Rückkehr in kleinen Schritten

Mit der fünften IV-Revision setzt die Invalidenversicherung (IV) auf Eingliederung und erfasst potenzielle IV-Fälle viel früher. Das Beispiel einer Frau, die an einer starken Depression leidet.

Eveline Rutz/Frauenfeld
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Anne-Marie Shortiss von der IV-Stelle berät eine Frau. (Bild: Coralie Wenger)

Anne-Marie Shortiss von der IV-Stelle berät eine Frau. (Bild: Coralie Wenger)

«Die Medikamente schlagen gut an», sagt Susanne Kern (Name geändert). Sie leidet an Depressionen, Panikattacken und psychotischen Symptomen. Seit rund einem Jahr ist sie arbeitsunfähig. Mit Hilfe der Invalidenversicherung (IV) soll sie nun wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Heute ist sie zu einem Beratungsgespräch bei der IV-Stelle des Kantons Thurgau in Frauenfeld aufgeboten. Ihre Eingliederungsverantwortliche, Anne-Marie Shortiss, will wissen, wie es ihr geht.

«Ich brauche noch etwas länger, bis ich stabil bin, habe aber das Gefühl, ich bin auf einem guten Weg», sagt die 24jährige. Ihre Wangen sind eingefallen, das Gesicht blass. Sie ist schwarz gekleidet, auf dem T-Shirt prangt eine Trickfilmfigur.

Beklemmende Gefühle

Susanne Kern spricht langsam, kann jedoch gut beschreiben, worunter sie leidet. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich beobachtet werde», sagt sie. Um sich vor den Blicken zu schützen, hat sie immer eine Sonnenbrille dabei. Diese hilft ihr auch bei Panikattacken wie kürzlich, als sie nach einem Kinobesuch beklemmende Gefühle und ein Heulkrampf übermannten.

Susanne Kern hat noch nie in der Privatwirtschaft gearbeitet. Nach der obligatorischen Schulzeit begann sie eine Lehre als Hotelfachassistentin, brach diese aus gesundheitlichen Gründen aber ab. Sie absolvierte das 10. Schuljahr in einem geschützten Ausbildungsbetrieb, bezog schon einmal Gelder von der IV und lebt zurzeit von der Sozialhilfe.

Grosse Angst vor der Schule

«Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor?», fragt Anne-Marie Shortiss. Susanne Kern zögert. Man habe sie immer in Ausbildungen «hineingeschupft»; sie wisse nicht, ob sie wegen ihres «Schulbammels» überhaupt fähig sei, eine Lehre zu absolvieren. Ihr Traumberuf wäre «etwas mit Gestalten – Polygraphin vielleicht». Auch die Frage nach ihren Stärken bereitet ihr Mühe. «Ich weiss es nicht», sagt sie nur. Schwächen könnte sie viele aufzählen.

In einem Belastungstraining soll Susanne Kern nun wieder lernen, einer Tagesstruktur zu folgen und eine Präsenzzeit einzuhalten. Ohne Leistungsdruck soll sie zuerst zwei, dann drei und zuletzt vier Stunden in einer sozialen Einrichtung verbringen. In einem Aufbautraining soll danach ihre Arbeitsleistung gesteigert werden. Sie soll zudem die Möglichkeit erhalten, in verschiedenen Arbeitsbereichen der Institution zu schnuppern und sich so gezielt für eine geeignete Ausbildung vorzubereiten.

«Wir müssen nun Schritt für Schritt vorgehen», sagt Anne-Marie Shortiss und fragt die junge Frau, wann sie sich um einen Besprechungstermin für das Belastungstraining kümmern werde. «Diese oder nächste Woche», meint Susanne Kern, «das habe ich mir fest vorgenommen.» «Als ich Sie das letztemal sah, ging es Ihnen wirklich sehr schlecht; doch nun, da Sie ziemlich stabil scheinen, wäre es schade, wenn wir zu viel Zeit verlören», sagt Anne-Marie Shortiss ermunternd.

Einem vorgegebenen Fragenkatalog folgend, erkundigt sie sich nach körperlichen Einschränkungen, nach Hobbies und nach sozialen Problemen.

Auf eigenen Beinen stehen

Zur Sprache kommt auch Susanne Kerns Wunsch, von zu Hause wegzuziehen. «Ich brauche etwas mehr Raum für mich; ich möchte auf eigenen Beinen stehen», erklärt sie. Auch ihre Psychiaterin unterstütze das Vorhaben. Sie habe wieder Anrecht auf ein Taggeld, sagt die Eingliederungsverantwortliche. Mit der fünften IV-Revision falle dieses allerdings kleiner aus. Da sie jedoch bereits einmal angemeldet gewesen sei, erhalte sie möglicherweise den früheren Ansatz. «Ich werde das abklären», verspricht Anne-Marie Shortiss.

Nach 45 Minuten ist das Gespräch zu Ende. Susanne Kern verabschiedet sich. Sie hat versprochen, sich zu melden, wenn sie einen Termin ausgemacht hat. Schafft sie das nicht, wird Anne-Marie Shortiss in einigen Tagen nachfragen.

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