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Rückblick auf die Zehnerjahre – «das war mein Jahrzehnt»

Ein Jahrzehnt ist zu Ende gegangen. Eine lange Zeit, in der viel passiert ist auf der Welt – und auch im Leben acht völlig verschiedener Menschen, die für uns zurückschauen.

Dominic Wirth, Patrik Müller und Urs Bader
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Oswald Grübel: «Ein Jahrzehnt der Kontraste»

Bild: Keystone

Oswald Grübel, 76, war vor zehn Jahren eigentlich pensioniert – doch dann wurde er mitten in der UBS-Krise zum Konzernchef berufen. Sein Rückblick:

Es war ein Jahrzehnt, in dem sich aussergewöhnlich vieles veränderte. Wirtschaftlich, politisch, auch für mich persönlich. 2009 ging es darum, die UBS zu sanieren. Seit 2011, als ich die UBS wieder verliess, habe ich Zeit, mich um meine eigenen Interessen zu kümmern und Freunde zu treffen. Das war als CEO unmöglich, da gab es nur die Firma. Heute verfolge ich insbesondere das Geschehen auf den Märkten und in der Politik, und da stelle ich fest: Es war ein Jahrzehnt der Kontraste.

Wir hatten den netten Obama, der leider nicht viel erreichte, und nun haben wir Trump. Zwei komplette Gegensätze. Trump macht einen guten Job für die Wirtschaft, aber es mangelt ihm an Benehmen.  Insgesamt war es eine fantastische Dekade, z. B. die technologische Entwicklung, die so viele neue Möglichkeiten für Unternehmen und uns alle schaffte und uns zu einer «Bild»-Gesellschaft machte.

Wegen der Digitalisierung gab es in der Wirtschaft so viele Umbrüche wie nur selten zuvor in einer 10-Jahres-Periode. Natürlich führte das auch zu schmerzhaften Vorgängen, viele Menschen verloren ihre Stellen, ihre Arbeit hat sich komplett verändert. Aber im Grossen und Ganzen waren diese Umwälzungen zu Gunsten der Menschen, der Wohlstand ist auf breiter Basis gestiegen, insbesondere in Asien.

Die Weltuntergangsstimmung, die wegen der Digitalisierung nun auch wegen des Klimawandels heraufbeschworen wird, ist von Emotionen getrieben und erinnert teilweise an das Mittelalter. Es war auch das Jahrzehnt der Null- und Negativzinsen. Die Europäische Zentralbank musste feststellen, dass sich damit keine Inflation oder Investitionen erzwingen lassen.

Die Menschen erwiesen sich schlauer, als die Zentralbanker glaubten: Moment, die entwerten Geld! Da kaufen wir lieber Häuser, Aktien und Sachwerte, dachten sie sich. Was dort zu enormen Wertsteigerungen führte, während die Teuerung im Sinn der Konsumentenpreise ausblieb.

Übertreibungen sind immer gefährlich, das hat sich vor der Finanzkrise gezeigt. Jetzt erleben wir wieder Übertreibungen – diesmal nicht verursacht von den Kommerzbanken, sondern von den Zentralbanken, Kredit ist viel zu billig. Die Staaten häufen immer höhere Schuldenberge an. Wie kommen wir da wieder raus? Wenn der Spuk des billigen Geldes vorbei ist, wird die nächste Rezession kommen.

Wir Menschen brauchen ab und zu einen Realitätscheck, sonst werden wir zu übermütig. Die junge Generation weiss gar nicht mehr, wie sich eine Krise anfühlt. Sie ist sehr behütet aufgewachsen, reist in der Welt herum und gibt der älteren Generation die Schuld am Klimawandel, absurd.

Im nächste Jahrzehnt werden wir uns hauptsächlich mit dem Klimawandel beschäftigen und es gilt mehr Wissenschaft als Emotion zu brauchen, um nicht in eine Weltwirtschaftskrise zu schlittern.

