Koordination
Rega verteilt Coronapatienten auf die Spitäler – noch ist Ruhe vor dem Sturm

Je mehr sich die Intensivstationen füllen, desto wichtiger wird die Rega in ihrer Rolle als nationale Koordinatorin. Dort gibt man sich betont gelassen.

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Die Rega, berühmteste Retterin des Landes, soll den Schweizer Spitälern durch die Coronakrise helfen.

Die Rega, berühmteste Retterin des Landes, soll den Schweizer Spitälern durch die Coronakrise helfen.

Laurent Gillieron/Keystone (Rennaz, 8. April 2020

Wenn das Land in Not gerät, verlässt es sich auf die Rega. 3,5 Millionen Menschen hierzulande sind Gönner. Das sind 40 Prozent der Bevölkerung, wie man bei der Rega gerne betont. Es gibt über die Flugretter ein Globi-Buch und einen SRF-Film. Die Rega ist eine Marke, ein nationales Kulturgut.

Und so ist es wenig verwunderlich, dass der Bund an die Rega dachte, als er im Sommer überlegte, wie er sich für die zweite Coronawelle rüsten soll. Gesucht war eine nationale Koordinationsstelle für den Fall, dass die Intensivstationen erneut an ihre Grenzen stossen. Und gefunden war bald einmal: die Rega. So kommt es, dass Gitti Kuhn diese Woche in der Rega-Einsatzzentrale sitzt und schaut, was das Covid-19 gerade anrichtet auf den Schweizer Intensivstationen.

Betten sollen nicht mehr brachliegen

Kuhn, ein Frau Ende 50, ist die Leiterin der Helikopter-Einsatzzentrale und Chefin Transport der nationalen Koordinationsstelle Intensivstationen. Sie trägt ein rotes Halstuch und ein blaues T-Shirt, auf welches das berühmte Rega-Logo gestickt ist. Kuhn klickt ein Dokument auf, schaut auf Prozentwerte, die da und dort gelb eingefärbt sind, zum Teil sogar rot. «Es wird farbiger», sagt sie dann. Die Zahlen zeigen, wie stark die Intensivstationen im Land ausgelastet sind. Und sie zeigen, wie hoch der Anteil Covid-19-Patienten ist. Je farbiger die Zahlen, desto grösser wird die Aufgabe von Gitti Kuhn. Und desto schwieriger.

Als im Frühling die erste Welle durchs Land rollte, traf sie die Kantone unterschiedlich. Im Tessin betrug die Auslastung der Intensivstationen zeitweise 243 Prozent, in der Westschweiz waren es 130 Prozent. Die Spitäler mussten in ihrer Not Ad-hoc-Betten einrichten, also solche mit reduzierter Behandlungsqualität. Anderswo, gerade in der Deutschschweiz, war die Lage ruhiger. In einem Papier des Koordinierten Sanitätsdiensts heisst es, dass schweizweit teilweise gar «erhebliche Behandlungskapazitäten brachlagen». Das soll nun, da die Belastung in den Spitälern erneut steigt, nicht noch einmal passieren. Hier kommen Gitti Kuhn und die Rega ins Spiel. Sie soll als nationale Koordinationsstelle dafür sorgen, dass die Kapazitäten im Land besser genutzt werden. Und dass Patienten vom einen an den anderen Ort verlegt werden, wenn es dort für sie noch einen Platz gibt.

Kuhn arbeitet seit 2008 in der Einsatzzentrale der Rega, seit 2013 ist sie die Chefin. Sie hätte ein eigenes Büro beziehen können. Doch Kuhn ist lieber in der Einsatzzentrale geblieben. Sie sagt, sie müsse ihr Team spüren, 21 Einsatzleiter, viersprachig allesamt. Organisationstalente, die vor ihren Bildschirmen sitzen, das Headset auf dem Kopf, und im 24-Stunden-Betrieb das Land retten. Auf zwölf Einsatzbasen warten dafür 18 Helikopter, dazu stehen im Bauch des Hauptquartiers in Zürich drei Ambulanzjets bereit.

