«Quacksalber-Image beseitigen»

Das Parlament will Homöopathie oder chinesische Medizin wieder in die Grundversicherung aufnehmen. Nationalrätin Yvonne Gilli (SG) befürwortet dies.

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Yvonne Gilli Nationalrätin (Grüne/SG). Führt eine Arztpraxis in Wil. (Bild: Quelle)

Yvonne Gilli Nationalrätin (Grüne/SG). Führt eine Arztpraxis in Wil. (Bild: Quelle)

Frau Gilli, alle klagen über hohe Krankenkassenprämien. Dennoch will der Nationalrat zusätzliche Behandlungen in der Alternativmedizin in der Grundversicherung vergüten. Geht das auf?

Yvonne Gilli: Ja. Wir hatten die fünf komplementärmedizinischen Angebote bereits einmal während sechs Jahren in der Grundversicherung drin. Sie haben nachweislich nicht zu einer Kostensteigerung geführt. Im Gegenteil. Leider wurde dieses Experiment dann von Bundesrat Couchepin auf undurchsichtige Art wieder beendet. Dies war auch der Grund, warum die Initiative «Ja zur Komplementärmedizin» notwendig wurde.

Warum können homöopathische Behandlungen die Kosten senken?

Gilli: 30 Prozent aller Patienten kommen mit funktionellen Beschwerden wie Kopfweh, Schlafstörungen oder Verdauungsbeschwerden in die Praxis. Hier muss man aufpassen, dass man mit kostentreibender Schulmedizin den Patienten nicht schadet, da Medikamente oft Nebenwirkungen haben. Und hier tut sich für die Komplementärmedizin ein weites Feld auf. Bei der Behandlung mit homöopathischen Methoden sind die Patienten oft zufriedener und sie nehmen die kostengünstigeren Medikamente auch tatsächlich ein.

Sind homöopathische Methoden demnach wirksamer als eine schulmedizinische Behandlung?

Gilli: Man darf die beiden Ansätze nicht gegeneinander ausspielen. Jede Methode hat ihre Grenzen. Ich kann nicht einen Diabetiker oder einen Beinbruch mit Komplementärmedizin behandeln. Es geht auch im Gegenvorschlag zur Initiative um eine intensivere Zusammenarbeit. Bereits heute gibt es Lehrstühle für Komplementärmedizin an den Universitäten. Das zum Teil noch bestehende Image der Quacksalberei kann sie so definitiv beseitigen.

Warum hat man sich auf chinesische Heilmethoden wie Akupunktur oder auf die anthroposophische Medizin konzentriert? Was unterscheidet diese Methoden vom Hokuspokus?

Gilli: Wir wollten Methoden aufnehmen, bei denen es eine anerkannte und standardisierte Ausbildung für Ärzte gibt. Diese Methoden sind über Jahrhunderte oder wie bei der traditionellen chinesischen Medizin gar über Jahrtausende angewendet worden, und sie haben ihre Wirksamkeit hinreichend bewiesen. Das heisst nicht, dass andere Methoden wie zum Beispiel die Osteopathie nicht sinnvoll sind. Aber unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit mussten wir uns beschränken.

Ist die Nachfrage nach Komplementärmedizin überhaupt da?

Gilli: Die Nachfrage übertrifft das Angebot bei weitem. In der ganzen Schweiz und insbesondere in der Ostschweiz. Praktisch jeder Komplementärmediziner führt Wartelisten. In meiner Praxis müssen die Patienten bis zu zwei Jahre warten, bis sie einen Termin erhalten.

Warum eröffnen nicht mehr Ärzte alternativmedizinische Praxen?

Gilli: Wir haben einen grossen Mangel an Nachwuchs, da diese Methoden sehr ausbildungsintensiv sind. Zudem besteht ein wirtschaftliches Risiko, wenn man sich auf eine Methode spezialisiert, die nicht in der Grundversicherung ist. Das soll sich nun ändern. Auch Menschen mit vorbestehenden Krankheiten oder Geburtsbehinderungen, die nicht in die Zusatzversicherung aufgenommen werden, könnten sich bei Annahme des Gegenvorschlags komplementärmedizinisch behandeln lassen.

Interview: Jürg Ackermann/Bern

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