Kommentar

Schon wieder Mais im Advent:
Verschwindet aus Rücksicht
auf Muslime Weihnachten? 

Alle Jahre wieder erhitzen sich die Gemüter in der Schweiz über den angeblichen Verlust religiöser Traditionen. Doch die Debatte hat wenig mit der Realität und noch weniger mit muslimischem Einfluss zu tun. Vielmehr geht es um politische Propaganda, schreibt Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter von CH Media. 

Pascal Hollenstein
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Am Sonntag beginnt sie, die besinnliche Zeit vor Weihnachten, dem Fest der Liebe. Und schon jetzt ist es mit der Besinnlichkeit ebenso vorbei wie mit den liebevollen Tönen. Stein des Anstosses: Im St. Galler Städtchen Wil hat eine Schule Weihnachtslieder aus dem Programm einer Adventsfeier gestrichen, aus «Rücksicht gegenüber anderen Kulturen und Religionen».

Das Ereignis wurde auch vom öffentlichen Rundfunk als derart bedeutend beurteilt, dass er einen längeren Beitrag hierzu ausstrahlte. Seither herrscht in den Kommentarspalten Schnappatmung: Der Untergang des Abendlandes steht offenbar unmittelbar bevor, die Kapitulation vor dem Islam ist immanent.

Pascal Hollenstein

Pascal Hollenstein

Das Ritual ist im Grunde immer das gleiche. Es vergeht kein Jahr, in dem in der Adventszeit nicht in irgendeiner Gemeinde angebliche Zeichen des Einknickens vor dem Islam gesichtet, rapportiert und heftig debattiert werden.

Der Stern von Bethlehem leuchtet offenkundig nicht nur den Gläubigen; er erhellt auch die Kampfzone einer Gesellschaft, die auf den vorgeblichen Verlust christlicher Traditionen beinahe aggressiver reagiert als einst die heilige Inquisition.

Zu spüren bekam das auch schon der Gemeinderat von Neuenburg, als dieser aus Rücksicht auf religiöse Befindlichkeiten die traditionelle Weihnachtskrippe vor dem Rathaus nicht aufstellen liess. Womöglich hatten viele Neuenburger die Krippe vorher kaum beachtet. Jetzt, da sie nicht da war, brach aber ein Sturm der Entrüstung los. Volkes Stimme war so laut, dass die Stadtregierung umgehend kapitulierte.

Woher kommt er eigentlich, dieser Furor im Advent? Zunächst: Die Behauptung, christliche Symbolik werde aus dem öffentlichen Raum verdrängt, hat mit der Realität nicht viel zu tun. Wer in diesen Tagen durch Einfamilienhausquartiere, durch Einkaufsstrassen und über Weihnachtsmärkte schlendert, der kann sich dem vorweihnachtlichen Blingbling schlicht nicht entziehen.

Gewiss sind es oft nicht mehr die traditionelle Krippe oder der Heilige Nikolaus mit Bischofsstab und Mitra, die den Advent prägen, sondern Rentiere, Santas und dergleichen importierter Zinnober mehr. Das sind, zugegeben, Brüche mit der hiesigen Tradition. Verweise auf das Fest Christi Geburt sind es eben aber doch.

Es gibt Fälle, in denen falsch verstandene religiöse Rücksichtnahme zu einer unnötigen Einschränkung des christlichen Brauchtums in diesem Land geführt hat. Solcher Übereifer ist ärgerlich. Die These von der generellen Entchristlichung der Öffentlichkeit erweist sich allerdings als unbelegt, womöglich gar als Fake News und politische Propaganda.

Das ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten. Der stramm republikanische Fernsehsender «Fox» schwadroniert denn auch schon seit Jahren davon, es gebe einen «War on Christmas». Und Donald Trump hat höchstselbst in mehreren Reden angekündigt, er werde der Entheiligung von Weihnachten einen Riegel schieben.

Neu sind derlei diffuse Kampfansagen übrigens nicht. Während heute eine angebliche Bedrohung für Joseph, Maria und klein Jesu aus dem islamischen Raum herbeigeredet wird, wurden im Kalten Krieg Kommunisten und in noch dunkleren Perioden die Juden verdächtigt, Weihnachten zu unterminieren. Der Feind änderte sich, die Argumentationsfigur blieb stets die gleiche. Und aller Rhetorik zum Trotz weigerte sich Weihnachten, zu verschwinden.

Der alljährliche Mais im Advent zeigt, dass es hier einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft nicht etwa um den religiösen Gehalt des Weihnachtsfestes, sondern um die Versicherung ihrer Identität geht, gewissermassen um Geborgenheit in Traditionen und Selbstverständlichkeiten. Kein anderes christliches Fest eignet sich besser hierfür als Weihnachten, das immer auch nach Kindheit duftet und sich alleine schon deshalb niemals ändern darf.

Niemand trällert vor dem theologisch wichtigeren Osterfest «O Haupt voll Blut und Wunden»; «Stille Nacht, heilige Nacht» heimelt aber auch jene an, die mit dem Katechismus nichts am Hut haben. Das ist die Kraft von Weihnachten. Und darin liegt auch das politische Missbrauchspotenzial.

In Summe: Man sollte die alljährliche Aufregung um die angeblich drohende Abschaffung von Weihnachten nicht sonderlich ernst nehmen. Wohl sollte man aber jene, die aus den Debatten politischen Profit schlagen wollen, kritisch hinterfragen. Ihnen muss man zurufen: Entspannt Euch! Und vor allem: Fragt Euch, was wirklich hinter Euren Ängsten steckt und was Ihr mit ihrer Bewirtschaftung anrichtet!

Wie sagte doch der Engel zum Hirtenvolk: «Fürchtet Euch nicht, denn ich verkünde Euch eine grosse Freude.»

So geht Advent.