Feldschiessen
Schützen kämpfen um Nachwuchs und gegen den Untergang der Tradition

Nach dem äusseren Feind bekämpfen die Schützen nun den Untergang der Tradition – auch beim Feldschiessen in Ried bei Kerzers. Rund 1400 Schützen des Seebezirks treten an. Doch es werden immer weniger.

Benno Tuchschmid
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Laufkontrolle vor dem Schiessen
19 Bilder
Die Schützen in einer Reihe
Ohren zu halten - es kracht
Für den Anlass wurde extra ein Wildwest-Dorf aufgebaut
«Obama-City» wird sie genannt
Die Kleinsten Schütze mit einem Gewehr
Hochkonzentriert
Feldschiessen in Ried bei Kerzers
Hans Etter, Präsident Schützenbund des Seebezirks
Er übermittelt die Ergebnisse mit dem Töffli
Ehrendame

Laufkontrolle vor dem Schiessen

Chris Iseli

«Sichern!! Assurez!!» Der Befehl knarzt aus den Lautsprechern beim Schützenstand über das grosse Moos vor Ried bei Kerzers FR. Dutzende Schützen sichern ihr Gewehr und schauen liegend über ihre Schultern zurück. Viele Gesichter sind schmerzverzerrt. Das Kreuz. Das Alter. Aber da muss der Schütze durch. In Ried bei Kerzers findet dieses Jahr das Feldschiessen im Seebezirk statt. Es ist eine der grössten Einzelveranstaltungen des Feldschiessens, das am Wochenende übers ganze Land verteilt stattfand. Hier in Ried sammeln sich 1400 Schützen.

Das Feldschiessen ist die Mutter aller Schützenfeste. Hier schiesst sich der Eidgenosse seit 1872 die Wehrhaftigkeit an. Grund dazu gab es immer. Erst wurde der Präzisionsschuss trainiert, um die Deutschen fernzuhalten, dann um die Russen am Einfall zu hindern. Heute schiessen die Schützen, um den Verlust der Tradition zu stoppen. Es ist der vielleicht schwerste Kampf. Der Mitgliederschwund, das Freizeitüberangebot. Doch Dora Andres, Präsidentin des Schützenverbandes, gibt sich kämpferisch: «Wir Schützen müssen zeigen, dass wir hier sind. Schiessen ist ein Ausdruck unserer Freiheit und Dankbarkeit.»

Das weltweit grösste und älteste Schützenfest ist auch eine Machtdemonstration. 135 000 Schützen nehmen schweizweit teil. Mehr Menschen, als in der Stadt Bern wohnen (124 000). Es ist eine Macht, die Abstimmungen entscheiden kann. Und es auch tut. Hans Etter, Präsident des Schützenverbandes Seebezirk, ein sanfter Mann mit grauem Bart, sagt: «Das Nein bei der Armeewaffen-Initiative war ein grosser Sieg. Eine Schlacht ist gewonnen, aber der Kampf geht weiter.» Im Hintergrund vermischen sich Blasmusik und das Knallen vom Schützenstand. Es ist die Schlachthymne der Tradition.

Welcome to «Obama City»

Ried bei Kerzers ist ein Gegenmodell zu der urbanen Tanz-Demo, die in der Nacht auf Sonntag in Bern stattfand (Artikel nächste Seite). Das Feldschiessen ist eine Grossdemonstration der Tradition. Dafür hat sich Ried herausgeputzt. Fahnen flattern. Ein Schild begrüsst die Gäste in «Obama City» (Der 1692 in Ried geborene Hans Gutknecht ist ein Vorfahre des US-Präsidenten). Hans Schmutz, Mitglied des OK, sagt: «Wenn etwas schön gemacht ist, halten die Leute auch mehr Sorge dazu.» Schmutz meint die Wild-West-Deko, in der der ganze Festplatz gehalten ist. Aber er könnte auch das Schweizerland meinen.

Schmutz steht hinter dem Schützenstand auf dem grossen Moos. Vorne auf dem Stand liegen die Schützen. Und reiben ihre Backen am Kolben. Gedämpft durch den Gehörschutz schnattert es «Bereit für sechs Schuss in einer Minute». Ein letztes Ranggen geht durch die Reihen. Dann lässt das Knallen die Zwerchfelle vibrieren. Bis der Lautsprecher «Sichern!!-Assurez!!-Gewehre-tief!!.-Fusil-bas!» befiehlt.

Neben Dora Andres liegt der amerikanische Militärattaché («I like Traditions»), ein Mann mit kahlem Kopf und weinrotem Manchester-Hemd. Zwei Reihen weiter der deutsche Militärattaché in Uniform. Sein Chef, der deutsche Botschafter Peter Gottwald (in Anzug), schiesst nicht. Später wird er im Festzelt davon reden, wie die Schützentradition Deutschland und die Schweiz verbindet. Das mag sein. Aber die Schützentradition markiert auch eine Trennlinie. Zwischen jenen, die für und mit der Tradition leben und jenen, die sie irritiert. Für die einen ist Mündungsfeuer der Klang der Freiheit. Für die anderen einfach nur durch Waffen verursachter Lärm.

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