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PROZESS: Der Spion, der sich schämte

Der Schweizer Agent Daniel M. packt beim Prozess in Frankfurt aus. Der Ex-Polizist erzählt, wie er mit dem Geheimdienst zusammenarbeitete, wie viel Geld er kassierte und weshalb er nun sein Familienhaus verkaufen muss.
Andreas Maurer, Frankfurt
Im Fokus der Medien: Daniel M. im Oberlandesgericht in Frankfurt. (Bild: Andreas Arnold/DPA Pool (18. Oktober 2017))

Im Fokus der Medien: Daniel M. im Oberlandesgericht in Frankfurt. (Bild: Andreas Arnold/DPA Pool (18. Oktober 2017))

Andreas Maurer, Frankfurt

Zum Fall Daniel M., dem Schweizer Agenten auf Deutschland-Mission, haben sich schon fast alle Beteiligten geäussert: Juristen, Politiker und Behörden. Doch der Hauptdarsteller hat bisher geschwiegen. Nun hat Daniel M. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt ein Geständnis abgelegt, damit er von einem Deal profitieren kann. Er erzählte erstmals öffentlich seine Geschichte, bei der er alles verloren hat – und die Schweiz ihr Bankgeheimnis.

Die Erzählung beginnt mit einem Abendessen in Zürich. Der ehemalige Stadtpolizist M. traf sich im Frühling 2011 mit Polizeikollegen von früher, die neu beim Nachrichtendienst des Bundes (NDB) arbeiteten. Er selber war auf der Suche nach Aufträgen als selbstständiger Sicherheitsberater, da ihm bei seinem letzten Job in der Sicherheitsabteilung der UBS die Arbeit ausgegangen war. Seit die Bank clean sei und keine Steuergelder mehr verstecke, habe es kaum mehr Ärger gegeben. Ärger ist sein Business.

Treffen mit NDB in einem Zürcher Café

Beim Abendessen lernte M. einen NDB-Mitarbeiter kennen, der sich als Andi Burri vorstellte, vermutlich ein Deckname. Sie trafen sich oft im Café Schober im Niederdorf. Burri fragte ihn, ob er für den NDB arbeiten und deutsche Steuerfahnder ausspionieren wolle, die Schweizer Bankdaten klauen. M. sagt: «Ich gebe gerne zu, mich geschmeichelt gefühlt zu haben.» Er habe etwas für das Land tun wollen: «In mir regte sich der Polizist.»

Als sich der deutsche Richter in Frankfurt irritiert zeigt, dass ein ehemaliger Schweizer Polizist zu Straftaten bereit ist, ruft M. die Umstände in Erinnerung: «Die Leute in der Schweiz waren damals geschockt. Die Steuer-CDs waren Tagesgespräch.»

M.’s erster Auftrag für den NDB war simpel. Er nannte ihn «Sudoku». Auf einer Liste mit den Personalien von drei Steuerfahndern ergänzte er fehlende Angaben. Wie bei seinem nächsten Auftrag war M. nur der Mittelsmann, der einen prominenten Freund in Frankfurt kontaktierte und bezahlte: Klaus Dieter Matschke, ehemaliger Kriminaloberrat und selbstständiger Sicherheitsberater. Dieser habe 10000 Euro verlangt. M. sagt: «Das erschien mir hoch, aber der NDB war finanziell gut ausgestattet.» Matschke habe die Daten geliefert und der NDB das Geld. Er selber habe während eines halben Jahres monatlich 3000 Franken erhalten. M. ging davon aus, dass ihn der NDB nur «warm halten» und testen wollte, bevor er ihm einen grossen Auftrag anvertraute. Wieder sagt er: «Ich fühlte mich geschmeichelt.»

Die Rechnung schien aufzugehen: Bei einem ihrer nächsten Gespräche im Café Schober hatte NDB-Mann Burri eine Idee. Es wäre doch interessant, herauszufinden, wie deutsche Steuerfahnder an die Bankdaten kommen, soll er gesagt haben. Der NDB habe in Deutschland ein «Frühwarnsystem» aufbauen wollen. Der Richter fragt M. mehrmals, wer die Idee dafür hatte. «Es war Burri.» Der Geheimdienstler habe gesagt: «Es geht um eine Frage der nationalen Sicherheit.»

Von Mäusen und Maulwürfen

Die beiden Männer verwendeten in ihren Kaffeegesprächen zwei Begriffe aus der Tierwelt für ihr Vorhaben. Sie wollten in der nordrhein-westfälischen Finanzverwaltung «Mäuschen spielen» und einen «Maulwurf» installieren. M. gab den Auftrag wiederum an Matschke weiter. Dieser hielt es für unrealistisch, einen Maulwurf in die Verwaltung einzuschleusen. Deshalb habe er einen Beamten als Informanten gewinnen wollen. Dazu hätten sie diesen mit Geld «anfüttern» wollen. Matschke rechnete mit Kosten von 90000 Euro. M. sagt: «Das erschien mir als eher wenig. Aber ich freute mich.» Er habe als Mittelsmann wiederum wenig Aufwand gehabt, aber diesmal viel verdient.

Bis der NDB die Übung abbrach, zahlte er gemäss M. 60000 Euro. Je 10000 waren für M. und Matschke bestimmt. Mit 40000 wollte Matschke seinen angeblichen Informanten «füttern». Was mit dem Geld passiert ist, wisse er nicht. Er sei aber überzeugt, dass Matschke es nicht schaffte, eine Quelle anzuzapfen. Der NDB habe die Zahlungen gestoppt, als die Schweiz mit der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD eine Lösung im Steuerstreit fand. Matschke sei erbost gewesen.

Daniel M. übertreibt, Bundesanwalt fällt rein

Als einziger Zeuge tritt vor Gericht der fallführende Chefermittler auf. Er sagt, er habe keinerlei Anhaltspunkte für eine Quelle in der Finanzverwaltung gefunden. Damit ist dieses Gerücht nun endgültig widerlegt. M. setzte es selber in die Welt, als er wegen eines anderen Verfahrens von der Schweizer Bundesanwaltschaft verhaftet worden war. Um aus der Haft entlassen zu werden, stellte er seine Arbeit als NDB-Agent grösser dar, als sie war. In M.’s Worten: «Ich schmierte Konfitüre aufs Brot.» Der Effekt sei überwältigend gewesen. Zuerst habe ihm Bundesanwalt Carlo Bulletti gesagt, das «Gequatsche vom NDB» nütze ihm nichts. Doch als er ihm von der Quelle erzählt habe, sei er umgehend aus der Haft entlassen worden.

Bald darf M. nun auch das deutsche Gefängnis verlassen. Die inhaltliche Aufarbeitung des Falls ist abgeschlossen. Am 9. November folgt das Urteil. Der Deal sieht eine 1,5- bis 2-jährige Freiheitsstrafe auf Bewährung vor. Für M. ist es kein Happy End: «Die sechs Monate im Gefängnis haben mir das Genick gebrochen.» Er habe sein Familienhaus verkaufen müssen und sei nun 54 Jahre alt, das werde schwierig. «Aber dank der Liebe meiner Partnerin werde ich schon wieder auf die Beine kommen.» Die Zeit in U-Haft habe er genutzt, um neue Businesspläne zu schmieden.

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