«Schlag ins Gesicht des Klimaschutzes» – so viel neue Ware vernichtet Amazon (noch immer)

In einem Amazon-Versandlager in der Nähe von Hamburg werden regelmässig LKW-Ladungen voller Neuware abgeholt und zur Müllverbrennung gebracht. Amazon stellt Dritthändler, die ihre Produkte über die Online-Plattform verkaufen, vor die Wahl: teuer weiterlagern oder billig zerstören.

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Einblick in das Logistikzentrum in Koblenz: Während der Weihnachtszeit stellt Amazon mehr temporäre Arbeiter an.

Einblick in das Logistikzentrum in Koblenz: Während der Weihnachtszeit stellt Amazon mehr temporäre Arbeiter an.

(Bild: Thomas Frey, EPA)

Das Wichtigste in Kürze

  • Recherchen von Greenpeace Deutschland belegen rücksichtslose und umweltschädigende Praktiken im Onlinehandel.
  • Originalverpackte Ware wird bei Amazon laut Recherchen der Umweltschutzorganisation allzu oft entsorgt.
  • In einem Amazon-Versandlager in der Nähe von Hamburg werden regelmässig LKW-Ladungen voller Neuware abgeholt und zur Müllverbrennung gebracht.
  • Das Problem: Amazon stellt Dritthändler, die ihre Produkte über die Online-Plattform verkaufen, vor die Wahl: teuer weiterlagern oder billig zerstören.
  • Die Problematik ist nicht neu, sondern verschärft sich jeweils zu Weihnachten und an anderen Daten im Jahr, an denen exzessives Online-Shopping betrieben wird.

Was ist «Destroy-Ware»?

Das ist die Amazon-interne Bezeichnung für Produkte von Drittanbietern, die bei Amazon lagern und vernichtet werden sollen. Dies zeigen Recherchen von Greenpeace in Deutschland. Die Umweltschutzorganisation schreibt: «Was sich nicht schnell verkauft, wird für Drittanbieter auf der Verkaufsplattform Marketplace irgendwann so teuer in der Lagerung, dass sie sich für den Händler nicht mehr rechnet.»

Amazon biete neben Lagerung und Vertrieb für Drittanbieter eine weitere Dienstleistung: Die Vernichtung der Ware zu einem Preis, der deutlich unter dem der Lagerung liege.

Wo ist das Problem?

Im Bericht vom 20. Dezember zitiert Greenpeace Viola Wohlgemuth, eine laut eigenen Aussagen «Expertin für Konsumfragen»: «Es darf nicht sein, dass der Platz im Regal für den Onlinehändler anscheinend wertvoller ist als das Produkt, das drin liegt.»

Elektrische Fahrzeugflotten und Bekenntnisse zu Erneuerbaren Energien nützen laut Greenpeace-Bericht wenig, wenn der US-Konzern sein ökologisches Gewissen «bei jeder Chance zur Gewinnmaximierung» stummschalte. Etwa indem Amazon immer kürzere Lieferzeiten verspreche. «Sämtliche Produkte, die in der Schrottpresse landen, haben schliesslich einen CO2-Fußabdruck. Sie werden produziert, transportiert und gehen dann ungenutzt in die Vernichtung. Das bedeutet klimaschädliche Treibhausgase, die ohne jeden Sinn die Atmosphäre aufheizen.»

Nach den Recherchen im norddeutschen Winsen gehe Greenpeace davon aus, dass Amazon in Deutschland regelmässig Millionen von Artikel zerstöre, schreibt ndr.de. Da die Abläufe «hochgradig standardisiert seien, seien die Prozesse von Winsen auf andere Logistikzentren übertragbar».

Was sagt Amazon?

Der Onlinehändler dementiert die Vernichtung neuwertiger Ware nicht gegenüber Journalisten des Norddeutschen Rundfunks (NDR), sondern hält sich an die Verteidigungsstrategie, dass es sich um ein branchenweites Problem handle.

Ein Amazon-Sprecher nimmt Stellung und gibt der Steuergesetzgebung eine Mitschuld ...

Alle tun es?

Ja, sagt der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schaltegger, Professor für Nachhaltigkeits-Management, im Interview mit dem NDR. Das Problem betreffe alle Onlinehändler, aber auch «den stationären Handel». Es könne bei all diesen Unternehmen vorkommen, dass sie Produkte im Lager hätten, die dann «vernichtet werden müssen».

