SBB-Warnsignal an die Politik

Im subventionierten Regionalverkehr legen die SBB zu. Weil dem Bund Geld fehlt, könnte es die Kunden treffen.

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Die SBB wachsen im falschen Segment: Der rentable Fernverkehr ist rückläufig. (Bild: ky/ Peter Schneider)

Die SBB wachsen im falschen Segment: Der rentable Fernverkehr ist rückläufig. (Bild: ky/ Peter Schneider)

2012 mussten die SBB einen Rückgang der Passagierzahlen verkraften. Das gab die SBB-Spitze um Bahnchef Andreas Meyer gestern vor den Medien in Zürich bekannt. Ob Passagiere zur Strasse abgewandert sind, konnte er nicht sagen (siehe auch Text unten rechts). Klar sei dagegen, dass die letzte Tarifrunde keinen spürbaren Effekt gehabt habe. Das bestätigt Ueli Stückelberger, Direktor des für Tariffragen zuständigen Verbands öffentlicher Verkehr (VöV): Das schlechte Wetter habe etwa zu einem Rückgang des Freizeitverkehrs geführt. Zudem seien erneut mehr GA und Halbtax-Abos verkauft worden. Tatsächlich fiel die für 2012 relevante Tariferhöhung vom Dezember 2011 mit durchschnittlich 1,5 Prozent moderat aus. Erst 2013 dürfte sich zeigen, ob die Passagierzahlen wegen höherer Preise sinken. Denn im Dezember 2012 wurden die Tarife im Schnitt nochmals um 5,6 Prozent erhöht – um den Mehrbedarf für Schienen und Tunnels zu decken.

Internationaler Verkehr legt zu

Den Rückgang spüren jedoch nicht alle Bereiche des Personenverkehrs: Im nationalen Fernverkehr gingen die Passagierzahlen zwar um 2,1 Prozent zurück, doch der internationale Fernverkehr legte stark zu. Es zeigte sich einmal mehr: Wo die Bahn attraktive Angebote bietet, etwa im Verkehr nach Paris, ist sie sehr erfolgreich. Vor allem aber legten die SBB auch im Regionalverkehr weiter zu – 2012 um 1,6 Prozent. Pikant: Dessen Betrieb wird im Gegensatz zum rentablen Fernverkehr vom Bund und den Kantonen subventioniert; 2012 erhielten dafür allein die SBB 468 Millionen. Doch wie unsere Zeitung publik machte, fehlen zusehends die nötigen Mittel – schon im laufenden Jahr. Auch ab 2014 bestehen finanzielle Lücken. Wegen vieler Ausbauten drohen die Subventionszahlungen für den Betrieb des Regionalverkehrs aus dem Ruder zu laufen. Dazu kommen höhere Kosten für neues Rollmaterial, das die SBB wie alle Bahnen am Kapitalmarkt finanzieren – und über die Subventionen verrechnen. Der Bund zog deshalb die Notbremse und verhängte unter anderem einen Investitionsstop für neue Züge. Gemäss dem VöV ist es denn auch möglich, dass die Billettpreise ab dem kommenden Dezember erneut erhöht werden müssen.

Wachsen auf Kosten des Fernverkehrs

Die erneuten Probleme bei der Finanzierung des Verkehrs machen den SBB zu schaffen. Bahnchef Meyer spielte den Ball gestern zwar der Politik zu. Doch im Geschäftsbericht sprechen die SBB Klartext: Bund und Kantone würden künftig kaum mehr wie heute in der Lage sein, rund die Hälfte eines Billetts mitzufinanzieren. Demnach drohen den Kunden in Zukunft weitere Aufschläge. Problematisch ist für die SBB, dass sie mit den Einnahmen von rentablen Fernverkehrsstrecken wie der Ost-West-Achse faktisch mehr Löcher für den subventionierten Regionalverkehr stopfen sollen. Bereits 2012 verwendeten die SBB 36 Prozent der kommerziell finanzierten Investitionen für den Regionalverkehr. Der Investitionsbedarf ist jedoch auch im Fernverkehr gross. «Der Druck würde sich noch vergrössern, sollte der Regionalverkehr über längere Zeit weiter zu Lasten des Fernverkehrs wachsen», warnen die SBB.

Doch die Bahn ist auch selber gefordert, ihre Erträge zu steigern. Denn im Tagesdurchschnitt liegt die Sitzplatzauslastung bloss bei 30 Prozent – die Spitzen zu Stosszeiten täuschen. Im Rahmen der geplanten elektronischen Karte für den öffentlichen Verkehr soll es deshalb weitere Angebote geben, etwa Preisdifferenzierungen im Freizeitverkehr. Zudem sprechen sich die SBB für den gestaffelten Schul- und Arbeitsbeginn aus, um die Nachfragespitzen zu brechen. Die Renditeziele stehen jedoch politisch im Gegenwind: So haben die Konsumentenzeitschriften «K-Tipp» und «Saldo» eine Service-Public-Initiative lanciert. Sie verlangt, dass bundeseigene Unternehmen keinen Gewinn mehr erwirtschaften. Die Blätter befeuern ihr Anliegen mit einer Reihe von stark SBB-kritischen Artikeln.

Schwarze Null für SBB Cargo 2013

Nichts zum Gewinn trug derweil auch 2012 SBB Cargo bei: Mit 51 Millionen fiel das Defizit leicht höher als 2011 aus – der Verkehr ging um 1,7 Prozent zurück. Dennoch geben sich die SBB verhalten optimistisch: Bahnchef Meyer sagte, dass sich SBB Cargo angesichts der schwierigen Wirtschaftslage wacker geschlagen habe. Bremsend wirkte gemäss den SBB die dreiwöchige Sperre der Gotthardstrecke wegen eines Felssturzes bei Gurtnellen. Zudem hätten einmalige Restrukturierungskosten das Ergebnis belastet. Wesentliche Teile des 2011 eingeleiteten Sparprogramms würden erst im laufenden Jahr wirksam. Die SBB rechnen damit, im Güterverkehr 2013 die vom Bund verlangte schwarze Null zu erreichen.

Tobias Gafafer

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