Schöne neue Medienwelt

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Peter Gysling
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Vielleicht geht es Ihnen auch so! Wenn ich frühmorgens zum Briefkasten gehe, freue ich mich stets, dort meine Tageszeitungen in die Hand zu nehmen. Über Internet habe ich zwar Zugang zu vielen News­portalen, über DAB+ und über meinen Internet-Radioreceiver bin ich mit Sendern der ganzen Welt verbunden. Die seriösen Tageszeitungen aber – zusammen mit qualitativ guten Radio- und TV-Nachrichtensendungen – bieten mir den wohl besten Überblick über das, was ich als interessierter Bürger wissen sollte. Hier nehmen die traditionellen Medien mit ihrer Auswahl und Aufbereitung eine auch staatspolitisch wichtige Funktion wahr.

In den Redaktionen wie jener der Zeitung, die Sie eben aufgeschlagen haben, bemühen sich Journalisten, aus einer Vielzahl von Themen und Meldungen diejenigen aufzugreifen und zu vertiefen, die zuvor im Redaktionsdiskurs als wichtig (im Fachjargon: als relevant) eingestuft worden sind. Mit diesen Zeitungen oder mit Nachrichtensendungen wie dem «Echo der Zeit» werde ich aufgrund dieser Themenselektion über die wichtigsten Entwicklungen im In- und Ausland, über das Wirtschaftsgeschehen und jenes in meiner Region auf attraktive und verständliche Weise auf dem Laufenden gehalten. Beim Lesen und Durchblättern der Zeitung stosse ich so auch immer wieder «gezwungenermassen» auf wichtige Kultur- oder Wissenschaftsbeiträge, die ich beim Rumsurfen im Internet vielleicht übersehen würde. Für die Auswahl, die leserfreundliche Aufbereitung all dieser Themen bin ich den Redaktionen äusserst dankbar.

Bei einigen Redaktionen ist diese Art von Nachrichten-Auswahl aber keine Selbstverständlichkeit mehr! Internetportalen, die selbst von angesehenen Medienhäusern betrieben werden, geht es bei der Themenauswahl immer weniger um die erwähnten Qualitätsstandards. Bei ihnen zählt vor allem die Zahl der «Klicks», zu denen Nutzer mit besonders peppigen Schlagzeilen auf dem jeweiligen Internetportal veranlasst werden.

Offiziell werden seriöse Recherche, guter Schreibstil oder Verständlichkeit der Texte vielleicht auch in diesen Online-Redaktionen noch geschätzt. Mit einem finanziellen Sonderbonus honoriert aber werden derzeit in einem Digitaldienst des Zürcher Medienhauses Tamedia jene Journalistinnen und Journalisten, denen es gelingt, mit von ihnen kreierten Kurzartikeln möglichst viele attraktive Köder auszulegen. Wer mit reisserischen Titeln viele «Klicks» generiert, wird dafür vierteljährlich mit einem speziellen finanziellen Bonus ausgezeichnet. Es ist die journalistische Verpackung, die hier belohnt wird, sie ist es, die angeklickt wird und die notabene auch für Werbeeinnahmen sorgt. Was in der Verpackung drinsteckt, auch die Relevanz, spielt offenbar keine grosse Rolle mehr!

Es sind vor allem junge Berufsleute, die in solchen Newsredaktionen arbeiten. Während einst Jungjournalistinnen und Jungjournalisten nach traditionellen Kriterien ins journalistische Handwerk eingeführt wurden, werden sie heute an solchen Arbeitsplätzen offenbar auf ganz andere Kriterien hin getrimmt.

Mit Blick auf die Neuerungen im redaktionellen Arbeitsprozess und die spezielle Honorierung war beim erwähnten Verlagshaus von einem «Veredelungsprozess» die Rede. Ich weiss, es lässt sich beinahe für alles jeweils ein schönes Wort finden. Mir bleiben solch schöne Worte aber manchmal beinahe im Halse stecken!

Peter Gysling

freier Journalist