Zweckfrieden zwischen SBB und Bombardier

Die zuständige Kommission des Nationalrats verlangt eine vertiefte Abklärung zum Pannenzug. SBB und Bahnbauer Bombardier machen derweil gute Miene zum bösen Spiel.

Sven Altermatt
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Die Verantwortlichen von Bombardier und SBB stellten sich den Medien.  Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Bern, 11. Februar 2019)

Die Verantwortlichen von Bombardier und SBB stellten sich den Medien. Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Bern, 11. Februar 2019)

Das erste Friedenssignal kam am frühen Morgen: Die SBB und Bombardier luden zu einer gemeinsamen Medienkonferenz am Montagnachmittag. Die beiden Unternehmen kündigten an, über das Debakel rund um die neuen Fernverkehrszüge informieren zu wollen. Eine überraschende Einladung. Denn noch vor wenigen Wochen giftelten die SBB öffentlich über Bombardier.

59 Züge des Modells FV-Dosto bestellten die Bundesbahnen im Jahr 2010 für 1,9 Milliarden Franken beim kanadischen Bahnbauer. Doch die Auslieferung der vermeintlichen Prestigezüge verzögert sich seit fünf Jahren. Erst seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018 verkehren die ersten zwölf FV-Dosto im fahrplanmässigen Betrieb, wegen technischer Probleme sind sie aber nur eingeschränkt einsetzbar. In einem Interview mit dieser Zeitung fuhr SBB-Chef Andreas Meyer dem Hersteller der Züge kürzlich an den Karren. Und der Schweiz-Chef von Bombardier, Stéphane Wettstein, äusserte seinerseits Unverständnis über die Kommunikation der SBB.

Und nun ist also wieder Frieden eingekehrt? Daran bestehen Zweifel. Dass Bombardier und die SBB ausgerechnet gestern an die Öffentlichkeit traten, war kein Zufall. Denn am Vormittag mussten ihre Spitzen vor der Verkehrskommission des Nationalrats antraben und kritische Fragen beantworten. Wie kam es zu dem Debakel? Wer muss für die Verzögerungen zahlen? Und wann rollen alle bestellten Züge durch die Schweiz?

Manager gar nicht mehr im Amt

Nur wenig davon, was hinter den Türen des Zimmers 287 im Bundeshaus diskutiert worden war, drang offiziell nach aussen. Nach der Anhörung gab die Kommissionspräsidentin, SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, vor den Medien ein knappes Statement ab. Man gehe davon aus, dass die Kinderkrankheiten bei den Zügen deshalb auftreten, weil wegen den Verspätungen bei der Auslieferung zu wenige Tests durchgeführt werden konnten – an sich keine neue Erkenntnis.

Die beteiligten Unternehmen forderte Graf-Litscher dazu auf, «Schuldzuweisungen und Prestigefragen hinten anzustellen». Selbst kann die Verkehrskommission freilich wenig ausrichten. Deshalb hat sie die Geschäftsprüfungskommission gebeten, die Beschaffungen und damit die Schuldfrage zu untersuchen. Über den genauen Inhalt der Sitzung schwieg sich Graf-Litscher aus.

Konkreter wurde etwa SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner. «Mein Eindruck hat sich nach der Anhörung nur noch verschlechtert», erklärte er. Viel mehr als luftige Absichtserklärungen seien nicht aufgetischt worden. Besonders Bombardier habe keinen besonders kompetenten Auftritt hingelegt. Zufrieden zeigte sich Giezendanner nur mit Toni Häne, dem Chef der SBB-Division Personenverkehr. «Er versteht was von der Sache und ist seit Wochen um Lösungen bemüht.» Das Fazit von Giezendanner: «Um die Öffentlichkeit zu besänftigen, machen die Unternehmen nun gute Miene zum bösen Spiel.»

Kommissionsmitglieder kritisierten den Medienauftritt unmittelbar nach der Anhörung. Von einer «reinen PR-Aktion» sprach ein bürgerlicher Politiker, der nicht namentlich zitiert werden will. Für Unmut sorgte in der Kommission ein SBB-Lobbyist, der an der Medienkonferenz von Graf-Litscher teilnahm und ihren Auftritt auf Tonband aufzeichnete. Und dass Bombardier mit Laurent Troger den weltweiten Chef der Eisenbahn-Sparte einfliegen liess, wurde zwar ursprünglich positiv gewertet. Doch just vor dem Wochenende gab der Konzern bekannt: Troger verlässt seinen Posten mit sofortiger Wirkung. «Man hat uns eine lahme Ente vorgesetzt», monierte ein weiteres Kommissionsmitglied.

Bloss mässig zufrieden äusserte sich auch SP-Nationalrat Philipp Hadorn, der den «Zweckoptimismus auf dem Buckel von Bahnpassagieren und Beschäftigten» kritisierte. «Ich nehme den SBB und Bombardier den plötzlichen Schulterschluss nicht ganz ab.» Die entscheidende Frage, wer denn nun die Verantwortung übernehme, sei nach wie vor völlig offen. Der Bahngewerkschafter ortet grundsätzlichen Handlungsbedarf. Der Bund müsse in Zukunft «solche enorme Investitionen im Interesse von Service public und haushälterischem Umgang enger begleiten», findet Hadorn, «wenn nicht gar als Eigner die Beschaffungen selbst vornehmen».

SBB bleiben skeptischer

Vorerst jedenfalls geben sich Bombardier und die SBB einträchtig. Man wolle alles dafür tun, damit die Pannen beim FV-Dosto bald der Vergangenheit angehören, erklärten SBB-CEO Andreas Meyer und Bombardier-Manager Laurent Troger am Nachmittag im Berner Hotel «Bellevue». Beide bedauerten die aktuelle Situation und entschuldigten sich bei den Fahrgästen. Allerdings verhehlten sie nicht, dass sie sich in zentralen Punkten nicht einig sind. Ihre Botschaft lautet nun aber: Über Finanzielles wird erst geredet, wenn die Züge pünktlich unterwegs sind. Ohnehin wollen sich die Parteien grundsätzlich nicht zu den vertraglich vereinbarten Konventionalstrafen äussern – Geschäftsgeheimnis, heisst es. Bombardier immerhin sicherte bereits zu, 62 statt der bestellten 59 Züge zu liefern.

Im Sommer könnte der FV-Dosto erstmals auf der Paradestrecke St. Gallen–Genf eingesetzt werden. Und wann werden die SBB endlich über alle bestellten 59 Züge verfügen? Laut dem jüngsten Lieferplan vom Bombardier dürfte es im Juli 2020 soweit sein. Die Bundesbahnen jedoch sind da skeptischer. Man halte das Ziel für «ambitioniert», sagte SBB-Manager Toni Häne am Rande der Medienkonferenz und ergänzte auf Rückfrage: «Ich selbst wage lieber keine Prognose.»