RÜSTUNG: «Wir werden täglich angegriffen»

Urs Breitmeier, Chef des bundeseigenen Rüstungskonzerns, zieht eine erste Bilanz nach dem Hackerangriff auf die Ruag. Und er verteidigt seinen hohen Lohn.

Eva Novak, Fabian Fellmann
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CEO der Ruag Urs Breitmeier in der Spacehallein Emmen. (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

CEO der Ruag Urs Breitmeier in der Spacehallein Emmen. (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Urs Breitmeier, die Ruag wartet die Super-Puma-Helikopter der Luftwaffe. Was heisst der Absturz dieser Woche für Sie?

Ein solches Ereignis ist für uns immer eine Tragödie. Wir sind tief betroffen. Es sind unsere Kunden und Kollegen. Unsere Leute haben zu den Piloten meist einen direkten Kontakt. Wir sind traurig, dass wir Kameraden verlieren, und können nur mit den Familien das Leid teilen.

Der Helikopter soll ein Stromkabel touchiert haben. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nein. Es ist eine unglaubliche Pechsträhne, welche die Luftwaffe derzeit durchmacht. Jahrelang ist nichts passiert, und jetzt haben wir eine Häufung von Ereignissen. Das muss man sicher genau analysieren. Das geht aber erst, wenn die detaillierten Unfallberichte vorliegen.

Im Mai ist ein Hackerangriff auf die Ruag publik geworden. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Das war ein ganz unangenehmer Vorfall. Es entstand Schaden für das Unternehmen und unseren Hauptkunden, den Bund. In der Zwischenzeit haben wir viel Aufwand betrieben, um Lehren daraus zu ziehen. Die Cyberkriminellen entwickeln immer neue Malware, und wir müssen probieren, einen Schritt vorauszudenken. Wir haben auf vielen Ebenen Massnahmen eingeleitet und teilweise schon umgesetzt.

Können Sie den Schaden beziffern?

Die Stärkung des Sicherheitsdispositivs gegen Cyberangriffe kostet einen zweistelligen Millionenbetrag. Wir verdoppeln das Personal und die Finanzen. Dazu kommt der Reputationsschaden: Ausgerechnet eine Firma, für die Cyber-Security ein Kernthema ist, wird selbst gehackt. Aber ein solcher Fall ist auch eine Chance. Die Lehren daraus wollen wir in Dispositive für unsere Kunden einfliessen lassen.

Ist die Nachfrage nach den Cyber-Security-Kursen der Ruag zusammengebrochen?

Im Gegenteil. Der Angriff hat uns bekannt gemacht, und einige Kunden wollen gerade deswegen mit uns in Kontakt treten, um zu verhindern, dass ihnen dasselbe geschieht.

Die Hacker drangen mit präparierten Webseiten und E-Mails ein. Haben Angestellte Fehler gemacht?

Nein. Die Angriffe kommen als normale E-Mails daher. Solange wir E-Mails von Unbekannten empfangen, sind wir einem Risiko ausgesetzt. Natürlich schulen wir unsere Mitarbeiter, damit sie keine fatalen Fehler begehen. Zudem muss unsere Sicherheitsarchitektur einen Virus möglichst frühzeitig erkennen, damit er nur möglichst geringen Schaden anrichten kann. Weiterhin werden wir auch die Daten sehr sorgfältig sortieren. Als geheim klassifizierte Daten speichern wir nicht auf Servern mit Verbindung zum Internet.

Wie häufig wird die Ruag von Hackern attackiert?

Wir stellen täglich Angriffe fest. Ich kann auch heute nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen, dass Malware auf unseren Systemen installiert ist. Das kann aber niemand, der einen Computer mit Internetanschluss betreibt. Um es mit einem Bonmot zu sagen: Es gibt nur zwei Arten von Computernutzern – solche, die gehackt wurden, und solche, die es noch nicht wissen. Der Angriff vom letzten Jahr war der erste, den wir entdeckten. Das Problem ist bei der Cyberabwehr: Man weiss erst, dass die Schmucktruhe leer ist, wenn man sie öffnet.

