Schweiz ist weniger attraktiv

Die Anzahl der Asylgesuche hat im Jahr 2014 zwar um 11 Prozent zugenommen. Der Anteil aller Asylgesuche in Europa, die in der Schweiz gestellt werden, sinkt aber.

Aleksandra Mladenovic
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Zwei Asylbewerber aus Eritrea in der Zivilschutzanlage von Lumino. (Bild: ky/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Zwei Asylbewerber aus Eritrea in der Zivilschutzanlage von Lumino. (Bild: ky/Ti-Press/Gabriele Putzu)

BERN. 23 765 Asylgesuche sind im letzten Jahr in der Schweiz gestellt worden. Das sind 2300 Gesuche oder 10,7 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) gestern mitteilte. Europaweit ist die Anzahl Asylgesuche im selben Zeitraum um rund 35 Prozent auf 600 000 Gesuche gestiegen – dies aufgrund der zahlreichen Krisenherde in Afrika und rund um das Mittelmeer. Auch die Anzahl Asylsuchender aus der Ukraine hat in der Schweiz zugenommen – von 41 im Jahr 2013 auf 208 im letzten Jahr.

Erstaunlich ist aber: Der Anteil aller Asylgesuche in Europa, die in der Schweiz gestellt werden, sinkt. 8,2 Prozent aller Gesuche wurden 2012 in der Schweiz eingereicht, 2013 waren es noch 4,8 Prozent und im letzten Jahr 3,8 Prozent.

Weniger Wirtschaftsflüchtlinge

Die Gründe dafür sind unterschiedlich und sowohl in der Schweiz als auch international zu suchen. Léa Wertheimer, Sprecherin des SEM, erklärt: «Die Schweiz entscheidet über Gesuche aus Herkunftsländern mit einer geringen Bleibequote prioritär.» Gesuche aus Ländern, die vor allem Wirtschaftsflüchtlinge hervorbringen, werden inzwischen zum Teil in 48-Stunden-Verfahren behandelt. Das habe dazu geführt, dass weniger Menschen mit schwach begründeten Gesuchen in die Schweiz reisen.

Gleichzeitig sind 2014 aufgrund der Krisenherde mehr Flüchtlinge in die Schweiz gelangt, die gemäss Gesetz Anspruch auf Asyl haben. Während 2013 noch 30 Prozent der Asylsuchenden Asyl gewährt bekamen oder vorläufig aufgenommen wurden, waren es 2014 mit 58 Prozent anteilsmässig fast doppelt so viele.

Dennoch behandelt die Schweiz immer noch überdurchschnittlich viele Asylgesuche. Während im europäischen Durchschnitt 1,2 Asylsuchende auf 1000 Einwohner fallen, liegt diese Quote in der Schweiz bei 3. Nur in Schweden (8,4), Ungarn (4,4) und Österreich (3,4) ist sie derzeit höher. Österreich hat die Schweiz dabei im letzten Jahr überholt – 2013 lag die Quote noch bei 2 Asylgesuchen pro 1000 Einwohner.

Heftiger Anstieg in Ungarn

Die wohl markanteste Veränderung in Europa weist allerdings Ungarn auf. Nahm das Land 2012 gerade einmal 2157 Asylgesuche entgegen, waren es 2013 schon 18 900 und letztes Jahr gar 42 777, wie UNHCR Ungarn auf Anfrage mitteilt. Der markante Anstieg lässt sich unter anderem auf Gesetzesänderungen im Jahr 2013 zurückführen, wie Erno Simon, Sprecher des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Ungarn, erklärt: «Im Januar 2013 wurde mit einer sechsmonatigen Übergangsfrist eine neue Asylpraxis eingeführt.» Zuvor seien Asylsuchende inhaftiert worden.

Das UNHCR begrüsst die Aufnahmebereitschaft Ungarns zwar. Die Unterbringungen seien nicht ideal, aber akzeptabel. «Allerdings wurden trotz der Gesetzesanpassung letztes Jahr rund elf Prozent der Asylsuchenden inhaftiert.» Weshalb also steigt die Anzahl Asylgesuche in Ungarn derart überproportional? Eine mögliche Erklärung liefert ein Blick auf die Herkunftsländer der Asylsuchenden. Der grösste Anteil der Asylsuchenden in der Schweiz kam letztes Jahr aus Eritrea (6923 Personen), darauf folgte Syrien mit 3819 Personen – ein Grossteil der Asylsuchenden überquert auf dem Weg nach Europa also das Mittelmeer.

In Ungarn stammten die meisten Asylsuchenden hingegen aus dem Kosovo (6067) gefolgt von Pakistan (3052) und Afghanistan (2279). Die meisten Asylsuchenden in Österreich stammten im letzten Jahr aus Syrien (7754), Afghanistan (5070) und Russland (1996).

Léa Wertheimer vermutet in der Balkanroute einen möglichen Grund für die Entwicklung: «Bei uns sinken die Asylzahlen im Winter, weil das Mittelmeer dann zu rauh und zu gefährlich zum Überqueren ist. Auf dem Landweg über den Balkan gelangt man dann einfacher nach Europa.»