Fanni Fetzer: «Die Turner-Ausstellung war das Highlight»

Bild: Eveline Beerkircher

Fanni Fetzer, 45 Jahre alt, ist im Bündner Dorf Maienfeld aufgewachsen und leitet seit Oktober 2011 das Kunstmuseum Luzern. Ihr Rückblick:

Vor zehn Jahren war ich noch in Langenthal und habe das dortige Kunsthaus geleitet. Ich wusste damals schon, dass ich auch in der Zukunft in der Kultur arbeiten möchte. In jener Zeit habe ich den Master in Kulturmanagement abgeschlossen, und es war für mich klar, dass ich mich danach beruflich verändern will. Es ist doch immer so, dass man in eine neue Rolle hineinwächst, sie mehr und mehr ausfüllt.

Und dann irgendwann den Punkt erreicht, an dem man die Grenzen seiner Institution erreicht hat und auch die eigenen. Ich wollte eine neue Aufgabe, ein grösseres Haus. Dass die Stelle am Kunstmuseum Luzern frei wurde, war ein Glücksfall. In der Kulturszene muss man dorthin hingehen, wo sich eine Chance bietet. Und Luzern war eine riesige Chance für mich, weil sich neue Möglichkeiten eröffneten.

Dass wir es geschafft haben, zum 200-Jahr-Jubiläum der Kunstgesellschaft Luzern – der Trägerin des Museums – die Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» zu veranstalten, macht mich sehr stolz. Das ist das Highlight meiner Karriere und meines Jahrzehnts, und ich hatte da auch ein wenig Glück. 2014 war eine Gruppe von der Tate Britain auf Recherchereise in der Zentralschweiz.

Weil es regnete, entschied sie sich anstatt der ursprünglich geplanten, längeren Bootsfahrt für eine kürzere – und besuchte dafür auch noch das Kunstmuseum Luzern. Danach blieb ich in Kontakt, weil ich unbedingt eine Ausstellung mit den Werken von Turner machen wollte. Und meine Hartnäckigkeit wurde belohnt.

Privat führe ich ein ziemlich stetiges Leben. Da hat sich in den letzten zehn Jahren nicht viel verändert. Ich bin weiterhin viel in den Bergen, fahre Ski und Bike oder wandere. Beim Pilzlen habe ich eine bessere Nase entwickelt, da braucht es Erfahrung.

Juliane Bachmann: «Es läuft ganz gut»

Bild: pd

Juliane Bachmann, 43 Jahre alt, ist Leiterin Produktmanagement beim Confiserie- und Bäckerei-Unternehmen Bachmann. Sie lebt mit ihrer Familie in Luzern. Ihr Rückblick:

In meiner Branche ist viel passiert in diesen zehn Jahren. Früher haben wir unsere Geschäfte über den Mittag geschlossen. Heute gehört diese Zeit zu den wichtigsten. Die Leute verpflegen sich völlig anders, da hat sich ein ganz neues Geschäftsfeld aufgetan.

Und dann macht die Digitalisierung natürlich auch vor einem Bäcker nicht halt: wir haben heute einen Lieferservice, über den man sich im Netz sein Sandwich bestellen kann. Wir stehen mittlerweile nicht mehr nur mit dem Bäcker von nebenan in Konkurrenz, sondern mit Grossverteilern. Unsere einzige Chance ist es, besser als die anderen zu sein.

Es läuft ganz gut: Die Mitarbeiterzahl hat sich in zehn Jahren von 300 auf 550 erhöht, die Zahl der Fachgeschäfte von 12 auf 20. Kürzlich haben wir eines an der Bahnhofstrasse in Zürich eröffnet. Unsere Söhne sind jetzt neun und 13 Jahre alt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in der Kita bemitleidet wurde, als ich unseren ersten Sohn anmeldete. Es sei schade, dass ich arbeiten gehen müsse, hiess es damals.

In diesem Bereich hat sich einiges getan. Heute gibt es mehr Frauen, die gerne und aus Überzeugung berufstätig sind. Als Mutter spüre ich, wie sich mein Rollenverständnis wandelt: Zuerst ging es darum, die Kinder zu versorgen. Später ändert sich das. Irgendwann rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie man sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen kann.