Das Problem sei, dass zu viel Angebot geschaffen werde im Vergleich zur Nachfrage. Dadurch entstünden überflüssige Produkte, die dann eben entsorgt werden.

Was kostet das und wer bezahlt es?

Die branchenübliche Vernichtung neuwertiger Ware lässt sich nicht beziffern. Amazon und Co. kalkulieren die entstehenden Kosten bei ihrer Preispolitik ein und wälzen sie auf die Kunden ab. Letztlich werden die Konsumenten und Steuerzahler zur Kasse gebeten. Und die Umwelt hat den Schaden.

Onlinehändlern stellt sich die immer gleiche Frage, wenn sie auf einem bestimmten Produkt sitzenbleiben, oder wenn retournierte Ware bei ihnen eintrifft: Nochmals verkaufen, anders verwerten oder vernichten, weil sich der Wiederverkauf betriebswirtschaftlich nicht mehr lohnt?

Was würde helfen?

1. Auf Anbieterseite: Amazon und Co. sollten Rabatte einführen für Leute, die bereit sind, etwas länger auf die Auslieferung eines online bestellten Produktes zu warten.

2. Auf Konsumentenseite: Amazon und Co. sollten Rücksendegebühren einführen, wenn zum Beispiel jemand online drei Grössen eines bestimmten Produktes bestellt.

3. Der Staat sollte die Vorschriften verschärfen für den Handel und die Vernichtung neuwertiger Waren.

In Deutschland wird die Bundesregierung Anfang 2020 eine sogenannte Obhutspflicht beschliessen für den Umgang mit Retouren und nicht verkauften Neuwaren, wie ndr.de berichtet. Die neue Regelung umfasse:

  • Neue Waren sollen so transportiert und aufbewahrt werden müssen, dass die Produkte länger nutzbar bleiben.
  • Bei der Vernichtung sollten die Händler zu mehr Transparenz gezwungen werden.
  • Nur wenn der Verkauf oder eine Spende technisch oder rechtlich nicht mehr möglich sei, etwa weil Gefahr für die Gesundheit bestehe, solle die Vernichtung erlaubt werden.
  • Ein Produkt dürfe erst dann vernichtet werden, wenn es für einen Händler «wirtschaftlich nicht mehr zumutbar» sei.

Was kann man jetzt sofort tun?

Hirn einschalten vor und beim Online-Shopping. Das heisst, nur wirklich benötigte Produkte kaufen und versuchen, möglichst wenige Retouren zu verursachen. Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schaltegger sagt: «Zeit ist ein wichtiger Nachhaltigkeits-Faktor, und Geduld trägt dazu bei, nachhaltiger zu werden.»

Ist das Problem neu?

Nein. Amazon vernichte retournierte Ware in grossem Stil, berichtete das ZDF-Magazin «Frontal 21» im Juni 2018. Auch damals schon bestritt der Onlinehändler das fragwürdige Vorgehen nicht, sondern liess mitteilen, man arbeite an Prozessen, um «so wenig Produkte wie möglich entsorgen zu müssen».

Und die Schweiz?

Ist auch betroffen. Amazon liefert viele Produkte in die Schweiz. Zudem gibt es zahlreiche Lieferdienste, die Schweizer Kunden eine Postadresse in der Europäischen Union (EU) anbieten.

Im Oktober 2019 zitierte «20 Minuten» einen Schweizer Experten, der sagte, der Anteil der Artikel, die im hiesigen Onlinehandel entsorgt werden, dürfte tiefer liegen als in Deutschland. Die Aussage bezieht sich auf eine 2018 veröffentlichte Studie der Universität Bamberg über die Retourenentsorgung bei deutschen Onlinehändlern. Diese Befragung hatte ergeben, dass nur vier Prozent der Ware vernichtet würde.

Dass im Schweizer Handel tendenziell wenige Retouren im Abfall landeten, liege am Warenwert. Dieser Wert sei bei Schweizer Online-Shops meist höher als im Ausland. (dsc)

Quellen
greenpeace.de: Ab Werk in den Abfall
ndr.de: Winsen – Amazon verschrottet containerweise Neuware