ROTER PASS: Nur beim Fussball Italienerin

Valentina Rullo könnte sich bei einem Ja am 12. Februar erleichtert einbürgern lassen. Die 26-Jährige fühlt sich der Schweiz stärker verbunden als Italien, dem Land ihrer Grosseltern – mit einer Ausnahme.

Tobias Bär
Drucken
Teilen
In der Schweiz zu Hause: Valentina Rullo. (Bild: Urs Bucher)

In der Schweiz zu Hause: Valentina Rullo. (Bild: Urs Bucher)

Tobias Bär

Am Vorabend unseres Gesprächs war Valentina Rullo kurz davor, das Ganze abzublasen. Sie hatte sich etwas zu ausführlich mit den Leserkommentaren auseinandergesetzt, die sich auf den Onlineportalen unter den Artikeln zur Einbürgerungsvorlage finden. Der Wahlkampf ist lau, doch die Debatte im Netz wird emotional und zuweilen aggressiv geführt – wie immer, wenn eine ausländerpolitische Vorlage zur Abstimmung kommt. Und Rullo fragte sich: Will ich mich wirklich exponieren und so zu einer potenziellen Zielscheibe machen?

Schliesslich rang sich die 26-Jährige auch wegen der Kampagne eines Komitees aus SVP-Vertretern zum Treffen durch. Rullo will zeigen, wer sich wirklich hinter dem Begriff «Ausländer der dritten Generation» versteckt. «Die Gegner argumentieren mit dem Terror und der Burka, die mit der erleichterten Einbürgerung importiert würden. Und ich frage mich: Was hat das mit mir zu tun?».

Von den Einbürgerungserleichterungen würden überwiegend junge Menschen aus Europa profitieren, besonders viele von ihnen haben den italienischen Pass. Es sind Menschen wie ­Valentina Rullo. Sie ist in der Schweiz geboren und hat ihr ganzes bisheriges Leben in der Stadt Zürich verbracht. Sie fährt zwar nach Italien in die Ferien, ist dann aber froh, «wieder zu Hause zu sein». Und mit «zu Hause» meint Rullo die Schweiz.

Die «Tschinggen» sind inzwischen akzeptiert

Rullos Grossväter waren 21-jährig, als sie um das Jahr 1960 als Gastarbeiter in die Schweiz kamen, die Grossmütter waren noch jünger. Alle stammen sie aus der süditalienischen Region Kampanien und wie viele ihrer Landsleute verrichteten sie hierzulande körperliche Arbeit auf dem Bau, in Fabriken, als Schreiner. Und sie brachten in der Schweiz auch Kinder zur Welt, zwei davon sind Rullos Eltern.

Die meisten, die mit der Familie Rullo zu tun haben, kommen nicht auf die Idee, dass kein Familienmitglied den Schweizer Pass besitzt. Die Mutter führt einen Coiffeursalon. Es kommt vor, dass ein Kunde über die Ausländer herzieht, und ihn die Italienerin sanft darauf hinweisen muss, dass auch sie in diese Kategorie gehöre. «Sie meine ich natürlich nicht» – das bekomme ihre Mutter dann oft zur Antwort, sagt Rullo.

Es ist eine Antwort, die zeigt, dass die einst abschätzig als «Tschinggen» bezeichneten Einwanderer aus Italien längst in der Schweizer Gesellschaft angekommen sind. Sie eignen sich schlecht für eine Kampagne gegen die Einbürgerungsvorlage – die Gegner weichen nicht ohne Grund auf das Burka-Sujet aus.

«Meine Mentalität ist absolut schweizerisch»

Wie ihre Vergangenheit liegt auch die Zukunft von Valentina Rullo, die als Assistentin der Geschäftsleitung in einem Zürcher Ingenieurunternehmen arbeitet, in der Schweiz. Italienerin ist sie vor allem auf dem Papier: «Meine Mentalität ist absolut schweizerisch», sagt die 26-Jährige. Sie ärgert sich, wenn sich auf der italienischen Autobahn einer über alle Verkehrsregeln hinwegsetzt oder wenn die Poststelle im italienischen Dorf fünf Minuten zu spät öffnet.

Geht es allerdings um Fussball, steht das Belpaese für Rullo zuoberst. Sie brennt für den SSC Napoli und für die italienische Nationalmannschaft. In diesem Punkt entspricht sie nicht dem Bild, das Justizministerin Simonetta Sommaruga gezeichnet hat. Auf die Frage, wann ein Ausländer zur Schweiz gehöre, sagte die Bundesrätin in der «Nordwestschweiz»: «Viele sagen, wenn man mit der Schweizer Fussballnati mitfiebert. Das hat für mich etwas Wahres.» Es wirkt deshalb fast wie eine Entschuldigung, wenn die Italienerin nachschiebt: «Klar finden wir es auch cool, wenn die Nati an einem Turnier weiterkommt.» Rullo spielt selber Fussball, in einem Aargauer Dorfverein. Und damit deckt sich das Leben der «Drittgeneratiönlerin» wieder mit dem Beschrieb von Sommaruga: «Sie gehen mit unseren Kindern in die Pfadi oder kicken mit ihnen im Fussballklub.» Was ihnen fehle, sei der rote Pass.

Obwohl sie die Voraussetzungen für eine ordentliche Einbürgerung locker erfüllen würden, haben bislang weder Valentina Rullo noch ihre Eltern ein Gesuch gestellt. Zur Debatte stand dies durchaus, die Familie hat auch ausrechnen lassen, wie teuer eine Einbürgerung zu stehen käme. «Wir haben uns dann dagegen entschieden.» Für eine Einzelperson über 25 kostet die Einbürgerung in der Stadt Zürich insgesamt 1800 Franken. Die erleichterte Einbürgerung wäre für Rullo mit bedeutend tieferen Kosten verbunden. Wegfallen würde zudem das Gespräch, bei dem die Einbürgerungswilligen ihr Wissen über das Leben, die Gesellschaft und die Politik in der Schweiz und in Zürich unter Beweis stellen müssen.

«Gibt es am 12. Februar ein Ja, dann wird eine Einbürgerung wieder zur Option», sagt Rullo. Zwar liegt sie mit ihren 26 Jahren über der Altersgrenze von 25, bis zu der die «Terzos» von einer erleichterten Einbürgerung profitieren würden. Während fünf Jahren stünde die Möglichkeit aber auch für Personen bis 35 offen. Ein Ja wäre für die Italienerin aber vor allem auch ein Zeichen der Wertschätzung. Ein Zeichen, dass die Enkelgeneration in der Schweiz willkommen ist. «Ich würde sagen: Wow, Chapeau Schweiz!»