Das beschäftigt mich gerade bei unserem älteren Sohn, denn er wird schon bald seinen eigenen Weg gehen.

Martin Candinas: «Ich bin lockerer geworden»

Bild: Keystone

Martin Candinas, 39 Jahre alt, lebt mit seiner Familie in Chur. Seit 2011 sitzt er für die CVP im Nationalrat. Sein Rückblick:

In diesem Jahrzehnt wurde sehr viel anders in meinem Leben. Als es anfing, war ich ein Bündner Grossrat, frisch verheiratet, Filialleiter bei der Krankenkasse Helsana. Mittlerweile bin ich dreifacher Vater, seit acht Jahren Nationalrat und Teilzeitangestellter. Aber ich würde trotzdem sagen, dass ich der Gleiche geblieben bin.

Klar, als Politiker öffnen sich Türen, man lernt wichtige Leute kennen, wird selbst umgarnt. Aber das hat viel mit der Funktion zu tun, das sollte man nicht vergessen. Ich fahre oft nach Bern, an die Kommissionssitzungen etwa und für die Sessionen des Parlaments. Aber ich bin durch und durch Bündner geblieben.

In der Hauptstadt kenne ich in erster Linie die Wege vom Bahnhof ins Bundeshaus und von dort in das Studio, das ich gemietet habe. Ich bin nur dort, wenn es sein muss. Und sonst zu Hause im Bündnerland, bei meiner Familie. Wenn ich mich während der Session am Sonntagabend wieder einmal für vier, fünf Tage von meiner Familie verabschiede, tut das schon weh.

Aber die Kinder kennen es nicht anders, und ich versuche ihnen zu erklären, was ich mache, wenn ich nach Bern gehe. Einmal im Jahr besuchen sie mich zudem im Bundeshaus. Als ich dort im Jahr 2011 anfing, war es zu Beginn nicht leicht. Als Rätoromane hat man auch wegen der Sprache gewisse Hemmungen. Aber das hat sich dann schnell gelegt.

Je besser ich den Betrieb in Bern kennen gelernt habe, desto lockerer wurde ich.

Maximilian Janisch: «Ich bin froh, an der Uni zu sein»

Bild: pd

Maximilian Janisch hat einen IQ von 149+ und sprengt damit die Skala. Er ist 16 Jahre alt, lebt in Meierskappel und ist der jüngste (Master-)Student der Schweiz. Sein Rückblick:

Als das Jahrzehnt anfing, war ich gerade eingeschult worden. Zuerst fand ich das nicht so super interessant. Wir mussten jeden Morgen bis zehn zählen, was mich schon ein wenig irritiert hat. Das zweite Schuljahr habe ich in der vierten Klasse zugebracht, und zum Glück hat mich bald das Gymnasium Immensee aufgenommen.

Mit neun hatte ich meine Mathematik-Matura in der Tasche. Die Mathematik fasziniert mich bis heute. Klar, ich hätte es ruhiger angehen lassen können. Aber ich mag Herausforderungen. Auf der faulen Haut kann ich nicht lange liegen. Ich geniesse es aber, dass ich jetzt, als Student, mehr Zeit für die Mathematik, aber auch meine Hobbys habe. Zum Beispiel Skifahren.

Überhaupt bin ich froh, dass ich an der Universität bin. Ich studiere seit 2018 in Zürich. Eigentlich wollte ich schon viel früher anfangen, aber das hat nicht geklappt. Die ETH hat mich einst abgelehnt, weil ich zu jung war und meine Matura noch nicht vollständig absolviert hatte. Mittlerweile kann ich mich voll auf die Themen konzentrieren, die mich interessieren.

