SBB bestrafen Klassenwechsel

SBB-Passagiere zahlen für den Klassenwechsel neu einen Zuschlag. Wer im Fernverkehr ohne Billett in den Zug steigt, wird zudem mit 90 Franken gebüsst. Kundenvertreter üben Kritik.

Tobias Gafafer
Drucken
Teilen
Ab Dezember nicht mehr möglich: Die SBB wollen auch in Fernverkehrszügen keine Billette mehr verkaufen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Ab Dezember nicht mehr möglich: Die SBB wollen auch in Fernverkehrszügen keine Billette mehr verkaufen. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

BerN. Auf stark frequentierten SBB-Strecken sind es alltägliche Szenen: Passagiere der 2. Klasse wechseln wegen überfüllten Zugsabteilen in die 1. Klasse und kaufen einen Klassenwechsel. Ab Dezember ist dies nur noch gegen einen Zuschlag von zehn Franken möglich. Das gilt ebenso für Streckenwechsel, wie die SBB und der zuständige Verband öffentlicher Verkehr (VöV) gestern mitteilten.

Die SBB rechtfertigen die Massnahme damit, dass die Kondukteure nicht primär mit dem Verkauf beschäftigt sein sollen. Bloss: Laut dem VöV löst von tausend Passagieren nur einer einen Klassenwechsel. Von der Neuerung sind etwa GA-Kunden 2. Klasse betroffen, die von Zürich nach Bern mangels Sitzplätzen oder wegen des Lärms spontan die Klasse wechseln. Kundenvertreter kritisieren den Zuschlag. «Es ist falsch, diese Passagiere zu bestrafen», sagt Kurt Schreiber vom Verein Pro Bahn. Ins selbe Horn stösst der Verkehrsclub. Verärgert ist selbst das Personal: «Es kann nicht sein, diese Kunden zu bestrafen», sagt Jürg Hurni von der Eisenbahnergewerkschaft SEV.

Als Schwarzfahrer behandelt

Ab dem Fahrplanwechsel vom Dezember verkaufen die SBB in Fernverkehrszügen ferner keine Billette mehr. Wer ohne Billett in den Zug einsteigt, muss damit neu wie ein Schwarzfahrer im Regionalverkehr eine Busse von 90 Franken bezahlen – und ein Billett nachlösen. Im Gegensatz zu Regional- und S-Bahn-Zügen können die Passagiere in Intercity und Interregio-Zügen bisher gegen einen kleinen Aufpreis auch an Bord ein Billett kaufen. Denn die Kondukteure sind mit elektronischen Geräten ausgerüstet und in Fernverkehrszügen meist zu zweit unterwegs. Laut dem VöV lösen derzeit zwei von 1000 SBB-Reisenden ihr Billett im Zug.

Die Einführung der sogenannten Billettpflicht stösst bei Pro Bahn ebenso auf Kritik. «Wer knapp vor der Abfahrt auf den Bahnhof kommt, verpasst entweder den Zug oder wird als Schwarzfahrer abgestempelt», sagt Schreiber. Die SBB verteidigen sich: Die Kondukteure sollten sich stärker auf ihre Servicerolle konzentrieren. Zu Stosszeiten könnten wegen der hohen Auslastung immer weniger alle Passagiere kontrolliert werden. Ein Problem sind die Verstärkungswagen, die zu Spitzenzeiten an die Lokomotiven oder Steuerwagen gehängt werden und wegen der fehlenden Übergänge meist ohne Kondukteur fahren. Interne Analysen hätten ergeben, dass der Bahn damit pro Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag entgehe. Schreiber hat dafür kein Verständnis: Die SBB könnten die Verstärkungswagen gut vor der Abfahrt kontrollieren.

SBB prüfen Kulanz

Immerhin: Die SBB wollen nun festlegen, wie kulant die Kondukteure sein dürfen, etwa bei Touristen aus dem Ausland. «Die Massnahmen müssen praktikabel sein», sagt Sprecher Christian Ginsig. Die SBB wollten verhindern, dass das Personal im Kundenkontakt mehr Probleme habe.

Touristische Bahnen können weiterhin Billette in den Zügen verkaufen. Die Rhätische Bahn und die Matterhorn-Gotthardbahn wollen laut dem SEV aber nicht davon Gebrauch machen.

Aktuelle Nachrichten