Schattenseiten
Ob Stempelsteuer oder Tabak-Werbung: Wie Diskussionen im Internet manipuliert werden

Das Internet fragt uns immer wieder, was wir zu einem Thema denken. Gewisse politische Kreise versuchen aber solche Pseudo-Umfragen zu manipulieren.

Petar Marjanović / watson.ch
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Es ist schon lange bekannt, dass es auf Webseiten wie Facebook oder Twitter auch Schattenseiten gibt. Aus dem Ausland kennt man sie unter den Namen «Trollfabrik», «Fake-News-Schleuder» oder «Echokammern»: Gemeint sind Gruppen von Aktivistinnen und Aktivisten, die gemeinsam die öffentliche Meinung manipulieren wollen.

Ihnen geht es nicht immer um den demokratischen Streit, wo Argumente dafür oder dagegen angehört werden sollten: Sie wollen gewinnen – und das teilweise mit allen Mitteln. Die Facebook-Seite «Like Schweiz» ist eine davon. Sie gibt sich als «Nachrichten- und Medienseite» aus und behauptet, Fakten zu bringen: «Kartellmedien schweigen zig Missstände tot.»

Manipulationsversuche mit «Tricks»

Wer dahintersteckt, ist unbekannt. Wo sie politisch stehen, ist umso klarer: Gepostet werden in der Regel provokante bis rassistische Beiträge, in denen Ausländer, Linke, die EU oder das politische Establishment kritisiert werden. Positives liest man nur über rechte oder rechtsextreme Parteien und Politiker oder wenn eine Internet-Umfrage etwas aussagt, was ins Weltbild passt. Etwa dann, wenn sich die Mehrheit einer «20 Minuten»-Umfrage gegen Bundesrat Alain Berset ausspricht.

Mit solchen Beiträgen erreicht die Seite rund eine Million Menschen.

Mit solchen Beiträgen erreicht die Seite rund eine Million Menschen.

Screenshot

Die unbekannten Betreiber der Facebook-Seite helfen auch nach, damit eine Umfrage ins Weltbild passt – auch wenn es nicht um anti-linke oder ausländerfeindliche Themen geht. So forderte «Like Schweiz» am Donnerstag die Abonnenten auf, sich bei einer Blick.ch-Umfrage gegen die Tabak-Initiative auszusprechen. Die Umfrage war eine Art «Gewinnspiel», bei dem das Pro- oder Contra-Lager ein kostenloses Inserat im «Blick» gewinnen konnte.

Solche Aufrufe landen immer wieder auf Schmutzseiten, in dubiosen Chats oder in Discord-Channels jeglicher politischer Couleur. watson sind solche Teilnahme-Aufrufe auch aus linken Kreisen bekannt. Zu lesen sind dort gelegentlich auch vermeintliche «Tricks», um das Resultat durch Mehrfachabstimmung zu manipulieren.

Schafft man eine Mehrheit, wird das Resultat gefeiert und in Social-Media-Posts weiterverbreitet. Im Fall einer Niederlage kritisiert man die Manipulation der Umfrage. So geschehen beim Inserate-Duell zur Stempelsteuer: Der Gewerbeverband kassierte eine Niederlage gegen das linke «Nein»-Lager und schimpfte dann über die Manipulationsversuche.

«Blick» filtert Manipulationen

«Blick»-Pressesprecher Daniel Riedel kennt diese Vorwürfe. Man verwende eine Software, die grössere Angriffe abwendet und Manipulationsversuche rausfiltert. «Für den betreffenden User oder die betreffende Userin scheint es zwar möglich zu sein, weiterhin abzustimmen, die von ‹Blick› verwendete Software erkennt jedoch dieses ‹fraudulent behavior› im Hintergrund und löscht sie konsequent», schreibt Riedel in einer schriftlichen Stellungnahme.

Auch das SRF kennt das Problem. Ein Internet-User veröffentlichte letztes Jahr im Blog «Inside Paradeplatz» eine detaillierte technische Anleitung, um sogenannte «User-Votings» zu manipulieren. Die Empörung war gross, obwohl SRF solche schnellen Umfragen nie als repräsentative Befragungen darstellte. Die Verantwortlichen im Leutschenbach verzichten aber seither auf User-Umfragen zu politischen Themen. SRF-Mediensprecher Stefan Wyss sagt dazu: «Der definitive Entscheid, wie SRF News damit umgeht, ist aber noch nicht gefällt. Aktuell richtet SRF News den Fokus auf die Förderung einer konstruktiven Debattenkultur.»

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