Die Rega sieht sich als Dienstleisterin

Kuhn weiss, dass sie an warmen Sommertagen besonders viele Einsatzleiter braucht, weil die Leute dann die Berggipfel besteigen und auf den Töff klettern. Doch diese Erfahrung hilft ihr jetzt nur noch teilweise. Corona ist auch für sie Neuland. Wenn man sie fragt, ob sie die Signale aus den Kantonen nervös machen, die steigenden Hospitalisationszahlen, die Prognosen, die einen baldigen Kollaps der Intensivstationen voraussagen, dann entgegnet sie, dass sie keine Prognosen mache. Sondern die Situation beobachte. Ein Gespür für die Zahlen entwickle, die zweimal pro Tag aus den Intensivstationen bei ihr eintreffen. «Wir können es uns nicht leisten, in Panik zu verfallen», sagt Kuhn, «das gilt jeden Tag – und das gilt auch jetzt im Umgang mit Corona.»

In der Rega-Einsatzzentrale hat man eine separate Telefonnummer eingerichtet für Intensivstationen, die keinen Platz mehr haben, deshalb Hilfe brauchen und sich dafür an die Rega wenden wollen. Im Einsatzleitsystem, das die Einsätze verwaltet, ist ein neuer Ordner eingerichtet. Allerdings musste bis jetzt noch keine Verlegung durch die nationale Koordinationsstelle organisiert werden. Im Moment können die Kantone die Lage noch bewältigen, ohne auf die Vermittlung der Rega zurückzugreifen. Doch wenn die Prognosen des Bundes sich bewahrheiten, könnte sich das bald ändern.

Im Konzept ist ein mehrstufiges Verfahren vorgesehen. Aktuell ist laut Bund die Kapazitätsschwelle 2 erreicht. Dies ist der Fall, sobald in einer Grossregion 90 Prozent der zertifizierten Intensivplätze belegt sind und der Anteil Covid-19-Patienten mindestens 50 Prozent beträgt. Die Rega kann Verlegungen nun nicht mehr nur anregen, sondern auch bewirken. Voraussetzung dafür ist die Zustimmung der aufnehmenden Intensivstation. «Wir arbeiten subsidiär, vermittelnd, ohne Zwang», sagt Kuhn, «wir können nicht einfach einen Patienten in eine Ambulanz oder einen Helikopter legen, wenn wir keine Zustimmung haben.»

Eine delikate Ausgangslage

Es ist der Einsatzleiterin wichtig, das zu betonen, und überraschend kommt das nicht. Denn die Situation ist delikat. In den letzten Tagen ist ein heftiger Streit um die Schweizer Spitäler entbrannt. In der Westschweiz ächzen diese besonders unter dem Ansturm der Coronapatienten. Längst sind nicht dringliche Eingriffe zurückgefahren worden, um Kapazitäten freizuhalten. In der Deutschschweiz, so die Erwartung in der Romandie, muss das auch passieren, damit notfalls Patienten aus anderen Landesteilen aufgenommen werden können. Auch Bundesrat Alain Berset kritisierte Kantone, die weiterhin nicht dringliche Eingriffe durchführen, scharf. «Inakzeptabel» sei das.

Gitti Kuhn findet wie Berset, dass die Schweiz nur mit «interkantonaler Solidarität» durch die Krise komme. Wenn alle Stricke reissen, könnte der Bund wieder die ausserordentliche Lage ausrufen. Die Rega als Koordinationsstelle könnte per Verordnung ermächtigt werden, Patientenverlegungen nicht mehr nur zu bewirken, sondern zu veranlassen. Oder konkret: durchzusetzen. Es ist ein Szenario, von dem Kuhn nicht hofft, dass es eintrifft.

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