SBB wollen sich gesundsparen

Die SBB möchten 900 Stellen abbauen und jährlich 550 Millionen einsparen, weil die Kosten aus dem Ruder laufen. Am stärksten trifft es die Division Infrastruktur, wo allein 500 Arbeitsplätze gefährdet sind – nicht zum ersten Mal.

Tobias Gafafer
Merken
Drucken
Teilen

BERN. Es ist ein Problem, das sich bis 2030 noch verschärft. Die Folgekosten der SBB für Betrieb und Unterhalt steigen stark, weil die Fahrpläne stets dichter werden und viele Ausbauten wie der Gotthard-Basistunnel in Betrieb gehen. Ab 2017 müssen sie für die Benutzung der Schienen mehr bezahlen, wie es die Fabi-Vorlage vorsieht. Die günstige Konkurrenz ist gross, durch tiefe Benzinpreise, Carsharing und vor allem im internationalen Verkehr durch Billigflüge und Fernbusse. Weitere Aufschläge sind deshalb nach den Tarifrunden der letzten Jahre schwierig.

Den SBB bleibt somit wenig anderes übrig, als effizienter zu werden. Gestern präsentierte Konzernchef Andreas Meyer vor den Medien ein Sparprogramm. «Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir später wie der Esel am Berg stehen.» Bis 2020 planen die SBB den Abbau von 900 von 28 000 Stellen und eine Reduktion des Aufwands um jährlich 550 Millionen Franken, bis 2030 um 1,75 Milliarden. Das soll mit Einbezug der Sozialpartner erfolgen und wenn möglich über natürliche Fluktuationen und Pensionierungen. Unter anderem wollen die SBB Doppelspurigkeiten eliminieren, die Verwaltung reduzieren und Bau, Betrieb und Unterhalt optimieren.

McKinsey und PwC engagiert

Alle Bereiche sind vom Abbau betroffen. Die SBB planen damit eine Kehrtwende: In den letzten zehn Jahren schufen sie trotz der Automatisierung laufend neue Stellen. Die Zahl der Lokführer und des Zugspersonals stieg nur leicht, während die Verwaltung stark wuchs. Bis im Sommer entscheiden die SBB mit der Beratungsfirma McKinsey über definitive Massnahmen. Recherchen zeigen, dass die Sparpläne schon weiter fortgeschritten sind, als die SBB zugeben. Am härtesten trifft es die Infrastruktur, die für den Bau und den Unterhalt zuständig ist. Allein bei dieser Division wollen sie von 2016 bis 2020 rund 500 Stellen abbauen.

Diese Hiobsbotschaft kündigt der Chef der Division, Philippe Gauderon, in einem Brief an die Mitarbeiter an, der unserer Zeitung vorliegt. Der Fokus liege auf Stellen, die zentrale Leistungen nicht beeinträchtigten. Im Herbst startete die SBB-Unternehmensentwicklung mit einer anderen Beratungsfirma, PwC, eine Analyse der Tätigkeiten aller Mitarbeiter. «Wir wollen erkennen, wo es Ineffizienzen und Leistungen ohne Kundennutzen gibt», schreibt Gauderon weiter.

Die SBB-Infrastruktur erhält vom Bund bis 2020 zwar 15 Prozent mehr Mittel für den Betrieb und den lange vernachlässigten Unterhalt. Doch die Lage bleibt wegen des zunehmenden Verkehrs und schnelleren neuen Zügen angespannt. «Die geforderten Leistungen können wir nur erbringen, wenn wir deutlich effizienter werden und bis 2020 600 Millionen einsparen.» Die Division beginnt nicht bei null. «In den letzten fünf Jahren haben wir 500 Millionen eingespart.» Doch das reicht nicht. Ein «radikales Intervallkonzept» soll laut Gauderon Arbeiten bündeln, längere Bauintervalle schaffen und die Kosten senken. Für die Kunden heisst das: Sie müssen vermehrt mit Ersatzangeboten wie Bussen rechnen.

Weniger Schalter, mehr Effizienz

Anderswo sind die Abbaupläne noch weniger klar. Hart traf es in den letzten Jahren bereits das Verkaufspersonal. Wegen der Digitalisierung schliessen die SBB immer mehr Schalter. Der technologische Fortschritt soll bis 2030 noch mehr Effizienz ermöglichen. Längerfristig erwägen die SBB den Einsatz von selbstfahrenden Zügen, wie er auf einigen Metrolinien in Paris oder Kopenhagen schon erfolgt. Oder einen Betrieb mit Zügen, die sich in kurzen Abständen folgen, wie es in Zürich mit einer inneren S-Bahn geplant ist. Den Service Public will Bahnchef Meyer nicht hinterfragen, kaum benutzte Spätzüge dagegen schon. Überprüfen möchten die SBB auch die Angebotskonzepte bis 2030 – und damit die Ausbauten, welche die Politik festlegt.

Die Bahngewerkschaft SEV kritisierte postwendend, die Pläne seien unrealistisch. Wegen den bevorstehenden Pensionierungen geburtenstarker Jahrgänge und dem Unterbestand bei Berufsgruppen wie den Lokführern warnt sie vor Engpässen.