«Schweiz gibt ein fatales Signal»

Nach dem Entscheid für den zweiten Gotthardstrassentunnel werden Deutschland und Italien ihre Neat-Zubringer nicht mehr ausbauen, fürchtet Ueli Stückelberger, Chef des Verbands öffentlicher Verkehr. Er fordert einen Marschhalt.

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Auch die Symbolik zählt: Mit dem Entscheid für eine zweite Röhre setze die Schweiz wieder auf die Strasse, sagt Ueli Stückelberger. (Bild: ky/Alessandro Della Valle)

Auch die Symbolik zählt: Mit dem Entscheid für eine zweite Röhre setze die Schweiz wieder auf die Strasse, sagt Ueli Stückelberger. (Bild: ky/Alessandro Della Valle)

Herr Stückelberger, der Bundesrat hat dem Druck der Strassenlobby und des Tessins nachgegeben. Wie erklären Sie sich diesen Schwenker?

Ueli Stückelberger: Ich bin erstaunt, dass der Bundesrat so rasch die Meinung geändert hat. Aus der Distanz betrachtet haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren nicht geändert.

Haben Sie schlecht lobbyiert?

Stückelberger: Nein. Jene, die im Tessin diese Röhre wollen, haben gut lobbyiert. Und die Zusammensetzung im Bundesrat war anders als noch vor einigen Jahren. Dass niemand die Sanierungsvarianten gut fand, hat den Entscheid sicher auch begünstigt.

Ist der Entscheid ein Bruch mit der bisherigen Verkehrspolitik?

Stückelberger: Ja. Rein sachlich gesehen soll es mit der zweiten Röhre zwar nicht mehr Spuren geben. Mittelfristig werden jedoch sicher alle vier Spuren benützt und die Kapazitäten erhöht. Doch viel wichtiger ist die übergeordnete Bedeutung – die Alpen haben etwas Mythisches. Mit der Schwerverkehrsabgabe und der Neat hat Bern in Brüssel viel bewirkt. Nun wirkt es, als setze die Schweiz in den Alpen wieder auf den Strassenbau. Das ist wegen der Verlagerung innenpolitisch ein falsches Zeichen – aber auch gegenüber Deutschland, Italien und der EU.

Was bedeutet der Entscheid denn für Italien und Deutschland?

Stückelberger: Man gibt ein fatales Signal: Die Schweiz, die in der Verkehrspolitik als vorbildlich gilt, baut bei Engpässen wieder die Strasse aus. Es hat dort wieder Platz. Das wird in Deutschland und Italien nicht dazu führen, dass die für die Neat sehr wichtigen Zubringerstrecken rasch ausgebaut werden. Nun werden Schlüsse gezogen, die mit dem Bau der zweiten Röhre zwar nicht direkt zu tun haben, aber in diesen Kontext gehören.

Deutschland und Italien sind mit dem Ausbau der Neat-Zubringerstrecken bereits im Verzug. Befürchten Sie weitere Verzögerungen?

Stückelberger: Der Ausbau der Neat-Zubringer ist für eine konsequente Verlagerungspolitik zwingend nötig. Mit dem Entscheid wird es für die Schweiz schwieriger, Gehör zu finden. Dieses Argument ist viel weniger zugkräftig.

Das Ziel, die alpenquerenden Lastwagenfahrten bis 2018 auf 650 000 zu senken, bleibt doch so oder so eine Illusion.

Stückelberger: Das ist tatsächlich ein zu ehrgeiziges Ziel. Aber deswegen muss man nicht den Umkehrschluss ziehen, die Verlagerungspolitik sei gescheitert. Im alpenquerenden Güterverkehr befördert die Schweiz im Vergleich zu Österreich und Frankreich einen viel höheren Anteil auf der Schiene. Auch wenn man die Zielgrösse so nicht erreicht hat, sind wir auf sehr gutem Weg. Wegen der Verlagerungspolitik braucht es die zweite Röhre ganz sicher nicht.

Der Verlad von Lastwagen im Gotthardbasistunnel ist für ein Provisorium ebenfalls teuer. Was wäre eine Alternative?

Stückelberger: Mutiger wäre ein Marschhalt gewesen. Mit der Tunnelsanierung eilt es nicht extrem. Wir hätten die Auswirkungen des Gotthardbasistunnels abwarten und die Situation nach 2017 neu beurteilen können. Der Bund forciert den Bau neuer Terminals in Italien. Vielleicht legt die Bahn im Containerverkehr weiter zu und der Schwerverkehr entwickelt sich anders. Es ist nicht ökonomisch, ganze Lastwagen auf der Bahn zu transportieren. Ein kurzfristiger Verlad des Schwerverkehrs ergibt keinen Sinn. Dafür braucht es eine längere Distanz, mindestens 200 bis 300 Kilometer.

Und das Tessin?

Stückelberger: Die Anliegen des Tessins nehme ich sehr ernst. Da braucht es während der Sanierung sicher eine Lösung. Das kann auch ein optimaler Autoverlad durch den alten Bahntunnel sein.

Interview: Tobias Gafafer, Bern

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