesetzt sein soll. Die Zauberformel hat zwar auch noch nach dem 11. Dezember Bestand, wie lange noch, steht jedoch auf einem anderen Papier. Grundsätzlich gilt aber: An der Konkordanz, also dem Einbezug aller politisch relevanten Kräfte, will niemand rütteln.

Die Konkordanz wird hochgehalten. Und was diese ausmacht, illustrierte die NZZ mit der wohl entzückendsten Geschichte des Politjahres. Im Zentrum: Der inzwischen abgetretene Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber. Dank ihm konnte SP-Präsident Christian Levrat die Maturafeier seiner Tochter besuchen. Eigentlich hatte Levrat beschlossen, dass die Sitzung der Wirtschaftskommission wichtiger sei. «Das kannst du nicht machen», sagte Graber zu Levrat. Er versprach in der Sitzung so zu stimmen, wie es der Freiburger SP-Ständerat getan hätte. Also contre-cœur. Als Levrat dann am nächsten Morgen zur Maturfeier aufbrechen wollte, fand er seinen Autoschlüssel nicht. SVP-Finanzminister Ueli Mauerer beauftragte deshalb seinen Chauffeur damit, Levrat an die Maturafeier zu fahren. Und so kam es, dass der oberste Sozialdemokrat in der Limousine des einstigen SVP-Präsidenten nach Bulle chauffiert worden ist. Als der Chauffeur an die Sitzung im solothurnischen Kriegstetten zurückkehrt, entdeckt er, dass der Schlüssel die ganze Zeit über im Auto gesteckt hatte. Was nun? Bundespräsident Maurer steuerte Levrats Wagen gleich selbst nach Bern.

Doch nicht nur die Politiker alten Schlages können Persönliches von der Sache trennen. Junge Nationalräte haben in Bern ein neues Schmiermittel der Konkordanz entdeckt: die überparteiliche Wohngemeinschaft. Die Neo-Nationalräte Andrin Silberschmidt (FDP/ZH), Mike Egger (SVP/SG) und Franziska Ryser (Grüne/SG) haben sich zusammen eine Wohnung in der Bundesstadt gemietet. Egger sieht in der politisch fein austarierten WG eine tiefere Botschaft. Es heisse immer, Bundesbern sei zerstritten. «Das stimmt nicht», sagt er. Es sei wichtig, dass sich Politikerinnen und Politiker unterschiedlicher Lager auch menschlich gut verstünden. Nur so seien politische Kompromisse möglich. Auf eine erfolgreiche neue Legislatur!