Raiffeisen-Prozess
Saalchaos, Lenin und eine Panne: Die vielen Kuriositäten am ersten Prozesstag im Fall Pierin Vincenz

Wegen Konzerten muss der Prozess in verschiedene Lokale ausweichen. Das ist einerseits lobenswert, andererseits ist es dadurch aber auch zu unangenehmen Situationen gekommen.

Pascal Ritter
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Der Zürcher Bezirksrichter Sebastian Aeppli hat den Ruf, kurzen Prozess zu machen. Er bevorzuge kurze Plädoyers und knappe Befragungen, heisst es. Im Fall um Ex-Raiffeisenbanker Pierin Vincenz läuft es nun aber nicht nach seinem Geschmack.

Bezirksrichter Sebastian Aeppli (vorne) erscheint am Dienstagmorgen zum Raiffeisen-Prozess.

Bezirksrichter Sebastian Aeppli (vorne) erscheint am Dienstagmorgen zum Raiffeisen-Prozess.

Keystone

Obwohl er die Befragung von Vincenz am Dienstagnachmittag nur so runter ratterte, kann er den Prozess nicht wie vorgesehen in vier Tagen durchpeitschen. Dass der Reservetermin am 9. Februar in Anspruch genommen wird, hatte sich schon vor Verhandlungsbeginn abgezeichnet. Zusätzlich wird nun aber auch am 8., 9., 22. und 23. März verhandelt.

Probleme mit der Suche nach einem Saal

Der Prozessauftakt fand im Theatersaal des Volkshauses statt. Es befindet sich vis-à-vis dem Bezirksgericht. Auch am Mittwoch wird im grössten Saal des Volkshauses verhandelt, dann muss der Prozess auf Tournee gehen, weil im Theatersaal Konzerte stattfinden. Am Donnerstag wird im blauen Saal des Volkshauses verhandelt, wo das Konterfei des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin an der Wand hängt. Er hatte dort im Jahre 1917 zu Zürcher Arbeitern gesprochen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich im gleichen Saal nun ehemalige Banker wegen mutmasslichen Betrugs und ungetreuer Geschäftsführung unter anderem wegen falsch abgerechneter Luxusreisen verantworten müssen. Am Freitag folgt sodann der nächste Umzug in den weissen Saal des Volkshauses. Am 8. März findet die Verhandlung im Bezirksgebäude statt, wo Prozesse im Normalfall tagen. Am 9. und 22. März ziehen Richter, Staatsanwälte und Angeklagte wieder ins Volkshaus. Wo am 23. März die Verhandlung stattfindet, ist noch offen.

Vincenz musste vor geschlossener Türe warten

Angesichts der chaotischen Situation stellt sich die Frage, warum nicht ein anderes Lokal gemietet wurde, um den Prozess von A bis Z durchzuziehen. Ein Sprecher der Zürcher Gerichte sagt: «Als im Juni 2021 nach einem geeigneten Saal gesucht wurde, war vieles schon besetzt. Zudem ging man damals nicht von den aktuell immer noch sehr einschränkenden Coronamassnahmen aus.»

Der Zürcher Justiz muss man zudem zugutehalten, dass die Saalprobleme auch dadurch entstehen, dass sie sich bemüht, eine möglichst grosse Zahl an Journalisten und Zuschauer zuzulassen. Dies obwohl wegen Corona der Zugang zu anderen Verhandlungen eingeschränkt ist.

Pierin Vincenz (links) muss inmitten einer Journalistenmenge warten. Das ist ihm alles andere als angenehm.

Pierin Vincenz (links) muss inmitten einer Journalistenmenge warten. Das ist ihm alles andere als angenehm.

Michael Buholzer / KEYSTONE

Für eine skurrile Situation vom Dienstagnachmittag entschuldigte sich Richter Aeppli noch im Gerichtssaal. Als Vincenz und die anderen Angeklagten wie von Aeppli bestellt auf 16 Uhr den Theatersaal betreten wollten, standen sie vor verschlossenen Toren. Die Beratung über die Anträge der Verteidigung hatte länger gedauert. Zehn Minuten mussten Vincenz und Co. vor dem Volkshaus mitten in der Menge von Journalisten und Schaulustigen warten. Es war ihnen sichtlich unangenehm.

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