Rezepte gegen die Hüslipest

Einfamilienhäuser sind bei der Schweizer Bevölkerung sehr beliebt, obwohl sie als Sündenböcke für die Zersiedelung gelten. Wie kann man auch in Zukunft den Traum vom Eigenheim realisieren? Forscher der ZHAW fanden Antworten.

Christina Genova
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Ein preisgekröntes Beispiel für verdichtetes Wohnen in der Stadt: Die Villa unter den drei Buchen am St. Galler Rosenberg. (Bild: pd/Thomas Stöckli)

Ein preisgekröntes Beispiel für verdichtetes Wohnen in der Stadt: Die Villa unter den drei Buchen am St. Galler Rosenberg. (Bild: pd/Thomas Stöckli)

«Ich bin stolz», sagt Alfons Loher. Der Hausarzt, der sich den Traum vom eigenen Stadthaus verwirklicht hat, freut sich über die beiden Auszeichnungen, die seine Villa unter den drei Buchen am St. Galler Rosenberg in den letzten Monaten für ihre hochwertige Architektur erhalten hat. Zum einen ist das der Publikumspreis der Schweizer Zeitschrift «Ideales Heim» für das beste Einfamilienhaus 2014. Zum andern wurde es vom Callwey-Verlag und dem Deutschen Architekturmuseum zu den fünfzig besten Einfamilienhäusern 2014 im deutschsprachigen Raum erkoren.

Die Landfresser

Alfons Loher schätzt am eigenen Haus, dass er darin machen kann, was er will und keine Rücksicht auf die Nachbarn nehmen muss. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft: Für die Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung gibt es kaum eine beliebtere Wohnform als das Einfamilienhaus. Drei von fünf Wohngebäuden in der Schweiz sind Einfamilienhäuser, drei Viertel der von 2000 bis 2010 erbauten Häuser ebenfalls. An der Nachfrage wird sich so bald nichts ändern: Gemäss des Ende Oktober erschienen Credit-Suisse-Jugendbarometers, einer repräsentativen Umfrage unter tausend Schweizer Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren, wünschen sich 79 Prozent ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung. In Fachkreisen hingegen haben Einfamilienhäuser einen schlechten Ruf. Sie gelten als hauptverantwortlich für Zersiedelung und Flächenverbrauch.

Verdichtung ist aufwendig

Auch der St. Galler Architekt Urs Niedermann sieht für Einfamilienhäuser im Grünen mit 500 Quadratmetern Umschwung keine Zukunft. Er setzt auf verdichtetes Bauen in einem bestehenden Wohngebiet. Ein Beispiel dafür ist Alfons Lohers Villa, die Niedermann gemeinsam mit seiner Tochter Daniela und in enger Zusammenarbeit mit dem Bauherrn entworfen hat: «Im Stadtgebiet ist es wichtig, dass man ein Haus in die gewachsene Umgebung einpasst.» Keine leichte Aufgabe bei der Stadtvilla, die in den Park einer Jugendstilvilla gebaut wurde. Denn zum einen sollte das bestehende kleine Buchenwäldchen nicht beeinträchtigt werden, zum andern sollte der Neubau den Altbau nicht konkurrenzieren und trotzdem eine eigene Ausstrahlung haben. Dies hat man erreicht, indem man das Haus in den Hang gebaut hat und dadurch vom Jugendstilhaus aus nur eines der beiden Stockwerke sichtbar ist. Die drei Glasfronten des Hauses schaffen Transparenz und verbinden den Aussenraum mit dem Innenraum. Gegen die Strasse hin ist das Gebäude mit einer fensterlosen Fassade aus rohem Stahl verkleidet, welche sich durch die Korrosion nach und nach dem Rot der Buchenblätter angleichen wird. Durch die geschickte Materialwahl hinterlässt das Haus einen introvertierten und trotzdem nach aussen gerichteten Eindruck.

Alfons Loher ist glücklich mit dem Ergebnis: «Ich würde sofort wieder bauen.» Der Aufwand für ein individuelles und verdichtetes Bauen ist jedoch gross: Der Prozess von der Idee bis zum fertigen Haus dauerte zwei Jahre, die Baukosten betrugen 1,2 Millionen Franken.

Der fehlende Raum zum Bügeln

Im Wissen darum, dass ein Verbot von Einfamilienhäusern in naher Zukunft trotz des in der Schweiz immer knapper werdenden Bodens nicht mehrheitsfähig ist, haben sich Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW im Rahmen eines Nationalfondsprojekts mit der Zukunft des Einfamilienhauses beschäftigt. Sie untersuchten, wie Einfamilienhaussiedlungen besser in Einklang mit Zielen nachhaltiger Entwicklung gebracht werden können. Dazu entwarfen sie mehrere Szenarien. Zu den wohl wenig umstrittenen gehören solche, welche die innere Verdichtung zum Ziel haben. Ein Vorschlag besteht darin, jeweils im Zentrum eines Grundstücks drei Häuser eng zusammenzurücken und den Zugang und die Parkplätze gemeinsam zu nutzen. Dadurch wird weniger Fläche benötigt. Auf etwas weniger Akzeptanz dürfte jenes Szenario stossen, das vorschlägt, ein bestehendes Bauerngehöft, das über eine Anbindung ans Stromnetz, Wasserversorgung und Kanalisation verfügt, durch neue Einfamilienhäuser zu erweitern. Ziel ist es, die bestehende Infrastruktur besser zu nutzen. Ein weiterer unkonventioneller Vorschlag, der bei Landschaftsschützern auf wenige Gegenliebe stossen dürfte, besteht darin, Häuser in stillgelegte Kiesgruben zu bauen. Dahinter steckt die Absicht, die Hausbesitzer dazu zu verpflichten, die dort herrschende hohe Biodiversität zu erhalten.

Alfons Loher geniesst derweil das verdichtete Wohnen in der Stadt. Nur etwas hat er bei der Planung seines «Baumhauses» vergessen: «Ich vermisse einen Raum zum Wäsche bügeln.»

Zukunft Einfamilienhaus, Niggli 2014, 183 S., Fr. 53.50 Häuser des Jahres, Callwey 2014, 272 S., Fr. 79.90