Reizfigur Tim Guldimann tritt ab

Spitzendiplomat Tim Guldimann, Schweizer Botschafter in Berlin und OSZE-Sondergesandter für die Ukraine, tritt 2015 zurück. Er ist innen- und aussenpolitisch in die Kritik geraten. Doch sein Abgang hat einen anderen Grund.

Tobias Gafafer
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Botschafter Tim Guldimann spricht bisweilen gerne undiplomatisch Klartext. (Bild: ky/Amin Akhtar)

Botschafter Tim Guldimann spricht bisweilen gerne undiplomatisch Klartext. (Bild: ky/Amin Akhtar)

BERN. Die Schweizer Botschaft in Berlin liegt privilegiert zwischen Kanzleramt, Reichtagsgebäude und dem Hauptbahnhof. Sie gehört denn auch zu den wichtigsten diplomatischen Vertretungen der Schweiz. Nun kommt es an der Spree zu einer Rochade: Die Amtszeit von Botschafter Tim Guldimann läuft 2015 ab. Dies bestätigt Carole Wälti, Sprecherin des Aussendepartements (EDA), auf Anfrage. Der Posten sei intern ausgeschrieben worden. Spitzendiplomat Guldimann, der bisweilen auch gerne undiplomatischen Klartext spricht, war unlängst mehrfach in die Kritik geraten.

Bei einem Auftritt vor der SP in Zürich im Februar hatte er als Staatsbürger das Ja zur Einwanderungs-Initiative scharf kritisiert. Wenn die Schweiz nicht zur Kartoffel werden solle, der die Augen erst aufgehen, wenn sie im Dreck stecke, brauche es eine neue Mitte-Links-Allianz, sagte er laut Medienberichten. Die Schweiz leide an «Selbstverzwergung». Und das SP-Mitglied zitierte einen deutschen Politiker, der der Schweiz in Europa einen «Parasitenstatus» vorwarf.

SVP und USA verärgert

Die SVP wehrte sich gegen die Attacke. Und auch der frühere Botschafter in Washington, Carlo Jagmetti, griff zu einem ungewohnten Mittel – und las Guldimann per Leserbrief die Leviten. Die USA sind ebenfalls nicht besonders gut auf den Diplomaten zu sprechen, der zurzeit auch Sondergesandter des Schweizer OSZE-Vorsitzes für die Ukraine ist. Laut dem «Wall Street Journal» werfen ihm US-Diplomaten dabei einen zu russlandfreundlichen Kurs vor. Zudem hat Washington eine Episode von 2003 nicht vergessen: Als Botschafter in Iran hatte Guldimann die USA mit seinem Vorpreschen für eine Lösung im Atomstreit verärgert. Zur Erinnerung: Bern nimmt in Teheran seit der Revolution von 1979 die US-Interessen wahr.

EDA-Sprecherin Wälti betont jedoch, der Abgang sei in keiner Weise mit «irgendeiner Kritik» an Guldimanns Person verbunden. Der Botschafter sei seit 2010 auf dem Posten in Berlin und stehe mit bald 64 Jahren vor der Pensionierung. Im EDA ist es üblich, dass Diplomaten rund vier Jahre in einem Land bleiben. Zudem stellten sich Aussenminister Didier Burkhalter und Staatssekretär Yves Rossier stets hinter ihre Diplomaten, wenn diese in die Schlagzeilen gerieten – etwa als die Pariser Polizei den Schweizer Botschafter bei der OECD 2013 mit Schüssen stoppte.

Tschetschenien, Kosovo, Iran

Guldimann studierte unter anderem in Zürich, Mexiko und Nowosibirsk. Er hat einen eindrucksvollen diplomatischen Parcours absolviert. Viele Krisen erlebte er aus nächster Nähe: In den 1990er-Jahren war er Missionschef der OSZE in Tschetschenien – und trug laut Berichten zum Kriegsende bei. Im Kosovo war er ebenfalls OSZE-Missionschef. Als Botschafter in Teheran war er ab 1999 für einen wichtigen Aussenposten verantwortlich. Obwohl Guldimann mit seinem Versuch zur Lösung des Atomstreits scheiterte, könnte er rückblickend Recht erhalten: Der Iran und die P5+1 (USA, China, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Russland) verhandeln seit Monaten über eine Lösung. Eine Beilegung des Streits gilt zwar als schwierig, ist aber nicht ausgeschlossen.

Steuerstreit und Fluglärm

Als Botschafter in Berlin befasste sich Guldimann ebenso mit kniffligen Dossiers. Nachdem sich Bern und Berlin auf einen Steuerdeal geeinigt hatten, verteidigte er diesen in deutschen Talkshows. Das Abkommen scheiterte jedoch in Berlin. Die Lage hat sich dennoch beruhigt: Bern will den automatischen Informationsaustausch einführen, und viele deutsche Bankkunden haben mit Selbstanzeigen ihre Altlasten bereinigt. Der Fluglärmstreit harrt dagegen noch einer Lösung. Bisher hat bloss die Schweiz den Staatsvertrag ratifiziert. Für Beobachter ist derweil absehbar, dass der umtriebige Diplomat auch nach der Pensionierung nicht von der Bildfläche verschwinden wird.

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