Welche Daten verschwanden aus Ihrer Schmucktruhe?

Das wissen wir nicht ganz genau. Wir konnten aber eingrenzen, aus welchen Bereichen Daten betroffen waren. Detaillierte Informationen kann ich nicht geben, die sind klassifiziert.

Sind auch Kundendaten abgeflossen?

Das können wir nicht sagen. Wir wissen nur, welche Bereiche unseres Netzwerks betroffen waren. Dort wurden sowohl Daten der Ruag als auch Daten von Kunden oder Lieferanten zur Realisierung von Projekten gespeichert.

Wird die Ruag weiterhin vom VBS gegängelt, obwohl der zivile Bereich inzwischen viel bedeutender ist?

Es stimmt, die Ruag macht heute 64 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. 59 Prozent betreffen den zivilen Bereich. Bei dieser Entwicklung hat uns das VBS immer unterstützt. Das Korsett wird aber immer enger. Mit den neuen strategischen Zielen müssen wir in unseren Auslandwerken die Schweizer Exportregeln einhalten. Weil aber die Exportrestriktionen in der Schweiz mit der zunehmenden Anzahl der Konflikte ständig ausgedehnt werden, wird unser Aktionsradius immer kleiner. Wenn wir uns weiter entwickeln wollen, brauchen wir eine gewisse Freiheit.

Verlangen Sie eine Lockerung der Exportregeln für Rüstungsgüter?

Für uns wird es schwierig, den Kernauftrag zu erfüllen, wenn wir nicht exportieren können. Die Schweiz kauft nur Standardrüstungsgüter, weshalb wir für den Heimmarkt keine Eigenentwicklungen machen. Wenn wir nicht wissen, ob wir Exportbewilligungen erhalten, investieren wir auch nicht in Entwicklungen für das Ausland. Wir wissen nicht, in welche Länder wir überhaupt noch exportieren dürfen.

Wäre es teilprivatisiert einfacher?

Die Ruag braucht unternehmerische Freiheit, damit sie ihren Grundauftrag erfüllen kann: Leistungen zugunsten der Armee zu Weltmarktpreisen sicherzustellen. Wir brauchen Zugang zu Exportmärkten und zu zivilen Technologien, sonst verlieren wir den Anschluss. Irgendwann einmal muss der Bund das Dilemma auflösen, indem er uns den nötigen Handlungsspielraum gibt. Eine Variante ist eine Teilprivatisierung, die der Bundesrat derzeit prüfen lässt. Entscheiden muss aber der Bund.

Der Bundesrat diskutiert Vorgaben bei den Kaderlöhnen, Ihr Salär von 1,01 Millionen Franken war Thema im Parlament. Ist es gerechtfertigt?

Das hängt vom Standpunkt ab. Ich habe einen hohen Lohn, darüber müssen wir nicht streiten. Wenn man es mit allen anderen Leuten vergleicht, die in der Schweiz Lohn beziehen, figuriere ich sicher ganz weit oben. Wenn ich ihn aber mit ähnlichen internationalen Industrieunternehmen vergleiche, bin ich eher am unteren Ende. Mir geht es aber weniger um meinen Lohn.

Sondern?

Wir wollen die Ruag so weiter- führen wie bisher. Dazu brauche ich Manager aus internationalen Industriekonzernen, von ABB, Siemens, Kaba. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir so viel Erfolg hatten. Ihnen müssen wir Marktlöhne zahlen. Kürzt man meinen Lohn um die Hälfte, müssten die Löhne aller Angestellten darunter ebenfalls sinken. Bricht dieses heikle Gefüge auseinander, rächt es sich.

Zur Person Urs Breitmeier (53) ist seit 2013 CEO der Ruag, einer Gruppe mit weltweit über 8000 Angestellten.