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RELIGION: Muslimische Seelsorge in Geldnot

Im Sommer endet der Einsatz von muslimischen Seelsorgern im Bundesasylzentrum in Zürich. Ob das Angebot dereinst weitergeführt wird, ist höchst ungewiss – eine offene Frage ist die Finanzierung.
Tobias Bär
Die muslimische Seelsorgerin Belkis Osman berichtet von ihren Erfahrungen. (Bild: Pascal Bloch/Keystone)

Die muslimische Seelsorgerin Belkis Osman berichtet von ihren Erfahrungen. (Bild: Pascal Bloch/Keystone)

Tobias Bär

«Nachdem ihr Gesuch abgelehnt wurde, können Asylsuchende in eine tiefe Lebenskrise fallen und Selbstmordgedanken entwickeln. Wir können Kurzschlusshandlungen verhindern helfen», sagt Belkis Osman.

Im Rahmen eines seit Mitte 2016 laufenden Pilotprojekts des Bundes ist die Schweizerin mit türkischen Wurzeln im Bundesasylzentrum in Zürich als muslimische Seelsorgerin tätig. Dies zusammen mit zwei männlichen Kollegen. Die Asylsuchenden, mit denen die Seelsorger in dieser Zeit sprachen, fühlten sich nach dem Gespräch «in der Regel deutlich besser». So steht es im Evaluationsbericht, den das Staatssekretariat für Migration (SEM) gestern vorstellte.

Pilotprojekt kostete 260000 Franken

Überhaupt fällt das Fazit durchweg positiv aus: Die drei muslimischen Seelsorger – die sowohl vom SEM wie auch vom Nachrichtendienst durchleuchtet wurden – seien Brückenbauer zwischen der Kultur des jeweiligen Herkunftslandes und den hie­sigen Lebensumständen. Weil Menschen gerade in Krisensituationen empfänglich seien für extreme Ideologien, sei die muslimische Seelsorge im Asylzentrum auch ein wichtiger Schutz gegen eine mögliche Radikalisierung. In mindestens einem Fall leitete einer der Seelsorger Kenntnisse über radikales Gedankengut an den Bund weiter, wobei sich dabei Konflikte mit dem Berufsgeheimnis ergeben.

«Es ist wichtig, dass diese Seelsorge weiterexistiert», so das Fazit von Belkis Osman. Doch derzeit sieht es danach aus, als laufe die muslimische Asylseelsorge vorerst auf Grund. Mit dem Pilotprojekt sollte geprüft werden, ob eine flächendeckende Einführung in allen Bundesasylzentren möglich wäre. Das SEM kommt nun zum Schluss, dass eine Ausdehnung derzeit unrealistisch sei. Ende Juni läuft das Pilotprojekt aus. Am Ende wird es 260000 Franken gekostet haben. Die muslimischen Seelsorger könnten auch ohne Geld des Bundes weiterwirken, hiess es gestern – in den Genuss des Angebots kämen aber weiterhin nur Asylsuchende im Zürcher Zen­trum, zudem müssten die Seelsorger ehrenamtlich arbeiten.

Reformierte wollen nicht für Kosten aufkommen

Die Frage der Finanzierung ist denn auch einer der Hauptgründe für die fehlende Zukunfts­perspektive der islamischen ­Asylseelsorge. Für die Löhne der christlichen Seelsorger, die in den Asylunterkünften tätig sind, kommen die Landeskirchen auf. Anders als muslimische Organisationen können sich diese auf die Kirchensteuern von Mitgliedern und von Firmen sowie auf Staatsbeiträge stützen, wobei die Finanzierung von Kanton zu ­Kanton divergiert. So kann der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) gegen eine Million Franken pro Jahr für seine rund 40 Seelsorger aufwerfen, die in den Asylzentren zum ­Einsatz kommen. «Es kann nicht unsere Rolle sein, auch andere Seelsorger zu finanzieren», sagt Simon Röthlisberger vom SEK. Für eine Übernahme der Kosten durch den Bund über das Pilotprojekt hinaus fehlt wiederum die gesetzliche Grundlage. Eine ­weitere Schwierigkeit ist aus der Sicht des Bundes das Fehlen einer Organisation, die für sämtliche Muslime in der Schweiz steht. Ausserdem existiere noch kein adäquates Ausbildungsangebot.

Die SVP sprach sich gestern schon einmal präventiv gegen den Aufbau eines Lehrgangs aus. SP-Präsident Christian Levrat auf der anderen Seite forderte zuletzt eine Anerkennung des Islam als gleichwertige Religion «neben unseren Landeskirchen». Die Zukunft der muslimischen Asylseelsorger hängt auch davon ab, wie die Debatte über die Stellung des Islam in der Schweiz weiterläuft.

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