SBB wollen gegen Suizide auf der Schiene vorgehen

BERN. Landesweit ist die Zahl der Selbsttötungen in der Schweiz rückläufig. Das ist die gute Nachricht. Doch immer noch sind es rund 1200 Menschen pro Jahr, die aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Das ist die schlechte Nachricht.

Gerhard Lob
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BERN. Landesweit ist die Zahl der Selbsttötungen in der Schweiz rückläufig. Das ist die gute Nachricht. Doch immer noch sind es rund 1200 Menschen pro Jahr, die aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Das ist die schlechte Nachricht. Aus Sicht der Bahnen ist es problematisch, dass vermehrt der Schienensuizid als Methode genutzt wird. Im Jahr 2014 gab es auf dem SBB-Streckennetz 140 Suizide, zudem 90 Suizidversuche. Europaweit ist der Trend ähnlich. In den 28 EU-Ländern werden rund 3000 Schienensuizide im Jahr verzeichnet.

Konsequenzen auch für Dritte

Hinter diesen nackten Zahlen verbirgt sich ein unermessliches menschliches Leid, aber jeder «Ereignisfall» hat auch gravierende Konsequenzen für Dritte – allfällige Zeugen, Angehörige, Kunden und Bahnmitarbeitende. Für die Lokführer ist es ein Trauma, wenn sich eine Person unter den Zug wirft. «Manche können dann nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten und erhalten eine andere Aufgabe», sagte SBB-Chef Andreas Meyer gestern an einer Fachtagung in Bern zum Thema Schienensuizid. «Das Bild fährt immer mit, wenn es jemand erlebt hat», ergänzte Hubert Giger, Präsident des Lokführer-Verbandes.

Die SBB hatten zur Tagung eingeladen, weil dieses Thema für sie immer wichtiger wird. Die Personenunfälle haben für den Zugsverkehr grosse betriebliche Auswirkungen: Oft bleiben die betroffenen Strecken im Rahmen eines Störfallmanagements über Stunden gesperrt. Bereits Anfang 2014 haben die SBB eine Koordinationsstelle aufgebaut mit dem Ziel, die Massnahmen mit verschiedenen Institutionen und Fachorganisationen abzusprechen.

Erkennen und ansprechen

Im Fokus der SBB-Massnahmen zur Verhinderung von Suiziden stehen die Kommunikation, Massnahmen im baulich-technischen Bereich, aber auch die Sensibilisierung von Mitarbeitenden. Sie sollen beispielsweise in einem Bahnhof potenziell suizidgefährdete Personen erkennen und ansprechen.

Wie wichtig eine solche Geste sein kann, verdeutlichte Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen. Eine Studie zu Selbsttötungen an der Golden Gate Bridge von San Francisco hat aufgezeigt, dass von 515 Personen, die in den Tod springen wollten, aber zurückgehalten werden konnten, nur fünf Prozent nochmals einen Suizidversuch begangen haben. «Das Zurückhalten ist eine extrem effiziente Methode, um Menschen zu retten.»

Gefahr der Nachahmung

Problematisch bleibt die Information und Berichterstattung über Suizide. Denn viele Menschen lassen sich durch Berichte inspirieren. In Anspielung auf Goethes berühmten Roman «Die Leiden des jungen Werthers», der nach seinem Erscheinen 1774 viele junge Männer veranlasste, den Freitod durch einen Pistolenschuss nachzuahmen, ist vom Werther-Effekt die Rede.

Auslöser für Nachahmungstäter sind inzwischen Zeitungsartikel, Filme oder auch Dramen berühmter Personen. So löste der Freitod des deutschen Torwarts Robert Enke im November 2009 durch einen Schienensuizid eine Nachahmungswelle aus, die immer noch nicht abgeebbt ist. Für die Deutsche Bahn ist im übrigen neben verübten Suiziden auch die angekündigte Selbsttötung über soziale Netzwerke ein zunehmendes Problem. In der Folge kommt es häufig zu Streckensperrungen, und die Züge reduzieren ihre Geschwindigkeit auf Sichtfahrt.

Trotz dem Problem der Nachahmung lässt sich auf eine Berichterstattung nicht verzichten. Das Thema der Suizide kann nicht totgeschwiegen oder tabuisiert werden. Der Schweizer Presserat rät zu grosser Zurückhaltung und der Vermeidung von Detailschilderungen bei einem Unglück.