SBB testen Mobilität der Zukunft

Die SBB wollen Bahnreisende künftig von Haustür zu Haustür befördern, probehalber mit BMW. «Green Class» heisst ihr Markttest. Die Teilnehmer müssen tief in die Taschen greifen.

Hanspeter Guggenbühl
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Die Teilnehmer des SBB-Tests erhalten unter anderem ein Jahresabonnement für Mobility-Carsharing sowie ein SBB-Generalabonnement für die erste Klasse. (Bild: Gaëtan Bally/KEY (Zürich, 23. September 2014))

Die Teilnehmer des SBB-Tests erhalten unter anderem ein Jahresabonnement für Mobility-Carsharing sowie ein SBB-Generalabonnement für die erste Klasse. (Bild: Gaëtan Bally/KEY (Zürich, 23. September 2014))

Die Schweizerischen Bundesbahnen würden gerne über ihre Schienen hinaus fahren – und sich zum «Mobilitäts-Integrator» entwickeln. Diese Vision verbreitete SBB-Chef Andreas Meyer schon in früheren Gesprächen: «Ich kann mir vorstellen», sagte er kürzlich der NZZ, «dass die SBB den Kunden künftig die ganze Mobilitätskette anbietet, vom Fernverkehr über die S-Bahn bis zum selbstfahrenden Fahrzeug, das eine oder mehrere Personen an der Haustür abholt und wieder absetzt.»

Einen ersten Schritt auf diesem Weg vollziehen die SBB jetzt mit einem Markttest, den sie gestern vor den Medien in Bern vorgestellt haben. Diesen Test, der kommendes Jahr am 23. Januar startet, führen die SBB zusammen mit dem Autokonzern BMW durch und lassen ihn durch die ETH wissenschaftlich begleiten.

Testkunden zahlen 12 200 Franken

Dazu bieten die SBB und BMW hundert Testkunden, «Mobilitätspioniere» genannt, zum «einmaligen Forschungspreis» von 12 200 Franken ein Jahr lang ein «weltweit einmaliges Angebot» an: ein SBB-Generalabonnement für die erste Klasse, ein Elektroauto BMW i3 zur freien Verfügung sowie je ein Jahresabonnement für Mobility-Car-sharing (inklusive hundert Gratiskilometer), für «Publibike» und für kostenloses «Park and Ride» am Bahnhof.

Dieses Angebot trägt den Namen «Green Class» und soll laut den SBB eine «umweltfreundliche, individuelle Mobilität auf der Strasse mit den Angeboten des öffentlichen Verkehrs kombinieren». Den Testpersonen bleibt allerdings überall die Wahl des Verkehrsmittels: Sie können also das Bahn-GA brach liegen lassen und alle Wege mit dem neuen BMW abspulen. Oder das Auto allein als Kurzstrecken-Fahrzeug nutzen, indem sie damit die Tram- und S-Bahnfahrten ersetzen. Oder sie können das eigene Velo in der Garage lassen und mit dem BMW auf das «Park and Ride»-Angebot steigen. Finanziell am meisten profitieren jene Testpersonen, die bisher über keine eigenen Verkehrsmittel verfügen – doch dabei handelt es sich um eine kleine Minderheit. Zusammen mit den verbleibenden Fixkosten wird die Mobilität der Testpersonen den Preis von 12 200 Franken für das Test-Angebot überschreiten.

Mobilitätsverhalten soll erkundet werden

Beim Probelauf geht es den Anbietern primär darum, Daten zum Mobilitätsverhalten und dessen Veränderung zu sammeln. Diese Daten wird die ETH dann auswerten. Dazu werden alle Fahrten und Bewegungsprofile der Testpersonen mit einer App aufgezeichnet. Zudem müssen die hundert ausgewählten «Mobilitätspioniere» den Verkehrsforschern Auskunft geben über ihre bisherige Mobilität und ihre Erfahrungen mit dem neuen Angebot. Von den Resultaten des Forschungsprojekts versprechen sich die SBB «wichtige Erkenntnisse für die Tür-zu-Tür-Mobilität aus einer Hand». Das gleiche Ziel verfolgt der Autohersteller BMW: «Wir wollen die künftige Mobilität erforschen, Zahlen bekommen», betonte BMW-Schweiz-Chef Kurt Egloff gestern an der Medienkonferenz.

Zum Einwand, Ergebnisse eines Pilotprojekts mit hundert Erstklass-Testpersonen, die sich ein Kombi-Angebot von 12 200 Franken leisten könnten, sei nur bedingt aussagekräftig, antwortete SBB-Chef Andreas Meyer: «Wir müssen irgendwo anfangen.» Wäre es denn nicht sinnvoller, den Bahnverkehr vermehrt mit dem Fahrrad oder dem öffentlichem Nahverkehr zu kombinieren als mit Autos? Ein späterer Test zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem Elektrobike-Hersteller sei nicht ausgeschlossen, antwortete Meyer.

Ebenfalls nicht in Stein gemeisselt ist es laut Egloff, die kombinierte Mobilität mit dem einjährigen Besitz eines Autos zu verknüpfen, wie das bei diesem Test geschieht. Denkbar seien künftig auch «Sharing-Konzepte», sei es mit Mobility oder – wie SBB-Chef Meyer sagt – mit selbstfahrenden Autos.