SBB setzen auf Bahnhofsvorsteher

Nach dem Unglück im Waadtland soll in einigen SBB-Bahnhöfen wieder das Stationspersonal den Abfahrbefehl erteilen. Derweil kommen die SBB im Raum Zürich wegen Bauarbeiten ans Limit.

Tobias Gafafer
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Unglück im Waadtland am 30. Juli. (Bild: ky)

Unglück im Waadtland am 30. Juli. (Bild: ky)

BERN. Nach dem schweren Zugsunglück im Waadtland und weiteren Kollisionen stehen die SBB unter Zugzwang. «Das Risiko fährt immer mit», sagte Konzernchef Andreas Meyer gestern vor den Medien. Die Bahn bleibe aber mit Abstand das sicherste Verkehrsmittel. Dennoch ziehen die SBB Konsequenzen: Als Sofortmassnahme führen sie im Unglücksort in der Waadt und in sechs weiteren Bahnhöfen wieder das sogenannte Vieraugenprinzip ein.

Mit anderen Worten: Der Lokführer darf erst abfahren, wenn der örtliche Fahrdienstleiter mit seiner Kelle grünes Licht gegeben hat. Diese sind in den noch nicht ferngesteuerten Stationen ohnehin anwesend, um das Stellwerk zu bedienen. Es handelt sich primär um Bahnhöfe in der Westschweiz, wo Kreuzungen ausserhalb des Taktfahrplans stattfinden. Womöglich führen die SBB dieses System auch in Ostschweizer Bahnhöfen wieder ein. Bis im Herbst sollen weitere Orte bestimmt werden, sagte Infrastrukturchef Philippe Gauderon. Den manuellen Abfahrbefehl haben die SBB seit den Neunzigerjahren sukzessive abgeschafft. Dafür bauten sie in Stationen Fernsteuerungen ein, rüsteten bestehende Einheitswagen des Typs I und II mit automatischen Türen aus und beschafften neue Triebzüge.

Mensch und Technik im Visier

Auch die Technik wollen die SBB aufrüsten: Mit einer Geschwindigkeitsüberwachung hätten vier der fünf letzten grösseren Kollisionen (Neuhausen, Olten, Döttingen und Basel) verhindert werden können, sagte Gauderon. Bis 2018 sollen deshalb wie angekündigt für 50 Millionen Franken weitere 1700 Signale damit ausgerüstet werden, anhand einer Risikoanalyse. Bereits heute ist dies bei 3200 von rund 11 000 Signalen der Fall. Längerfristig soll die Geschwindigkeit auf dem ganzen Netz automatisch mit dem ETCS-2-System überwacht werden. Weiter will die Bahn die Qualitätskontrollen beim Personal verstärken. Zu den Arbeitsbedingungen der Lokführer lassen die SBB ein Gutachten erstellen.

Ebenfalls diskutiert haben die Bahnen im Rahmen des Verbands öffentlicher Verkehr eine Idee der Südostbahn, das nach der früheren Bodensee-Toggenburg-Bahn benannte BT-Konzept (Ostschweiz am Sonntag vom 11. August). Es eliminiert die Fehler der bestehenden, veralteten Zugsicherung mit einfachen Mitteln. Die SBB lobten zwar das Konzept. Der Umbau sei aber nicht überall möglich, sagte Philippe Gauderon. Im Unglücksbahnhof in der Waadt etwa würden in der Zuckerrübensaison längere Güterzüge verkehren. Deshalb könnten die Magnete der Zugsicherung nicht verschoben werden. Zudem seien die SBB an bestehende Verträge mit Lieferanten für neue Sicherungstechnik gebunden.

Probleme im Raum Zürich

Die SBB entschuldigten sich gestern auch für die Häufung von Störungen im Raum Zürich, die sich ebenfalls auf die Ostschweiz auswirkten. Die Pünktlichkeit in der Region Ost sei unter dem Schweizer Durchschnitt. Gemäss Andreas Meyer ist die Betriebslage im Raum Zürich sehr angespannt. Dies unter anderem wegen aufwendiger Bauarbeiten, etwa für die Durchmesserlinie, die während des normalen Betriebs mit dichtem Fahrplan durchgeführt werden. Die SBB wollen nun ihr Risikomanagement und die Kundeninformation verbessern.