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Die EU akzeptiert das Schweizer Covid-Zertifikat – doch für frisch Geimpfte gibt es immer noch Hürden

Wer gerade erst doppelt geimpft ist, muss in gewissen Ferienländern dennoch einen negativen Corona-Test vorweisen, weil diese den Impfschutz erst 14 Tage nach der zweiten Impfung anerkennen. Die Schweiz handhabt das grosszügiger – doch es wird Kritik am Vorgehen laut. Das hat auch mit der Delta-Variante zu tun.

Dominic Wirth
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Das Covid-Zertifikat gibt es in der Schweiz für Geimpfte früher als anderswo.

Das Covid-Zertifikat gibt es in der Schweiz für Geimpfte früher als anderswo.

Christian Beutler/Keystone

Ab Freitag akzeptieren die EU-Staaten das Schweizer Covid-Zertifikat. Das sind zuerst einmal gute Nachrichten für Reisende. Doch die Sache hat einen Haken: Denn die Schweiz vergibt das Covid-Zertifikat bereits am Tag der zweiten Impfung. Wer frisch doppelt geimpft ist, hat dann zwar in der Schweiz Zugang zu Discos oder Grossanlässen. Doch das heisst nicht, dass er auch ohne weitere Hürden wie etwa einen negativen PCR-Test ins Ausland reisen kann.

Der Grund: Verschiedene Länder lassen Touristen derzeit erst dann ohne aktuellen Test einreisen, wenn sie bereits seit zwei Wochen geimpft sind und der Impfschutz sich vollständig aufgebaut hat. Entsprechende Einschränkungen machen etwa die beliebten Ferienländer Frankreich oder Italien, wo weiterhin ein negativer Corona-Test nötig ist, wenn die zweite Impfung nicht mindestens zwei Wochen zurückliegt.

Das steht im Einklang mit der Empfehlung der EU-Kommission, wonach vollständig geimpfte Personen «14 Tage nach letzten Impfdosis von reisebezogenen Tests oder Quarantänemassnahmen befreit werden» sollten. Allerdings steht es den Ländern frei, dies schon früher zu tun.

Die Schweiz geht einen «pragmatischen »Weg

In der Schweiz gilt man ebenfalls bereits früher als vollständig geimpft – aus pragmatischen Gründen, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage schreibt. Der Bundesrat habe so entschieden, weil der Impfschutz bereits nach der ersten Dosis als gut bezeichnet werden könne und man den Zugang zum Covid-Zertifikat habe erleichtern wollen, sagt eine Sprecherin. Das BAG weist darauf hin, dass weiterhin jedes Land seine eigenen Einreiseregeln bestimme und es für Reisende mit dem Zertifikat deshalb wichtig sei, sich stets über die aktuellen Bestimmungen im Zielland zu informieren.

Andreas Widmer, Präsident Swissnoso

Andreas Widmer, Präsident Swissnoso

PD

In der Schweiz werden derweil Stimmen laut, die Zweifel am hiesigen Vorgehen äussern. So sagt etwa der Infektiologe Andreas Widmer, die Schweizer Lösung sei für ihn «schwer zu verstehen». Der Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso hält die BAG-Regel gar für gefährlich, und zwar aus zwei Gründen. «Erstens, weil Leute mit dem Zertifikat noch am gleichen Tag in die Disco dürfen oder ans Fussballspiel – und das, obwohl ihr Impfschutz noch nicht vollständig aufgebaut ist», sagt Widmer.

Das bringt gemäss Widmer die Gefahr mit sich, dass zweifach Geimpfte sich mit Covid-19 infizieren – und das wiederum könne die ganze Impfkampagne unterminieren. «Denn dann wird es plötzlich heissen: Seht her, die Impfung nützt ja gar nichts. Das wäre Wasser auf die Mühlen der Impfskeptiker», sagt er.

Derzeit verbreitet sich die Delta-Variante in Europa rasend schnell. Es gibt aus verschiedenen Ländern Anhaltspunkte, dass die mRNA-Impfungen schlechter wirken gegen die Variante. Aus Israel liegen Daten vor, wonach der Pfizer-Biontech-Impfstoff nach der zweiten Dosis noch zu 64 Prozent vor einer Infektion schützt – und nach der ersten gar nur zu 30 Prozent. Vor diesem Hintergrund, erläutert Andreas Widmer, gelte es erst recht, den Zeitpunkt der Vergabe des Geimpften-Status auch in der Schweiz nach hinten zu verschieben – «um zwei Wochen, mindestens aber um eine».

Gilt man auch in der Schweiz bald später als vollständig geimpft?

Christoph Berger ist der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen Ekif – jener Kommission, die das BAG bei Impffragen berät. Berger sagt, die Ekif habe aufgrund der Daten darauf hingewiesen, dass für Geimpfte nach 7 bis 14 Tagen ein vollständiger Schutz bestehe, vorher nur ein Teilschutz. «Am Ende war es ein politischer Entscheid», sagt Berger.

Christoph Berger würde den Geimpften-Status heute später erteilen.

Christoph Berger würde den Geimpften-Status heute später erteilen.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Er will nicht so weit gehen, nun eine Änderung zu fordern. Doch er sagt, die heutige Regel sei eingeführt worden, als die Delta-Variante noch kein Thema war. «Man muss nun genau schauen, wie sich Delta auf den Impfschutz auswirkt – denn hier kommt der zweiten Impfung für den Schutz grosse Bedeutung zu», sagt er.

Derzeit beobachte man die Situation. Allenfalls müsse die Erteilung des Geimpften-Status verschoben werden. Wenn er sich aufgrund der Daten von heute festlegen müsste, sagt Berger, dann würde er eine Frist von mindestens sieben Tagen nach der zweiten Impfdosis einführen.

BAG will vorderhand an der aktuellen Regel festhalten

Auch der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri beobachtet die aktuelle Entwicklung genau. Und auch Hauri, der die Vereinigung der Kantonsärzte präsidiert, kann sich vorstellen, dass der Geimpften-Status bald später erteilt wird. «Aufgrund der Delta-Variante müssen wir das sicherlich nochmals überdenken», sagt Hauri.

Allerdings brauche es dafür mehr als die Einzelerkenntnisse, die derzeit vorliegen. Das BAG betont, die Europäische Kommission überlasse es den einzelnen Staaten, den Start der Gültigkeitsdauer festzulegen. Es sei aktuell nicht vorgesehen, die Regelung in der Schweiz anzupassen.

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