Kommentar

Schnell und drastisch gegen das Corona-Virus: Der Bundesrat handelt richtig

Ausgerechnet die Schweiz, in der Entscheide gern hinausgezögert und breit vernehmlasst werden, hat schneller entschieden als alle anderen Länder in Europa – und drastische Massnahmen verhängt. Kritiker halten das für eine Überreaktion. Sie irren.

Patrik Müller
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Patrik Müller

Patrik Müller

Sandra Ardizzone / INL

Als erstes Land verbietet die Schweiz Veranstaltungen mit über 1000 Besuchern. Das hat Gesundheitsminister Alain Berset am Freitagvormittag bekannt gegeben.

Bersets Auftritt war bemerkenswert: Er wirkte ruhig, verlas die Massnahmen mit freundlichem Gesichtsausdruck, beantwortete Fragen souverän. Hier sprach nicht der Dirigent eines Panikorchesters, hier zeigte der zuständige Minister, dass der Bundesrat die Gefahren des Corona-Virus ernst nimmt und führen will. Das neue Epidemiengesetz macht es möglich, dass der Bund über die Kantone und Gemeinden hinweg solche Entscheide trifft.

Die historische Dimension des Durchgreifens wird am Beispiel der Basler Fasnacht erkennbar. Die «drey scheenschte Dääg» wurden zum letzten Mal vor 100 Jahren abgesagt beziehungsweise um vier Wochen verschoben – wegen der Spanischen Grippe. Mit dieser ist das Corona-­Virus glücklicherweise nicht vergleichbar. Damals raffte die Grippe bis zu 50 Millionen Menschen dahin. Aber nur schon die Parallelität der Massnahmen – Veranstaltungsverbote – hat etwas Unheimliches.

Die Gesundheit muss Vorrang haben – auch vor der Wirtschaft

Der Bundesrat und die Behörden rund um den Globus stecken in einem Dilemma: Riegeln sie Städte ab, schliessen sie Schulen, verbieten sie Anlässe, so verängstigen sie viele Bürger, die teilweise mit Panik reagieren. Bilder von leergeräumten Regalen in Supermärkten belegen, dass es solche Reaktionen gibt. Belassen es die Behörden aber bei blossen Aufforderungen, die Hände zu waschen und bei Grippesymptomen zu Hause zu bleiben, stehen sie schnell im Verdacht, die Gefahren zu unterschätzen oder die Lage nicht im Griff zu haben. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg, und den hat der Bundesrat beschritten: Die Gesundheit der Bevölkerung muss Vorrang haben, und im Zweifelsfall gilt es ohne Rücksicht auf Verluste Massnahmen durchzusetzen.

Die wirtschaftlichen Folgen sind offensichtlich, aber sie können nicht massgebend sein: Fussballklubs müssen Geisterspiele austragen und Einnahmenausfälle hinnehmen, Konzertveranstalter ebenso. Messen wie der Autosalon in Genf oder «Baselworld» kämpfen ohnehin mit Problemen und werden nun zusätzlich belastet. Und der Tourismus spürt die Epidemie bereits, seit sie in China begonnen hat. Diese Verluste sind letztlich vorübergehend – auch wenn niemand weiss, wann die Epidemie unter Kontrolle ist. Wenn dieser Moment absehbar ist, dürften sich auch die Börsenkurse wieder erholen.

Die rasante Ausbreitung widerspiegelt unsere mobile, globalisierte Gesellschaft

In China hat sich die Ausbreitung bereits verlangsamt, dort geht die Zahl der Neuinfizierten seit einigen Tagen zurück. Das zeigt, dass rigide Massnahmen wirken. Das Tempo ist entscheidend im Kampf gegen CO­VID-19, wie es offiziell heisst, denn dieses überträgt sich aussergewöhnlich leicht und schnell. Nur darum konnte es innerhalb von zwei Monaten rund 50 Länder befallen. Das neuartige Virus hat seinen Ursprung in Wuhan, angeblich auf einem ­Lebensmittelmarkt, wo Händler tote und lebende Tiere anboten, Igel, Strausse und Krokodile. Bald grassierte es in mehreren Regionen Chinas, dann in Südkorea, im Iran, auf einem Kreuzfahrtschiff in Japan, seit einer Woche in Norditalien, bevor es – unvermeidlich – die Schweiz erreichte.

Die rasante Ausbreitung widerspiegelt unsere mobile, globalisierte Gesellschaft: Heute zählt der Flugverkehr doppelt so viele Passagiere wie 2003, als die Sars-Epidemie tobte. Noch stärker gewachsen ist der Freihandel. Die Internationalisierung hat zu mehr Wohlstand und Lebensqualität geführt, aber eben auch die Risiken erhöht. Kein Land allein wird das Virus besiegen können. Das kann die Welt nur gemeinsam.