RÜCKKEHR: In Bondo kehrt wieder Leben ein

Seit heute Morgen kann ein Teil der Einwohner von Bondo wieder in die Häuser zurück. Die Armee hat im von Murgängen sicheren Bereich eine provisorische Zufahrtsstrasse erstellt – samt spektakulärer Brücke.

Richard Clavadetscher, Bondo
Merken
Drucken
Teilen
Auf sicherem Weg nach Bondo zurückkehren: Installation der provisorischen Brücke durch die Armee. Sie ist das Herzstück der neuen Zufahrtsstrasse . (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Bondo, 11. Oktober 2017))

Auf sicherem Weg nach Bondo zurückkehren: Installation der provisorischen Brücke durch die Armee. Sie ist das Herzstück der neuen Zufahrtsstrasse . (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Bondo, 11. Oktober 2017))

Richard Clavadetscher, Bondo

Wer in diesen Tagen ins Bergell einfährt, dem fallen zuerst die zahlreichen Lastwagen auf. Beladen mit Geröll und Schutt fahren sie «auf italienische Art» talaufwärts und -abwärts: Egal, wie breit die Strasse, egal wie viel Verkehr – Tempo, Tempo!

Geröll und Schutt sind Abraum vom Bergsturz in Bondo. Und dank der Geschäftigkeit von Arbeitern, Baggerführern und Lastwagenfahrern, die täglich bis zu 20 Stunden dauert, ist nun für das Dorf ein besonderer Tag: Heute morgen, Punkt 8 Uhr, wird die Sperrung der sicheren grünen Zone des südlichen Dorfteils aufgehoben. Die Bewohner der dort gelegenen Häuser, rund 65 der insgesamt 150 Einwohner Bondos, können zurückkehren. Möglich gemacht hat die Rückkehr auch die Armee: Sie hat eine provisorische Strasse nach Bondo angelegt, die vollständig in der grünen Zone liegt. Kernstück ist dabei eine 46 Meter lange Brücke, die die Baupiste überspannt, auf der die Lastwagen Geröll und Schutt abtransportieren.

«Wegzug aus Bondo? Undenkbar!»

«Bondo ist in unseren Herzen», sagt Patrizia Guggenheim. «Meine jüngste Tochter hat schon lange Heimweh und mag die Rückkehr kaum erwarten.» Sie lebt mit Mann und den vier Töchtern seit dem Bergsturz in Stampa in einem Ferienhaus. Man habe alles benutzen dürfen, hatte «den ganzen Haushalt zur Verfügung». Dafür ist Patrizia Guggenheim dankbar. Aber das Ferienhaus sei eben doch nicht das Zuhause; das Zuhause ist und bleibt Bondo. Wegzug in ein anderes, ein sicheres Dorf im Bergell? «Undenkbar!»

Die Familie von Patrizia Guggenheim weiss nun aus eigener Erfahrung, was eine Evakuierung bedeutet. «Wie sehr man sich auch überlegt, was alles mit muss, etwas geht immer vergessen.» Ein Beispiel: Zwar habe man den Computer mitgenommen, aber die ebenfalls benötigten Festplatten im Haus gelassen. Einfach zurückkehren war nicht möglich, denn die einzige Zufahrt ins Dorf führte über die durch Murgänge gefährdete rote Zone. Patrizia Guggenheim hat indes von einem früher gefällten Entscheid profitiert. Als Tochter des Kunstmalers Varlin, mit bürgerlichem Namen Willy Guggenheim, eines engen Freundes von Hugo Loetscher und Friedrich Dürrenmatt, verwaltet die studierte Kunsthistorikerin dessen Nachlass. Als man sich seinerzeit entschied, diesen Nachlass im Estrich zu deponieren, hätten alle gestöhnt wegen des mühsamen Hochtragens, sagt sie. Doch dort sei das Material zum Glück in Sicherheit, Murgänge könnten ihm nichts anhaben. «Als wir das Haus verliessen, haben wir die Bilder im ersten Stock abgehängt und ebenfalls dort oben deponiert.»

Mit der heutigen Rückkehr ist für die Familie von Patrizia Guggenheim aber noch längst nicht alles ausgestanden – auch nicht nach dem Putzen. Man werde sich zuerst vor allem im Haus aufhalten müssen, denn «der Garten liegt bereits in der roten Zone», sagt sie. Und der Austausch mit den Nachbarn muss ebenfalls warten: Deren Haus liegt bereits im Gefahrenbereich – mögliche Rückkehr nicht vor Mitte November, wenn das Rückkehrbecken leergeräumt und im Flussbett der Maira wieder Platz für Material von Murgängen sein wird. Aber man werde damit klarkommen, so Patrizia Guggenheim. «In Bondo leben wir seit je mit dem Berg – und wir werden auch weiterhin mit ihm leben.»

Tourismuswerbung in schweren Zeiten

Wie bewirbt man eine Feriendestination, in der unlängst acht Menschen zu Tode gekommen sind? Soll man, darf man da überhaupt werben – Hauptsaison hin oder her? Solche Fragen stellte sich Michael Kirchner nach dem Bergsturz. Er ist Direktor von Bregaglia Engadin Tourismus. Der junge Mann wollte das nicht allein entscheiden und hat zuerst einmal die Veranstalter der verschiedenen Aktivitäten im Tal kontaktiert. Der gemeinsame Entscheid fiel zu Gunsten der Kontinuität. So finden denn die geplanten Veranstaltungen statt – ausser jenen in Bondo selbst natürlich. Zum Beispiel in den ersten drei Wochen dieses Monats das Kastanienfestival mit insgesamt 15 Aktivitäten samt Kongress über den «Baum des Brotes» früherer Zeiten.