Und ich bin von Menschen umgeben, die die gleichen Interessen wie ich haben. Das gefällt mir sehr, auch wenn ich keiner bin, der in Lerngruppen geht. Ich bin eher ein Einzelkämpfer. Nächstes Jahr will ich meinen Master machen. Und dann promovieren, bei meinem Mentor Camillo De Lellis. Er wurde vor kurzem an die Universität nach Princeton berufen.

Vielleicht folge ich ihm, indem ich meine Promotion teilweise dort schreibe.

Urs Bader: «Es hat alles seine Zeit»

Bild: Urs Bucher

Urs Bader, 65 Jahre alt, lebt im Kanton Thurgau und war vor seiner Pensionierung im Sommer viele Jahre als Journalist tätig. Sein Rückblick:

Im Lauf des Jahrzehnts beunruhigt mich immer mal wieder die Erkenntnis: Das altersbedingte Ende meiner Berufslaufbahn als Redaktor dieser Zeitung ist zwar näher gerückt. Aber ist es schon nahe genug, um es in der bedrängten Branche der Printmedien überhaupt noch erleben zu können?

Zugespitzt formuliert: Kann ich mich dereinst noch haarscharf in die Pensionierung retten? Die Finanzkrise stimmt ja nicht gerade optimistisch. Die Weltlage ist deutlich instabiler als auch schon in jüngerer Vergangenheit.

Klar ist mir stets: Schwächeln im Berufsalltag ist nicht erlaubt, und Fatalismus oder Zynismus hat keine Zukunft, ist mir auch als Lebenshaltung zuwider. Ich versuche, allen Umstrukturierungen und Neuerungen gegenüber offen zu sein. Die Pensionierung allmählich näher vor Augen, stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein – was meine eigene Zukunft angeht. Aber jene der jüngeren Kolleginnen und Kollegen?

Und dann ist der einst unvorstellbare Tag plötzlich da: die Pensionierung. Ende und Anfang. Das schreckt mich nicht. Vielmehr stellt sich das Gefühl ein, es hat alles seine Zeit.

Martha Larkin-Kälin: «Windeln haben wir hinter uns»

Martha Larkin-Kälin (hintere Reihe, zweite von links)

Martha Larkin-Kälin (hintere Reihe, zweite von links)

Bild: pd

Martha Larkin-Kälin, 48 Jahre alt, ist in der Innerschweiz aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie im kleinen irischen Dorf Moneygall. Ihr Rückblick:

Mein Jahrzehnt begann mit der Geburt meiner zweiten Tochter, und es ging erfreulich weiter: Mit einem netten Brief des irischen Staats, der uns neben den regulären Kinderzulagen auch einen jährlichen Bonus von 1000 Euro versprach.

Das Geld kam dann nie bei uns an. Das dürfte daran gelegen haben, dass die Immobilienblase platzte und Irland plötzlich der Bankrott drohte. Wir hatten damals ein gemietetes Dach über dem Kopf, doch viel mehr war es nicht. Aus dem Wasserhahn kam nur rötliches Wasser, was uns dazu bewog, sauberes Wasser heranzuschleppen. Der kleine Ofen kam gegen die unisolierten Betonwände nicht an.

Wir froren immer. Als meine älteste Tochter an einem Weihnachtsmorgen zähneklappernd verkündete, dass der Weihnachtsmann über Nacht gekommen sei, wurde uns klar: wir brauchen ein neues Zuhause. Als Irland noch boomte, konnten wir uns die überrissenen Hauspreise nicht leisten.

Jetzt herrschte Rezession. Und unser Erspartes reichte für eine Hypothek. Im Sommer 2011 zogen wir in unser – gut isoliertes – Eigenheim ein. Im Herbst jenes Jahres kam meine dritte Tochter zur Welt. Mittlerweile haben wir Windeln und Kindergarten hinter uns, wir beschäftigen uns mit der Primar- und seit diesem Sommer sogar mit der Sekundarschule.

Die Zeit läuft und läuft, mein Jahrzehnt verging wie im Flug. Beruflich habe ich mich als Tagesmutter etabliert. Hier möchte ich in den nächsten zehn Jahren etwas verändern.

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