Reiche legen etwas zu – Superreiche sehr stark

Die Basler Topverdiener-Initiative könnte national eine neue Runde einläuten im ewigen Verteilkampf zwischen links und rechts. Kommt es tatsächlich so, werden beide Seiten reichlich Munition finden in den Schweizer Statistiken zu den Einkommen.

Niklaus Vontobel
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15'000 gutgelaunte Besucher am dritten und letzten Renntag auf dem zugefrorenen St. Moritzer See und dies bei Kaiserwetter und angenehmen Temperaturen, was aber die Ladys nicht davon abhielt ihre Pelze zu zeigen, aufgenommen am Sonntag, 17. Februar 2019, bei den Internationalen Pferderennen auf Schnee "White Turf" in St. Moritz. (KEYSTONE/Eddy Risch)

15'000 gutgelaunte Besucher am dritten und letzten Renntag auf dem zugefrorenen St. Moritzer See und dies bei Kaiserwetter und angenehmen Temperaturen, was aber die Ladys nicht davon abhielt ihre Pelze zu zeigen, aufgenommen am Sonntag, 17. Februar 2019, bei den Internationalen Pferderennen auf Schnee "White Turf" in St. Moritz. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Die politische Rechte wird auf eine seit den 1930er-Jahren andauernde Stabilität verweisen, gerade im Vergleich zu den USA. Links wird damit dagegenhalten, dass die Topverdiener in den letzten 30 Jahren mehr zulegten als der grosse Rest.

Die wohl beste Schweizer Adresse zu Verteilungs-Statistiken findet sich in der Elite-Schmiede des Landes, der Universität St. Gallen. Stadler-Rail-Präsident Peter Spuhler studierte dort, Josef Ackermann, früher CEO der Deutschen Bank, oder Alt-Bundesrat Rudolf Merz. Professor Reto Föllmi und sein Team haben zahlreiche Studien verfasst zu den wirtschaftlichen Folgen von Ungleichheit. Und sie liefern die Schweizer Zahlen an die «Welt Ungleichheit Datenbank», zu deren Leitung etwa Thomas Piketty gehört – Autor des Weltbestsellers «Das Kapital im 21. Jahrhundert».

Reto Föllmi fasst den aktuellen Erkenntnisstand mit zwei gegensätzlichen Entwicklungen zusammen. Einerseits sei die Schweiz geradezu ein «Hort der Stabilität», wenn man die Entwicklung bis in die 1930er-Jahre zurückverfolgt. Der Anteil der Top-1-Prozent der Einkommen war in den 2010er-Jahren etwa gleich hoch wie Ende der 1930er-Jahre oder in den 1960er-Jahren.

Superjachten verkaufen sich besser als blosse Jachten

Die schweizerische Konstanz ist insbesondere im Vergleich zu den USA auffällig. Dort ist der Anteil der Top-1-Prozent fast doppelt so hoch wie in den 1960er-Jahren. Die Medien schreiben daher von einem neuen «gilded age». Das letzte solche vergoldete Zeitalter erlebten die USA von den 1870er-Jahren bis 1900. Grosse technologische Fortschritte, etwa in der Zugfahrt, trafen auf die Entstehung gewaltiger Vermögen. Tycoons wie John Rockefeller oder Cornelius Vanderbilt wurden als «Räuber-Barone» angegriffen.

Für die Schweiz ergibt sich ein anderes Bild – blickt man auf die Jahre ab 1980. In diesen knapp vier Jahrzehnten hat die Einkommensungleichheit zugenommen. Das oberste Prozent hatte 1980 einen Anteil von 8,3 Prozent, im 2016 waren es bereits 11,9 Prozent. Der Anteil der Top-10-Prozent stieg von 28,4 auf 32.3 Prozent. In der Folge nahm der Anteil der unteren 50 Prozent leicht ab, ebenso der Anteil der mittleren 40 Prozent (siehe Grafik).

Eine zunehmende Ungleichheit zeigt sich auch innerhalb der Top-1-Prozent der Einkommen. Dazu werden gewöhnliche Reiche – die unteren 0,09 Prozent vom Top-1-Prozent – unterschieden von den Superreichen, den Top-0,01 Prozent. Diese konnten ihren Anteil nahezu verdoppeln. In den 1990er-Jahren hatten sie noch 1 Prozent des Gesamteinkommens für sich, zuletzt jedoch fast 2 Prozent. Solche zunehmenden Ungleichheiten unter den Reichen lassen sich auch in den USA beobachten. Superjachten verkaufen sich dort besser als blosse Jachten.

In den USA zeigt sich noch ein anderer Trend. Die Mittelschicht hat nicht nur einen geringeren Anteil am gesamten Kuchen. Ihre realen Einkommen sind auch in absoluten Zahlen gesunken, mit ihrem Geld können sie weniger kaufen. Der Mittelstand hat in den USA also heute ein geringeres Einkommen als etwa rund 40 Jahre zuvor. Von solchen Zuständen blieb die Schweiz bewahrt, wie Föllmi sagt. «Niemand hat weniger Lohn als im Jahr 1980, alle hätten mehr realen Lohn.»