Gleichwohl hat Michael Kirchner zwei Probleme. Zwar ist das Interesse am Bergell gegenwärtig so gross wie nie. «Doch die Medien reisen eben nur wegen des Bergsturzes an.» Den Hinweis auf das Kastanienfestival oder die Künstlerdynastie Giacometti und das Centro Giacometti in Stampa nehme man bestenfalls zur Kenntnis: «Wir sind nicht deswegen gekommen», heiss es.

Dabei bräuchte das Bergell gerade jetzt Touristen – und damit ist Kirchner bei seinem zweiten Problem: Die Zahl der Feriengäste ist in der Folge des Bergsturzes zurückgegangen. Im September war etwa Soglio, der wohl bekannteste Ort des Tals und laut Meinung der SRF-Zuschauer und -Zuhörer im Jahr 2015 «das schönste Dorf der Schweiz», kaum erreichbar. Stornierungen waren die Folge. Weil Interessenten nicht wussten, wie sich die Lage entwickelt, fehlten dann auch die Buchungen für den Oktober. Nicht nur Soglio ist davon betroffen, die anderen Dörfer im Tal sind es ebenso. Dies, obwohl bis zum Eingang ins Val Bondasca, weit unten im Haupttal, Normalität herrscht. Das Bergell ist ja nicht nur Bondo. Gleichwohl: «Die Leute hörten einfach Bergell – und wollten wohl nicht in einem Katastrophen- und Notstandsgebiet ihre Ferien verbringen», sinniert Kirchner.

So befürchtet der Touristiker denn «Einbussen im zweistelligen Bereich, und das in einer Region, wo der Tourismus der hauptsächlichste Arbeitgeber ist». Das Minus wettzumachen sei schwierig, so Kirchner, denn das Bergell habe vor allem Sommertourismus. Wintertourismus existiere praktisch nicht.

Wie geht es nun weiter mit dem Bergell und insbesondere mit Bondo, wenn dort einmal die Menschen zurückgekehrt sind? Kann insbesondere Bondo, das auf so tragische Weise Bekanntheit erlangte, sich aufrappeln? «Man sollte es versuchen!», sagt Gian Andrea Walther, pensionierter Sekundarlehrer, während dreier Jahrzehnte Präsident der Societa culturale, des Bergeller Kulturvereins, und noch heute im Archivio storico tätig, das im Palazzo Castelmur logiert.

Bondo habe eine sympathische Dorfbeiz und unmittelbar daneben eine schöne Kirche. Da liesse sich doch etwas machen! «Aus dem Schutt wächst eine Blume – und sie erblüht.» Dies sollte das Motto sein, meint Walther. «Aber nicht der Frauenverein im Dorf oder ein anderer Verein sollte das an die Hand nehmen. Es müsste spontan geschehen, von den Leuten dort kommen.»

Die abgesperrte Notbrücke. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
10 Bilder
Marcello Crüzer vom Bauamt der Gemeinde Bregaglia öffnet das Absperrband über die Notbrücke, die nach Bondo führt. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Die Dorfbewohner Otto und Ada Salis können es kaum erwarten, wieder in ihren eigenen vier Wänden zu sein. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Dorfbewohner überqueren die Notbrücke nach Bondo. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Eine Dorfbewohnerin auf dem Weg in ihr Zuhause. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Zwei Dorfbewohner entladen ihr Hab und Gut. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Auch Tiere, wie diese Katze, sind wieder in Bondo anzutreffen. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Schweine vor einem Stall. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Wirt Donato Salis putzt Tische mit einem Lappen. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Ein Absperrband vor der roten Zone, die nicht betreten werden darf. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Die abgesperrte Notbrücke. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

«Die Dorfbevölkerung muss aktiv werden!»

Walther sieht die Dorfbeiz als Treffpunkt für Einheimische und Auswärtige, als Ort, wo vielleicht ein Bergführer von seinen Erlebnissen erzählt, ein Schriftsteller eine Lesung hält, ein Historiker darüber aufklärt, dass das Bergell das einzige protestantische Bündner Südtal ist, dass dort die Reformatoren nicht etwa von Norden, sondern von Italien herkamen und gleich noch die italienische Schriftsprache ins Tal brachten. «Das müsste doch interessieren!» Und die Kirche gerade daneben, die eigne sich doch für Konzerte. Musiker willkommen! Auf diese Art könnte in Bondo wieder Leben einkehren nach der Katastrophe von Ende August, so Walther. «Aber die Leute müssen das wollen, es muss von ihnen kommen und soll nicht von oben verordnet werden!»

Doch das ist Zukunftsmusik. Nächstes Etappenziel ist nun die Rückkehr aller Hausbesitzer von Bondo im November. Bis dahin steht noch viel Arbeit an – nicht nur im Rückhaltebecken und in den Häusern der stark betroffenen Dorfteile. Auch die Infrastruktur – Wasser, Abwasser, Elektrizität – ist in Mitleidenschaft gezogen worden und bedarf erst einmal der Instandstellung.