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Prozess ohne Protagonist: Wie «Carlos» eine neue Rolle findet

Der Staatsanwalt will Brian K. alias Carlos zum jüngsten Verwahrten der Schweiz machen. Sein Fall zeigt die Grenzen des Justizsystems auf.
Andreas Maurer
So wurde er berühmt: «Carlos »beim Boxtraining, 2013 in einer Reportage des Schweizer Fernsehens. (Screenshot)

So wurde er berühmt: «Carlos »beim Boxtraining, 2013 in einer Reportage des Schweizer Fernsehens. (Screenshot)

Warten auf «Carlos». Ein Fotograf wartet vor dem Hintereingang des Zürcher Bezirksgerichts, die Fernsehteams warten vor dem Haupteingang, drinnen warten dreissig Journalisten und dreissig weitere Zuschauer. Viele werden keinen Platz erhalten. Doch der berühmteste Gefängnisquerulant der Schweiz, Brian K. alias Carlos, erscheint ohnehin nicht vor Gericht. Dafür wird das Gericht zu ihm gehen.

Angeklagt ist er wegen 29 Delikten, die er hinter Gittern begangen haben soll, Prügeleien und Drohungen. Am Ort, wo er unter Kontrolle gebracht werden soll, gerät er ausser Kontrolle.

Zuerst rückt die Sondereinheit Diamant der Zürcher Kantonspolizei aus. Sie hat den Auftrag, den 24-Jährigen mit sanfter Gewalt aus dem Gefängnis zu holen. Doch Brian K. begrüsst die Truppe mit erhobenen Fäusten. Ein Transport wäre nur möglich gewesen, wenn die Polizisten den Kampfsportler mit der Elektroschockwaffe gelähmt oder mit Körpergewalt zu Boden gedrückt hätten. Deshalb entscheidet sich der Richter zu einem aussergewöhnlichen Schritt.

Gerichtspräsident Marc Gmünder besucht Brian K. in der Morgenfrühe in seiner Zelle. Er hat die halbstündige Autofahrt in der Hoffnung angetreten, dass der Angeklagte mitkommen würde, wenn er das freundliche Gesicht des Richters sieht. Der Anblick hat nicht die erhoffte Wirkung. Der Richter beschliesst darauf «schweren Herzens», es sei am sinnvollsten, den Prozess in Abwesenheit durchzuführen.

Dass es Probleme geben wird, ihn aus seiner Zelle zu zerren, hat sein Verteidiger angekündigt. Er schickte dem Gericht ein Dispensationsgesuch. Brian K. gehe es «miserabel», er habe Panik vor dem Medienansturm. Schliesslich sei ihm im Gefängnis nicht einmal Körpernähe erlaubt.

Der Staatswanwalt fordert eine radikale Verwahrung

Im Gerichtssaal ist die Körpernähe intensiv. Schulter an Schulter sitzen die Prozessbeobachter auf den Holzbänken. Sie verfolgen eine Tragödie, bei welcher der Protagonist entschieden hat, nicht mehr aufzutreten. Sie handelt von einer gescheiterten Familie und einer überforderten Justiz. Die Leere, die «Carlos» im holzgetäferten Gerichtssaal entstehen lässt, steht für eine schwierige Frage: Wie geht die Gesellschaft mit einem Menschen um, der sich in einer Gewaltspirale befindet und sich auf keinen Dialog einlässt?

Für unbestimmte Zeit einsperren – diese Antwort präsentiert Staatsanwalt Ulrich Krättli. Er fordert eine radikale Massnahme: die Verwahrung. Brian K. wäre der jüngste Verwahrte des Landes. Erst wenn ihn die Psychiater als nicht mehr gefährlich einstufen würden, käme er frei. In der Praxis geschieht dies nur in zwei Prozent der Fälle. Bei Brian K. wäre die Wahrscheinlichkeit noch geringer. In einem Gutachten heisst es, in Haft werde er möglicherweise weiterprügeln und randalieren «bis zur finalen Erschöpfung». Das heisst, bis zum Tod.

Die gängigen Prognoseinstrumente für einen Rückfall geben Höchstwerte an. 9 von 9 Punkten, 30 von 30 und einmal 11 von 12. Einen Effekt der Altersmilde erwartet der Gerichtspsy­chiater erst ab 50 oder 60 Jahren.

Staatsanwalt Krättli sagt: «Natürlich ist es krass, wenn man einen 24-Jährigen auf unbestimmte Zeit wegsperren muss.» Aber es handle sich um einen Extremfall. Noch nie sei in der Schweiz ein derartiger Sicherheitsaufwand für einen einzelnen Häftling nötig gewesen. Die Verwahrung sei leider die einzige Lösung. Wobei Lösung das falsche Wort sei, wie der Staatsanwalt anmerkt, das Problem werde nicht gelöst. Aber nur so könne die Sicherheit der Gesellschaft gewährleistet werden.

«Wenn man einen Hund so behandelt, dann beisst er»

Einsperren ja, aber nicht für unbestimmte Zeit – diese Antwort präsentiert Verteidiger Thomas Häusermann. Schon seit seiner Kindheit sei Brian K. mit einem System der maximalen Härte und Repression konfrontiert: «Deshalb sieht er heute keine andere Möglichkeit, als gegenüber dem Justizapparat in den Kampfmodus zu gehen.»

Mit elf Jahren wurde er wegen angeblicher Brandstiftung in Handschellen abgeführt und eingesperrt. Schon vor seinem zehnten Geburtstag habe er Drogen und Alkohol konsumiert. Mit 15 wurde er in der Psychiatrie an ein Bett gefesselt und mit Medikamenten ruhiggestellt. Brian habe sich gefühlt wie ein Zombie. Das habe ihn geprägt, vor allem seine Einstellung gegenüber Ärzten und Psychiatern. Der Verteidiger sagt: «So produziert man Straftäter.» Und: «Wenn man einen Hund so behandelt, dann beisst er.»

Mit 17 kam dann das berühmte Sondersetting. Ein teures Programm zeigte erste Erfolge, doch nach einem Medienskandal wurde es abgebrochen. Seither ist Brian K. als «Carlos» bekannt. Mit dieser Rolle hat er sich abgefunden, wie er dem Staatsanwalt in einem Brief geschrieben hat: «Ihr habt Recht: Ich bin gefährlich und böse. Ich bin bereit für den Kampf.»

In der Gerichtsverhandlung ist «Carlos» nun zum ersten Mal seiner medialen Rolle nicht gerecht geworden. Erwartet wurde eine Kampfmaschine. Erschienen ist niemand.

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