Pro Helvetia – Kind des Zeitgeists

Im Jahr 1939 als Instrument der geistigen Landesverteidigung gegründet, entwickelte sich Pro Helvetia zur kritischen Begleiterin des Zeitgeistes im In- und Ausland – und schuf damit immer wieder Konfliktpotenzial.

Marcello Odermatt
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«Die geistige Widerstandskraft des Volkes stählen»: Pro-Helvetia-Projekte von Thomas Hirschhorn, Erika Stucky und Christoph Büchel. (Bilder: ky)

«Die geistige Widerstandskraft des Volkes stählen»: Pro-Helvetia-Projekte von Thomas Hirschhorn, Erika Stucky und Christoph Büchel. (Bilder: ky)

«Schlecht durchdachter Sauglattismus», kommentierte der «Blick» im Februar dieses Jahres, um sich in den politischen und medialen Beschuss einzumischen, unter dem Pro Helvetia plötzlich stand. Der Basler Künstler Christoph Büchel präsentierte bei einer von der Kulturstiftung finanzierten Kunstaktion in Wien einen live bespielten Swingerclub. Sofort empörten sich Politiker und drohten der öffentlich-rechtlichen Stiftung mit Budgetkürzungen.

Nach Paris eine Strafaktion

Schon 2004 brachte die in Paris von Pro Helvetia finanzierte Hirschhorn-Ausstellung «Swiss-Swiss Democracy» die hiesigen Politiker derart in Rage, dass das Parlament das Budget um eine Million kürzte. Auslöser war eine Pinkelgeste gegen die Fotografie des damaligen Bundesrats Blocher. In ihrer Konsequenz führte die Affäre zum Ende Jahr verabschiedeten Kulturförderungsgesetz, mit dem das Parlament Pro Helvetia an die Leine nahm. Ihre strategischen Ziele darf die Stiftung nicht mehr alleine bestimmen.

Sie muss umsetzen, was der Bundesrat vorgibt, behält aber immerhin ihre künstlerische Freiheit.

Dass das Verhältnis der exportierten Kulturgüter zum Selbstverständnis der Nation immer schon konfliktträchtig war, verdeutlicht das Buch zur 70jährigen Geschichte der Pro Helvetia*, herausgegeben von den Historikern Jakob Tanner und Claude Hauser.

Auch wenn eine eigentliche Staatskultur nie existierte, bewegte sich die Stiftung stets im Spannungsfeld zwischen staatlichem Auftrag und kultureller Freiheit.

Die Widerstandskraft «stählen»

Denn gegründet wurde die Pro Helvetia 1939 gerade deswegen, um im Dienste des Staates ein typisch schweizerisches, tendenziell nationalkonservatives Bild zu propagieren, hinter das sich im Rahmen der geistigen Landesverteidigung aber auch progressive und linke Kräfte stellten.

Weil die Krisen- und Kriegszeiten der 1930er- und 1940er-Jahre mit ihren faschistischen und nationalsozialistischen Regimes die Unabhängigkeit des Landes bedrohten, wurde Pro Helvetia zum Instrument der Kulturpolitik. Deren Aufgabe bestand darin, «den Glauben an die erhaltende und schöpferische Kraft unseres schweizerischen Geistes zu festigen und neu zu entflammen und die geistige Widerstandskraft unseres Volkes zu stählen». So formulierte es Bundesrat Philipp Etter.

Für Pro Helvetia bedeutete dies etwa, dass Ausstellungen eher die zum Mythos hochstilisierte Topographie des Landes (Gotthardmassiv, Hirtenvolk) präsentieren mussten, während abstrakte Kunst nicht berücksichtigt wurde.

Zensur des Unschweizerischen

Im Kalten Krieg setzte Pro Helvetia das «obrigkeitliche Mandat» – nun antikommunistisch aufgeladen – fort. Das führte zu Entscheidungen, bei denen eine gewisse Tendenz zur Zensur nicht zu übersehen ist.

Das Beitragsgesuch des Zürcher Schauspielhauses, Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» in Paris aufzuführen, wurde 1956 von der Stiftung abgelehnt, da das Stück «frech und völlig unschweizerisch» sei.

Erst mit den gesellschaftlichen Veränderungen Mitte der Sechzigerjahre tritt eine «Wende in der Schweizer Kulturpolitik» ein. Pro Helvetia fördert das Kulturschaffen breiter und wird zur «treibenden Kraft» des internationalen Kulturaustauschs. Zwar wird dieser Austausch zu Beginn noch kontrolliert und teils zensiert.

Doch immer mehr findet über Kultur gerade zum kommunistischen Osten eine Annäherung statt, die später auch politisch unterstützt wird.

Der Wandel repräsentiert sich auch am Personal. Für die ersten Jahre war der autoritäre rechtsbürgerliche Intellektuelle Gonzague de Reynold prägend. Ab 1952 engagierte sich der Historiker und Journalist Rudolf von Salis als Präsident.

Im Zuge ihrer unabhängiger werdenden Position distanzierte sich Pro Helvetia zunehmend von ihrer Funktion als Landeswerberin, was endgültig erst in den Siebzigerjahren stattfand. Die Unterstützung auch kritischer künstlerischer Positionen machte die Pro Helvetia aber anfälliger für politische Polemiken über das richtige Bild von Schweizer Kultur.

So bezog Pro Helvetia in den Neunzigern bürgerliche Schelte, als sie im Ausland Kulturschaffen präsentierte, das die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg kritisch beleuchtete. Die Kritik kam auch deswegen rascher und fundamentaler, weil sich der politische Konsens auflöste und sich das Schweizer Parteiensystem polarisierte.

Blick auf nationale Identität

Heute, so bilanzieren Tanner und Hauser, sehe die Pro Helvetia das Schweizerische «nicht mehr als <Wesen>, dem zu mehr Ansehen zu verhelfen wäre». Es gehe darum, die Schweiz in einer «globalen Ökonomie der Aufmerksamkeit zur Geltung zu bringen, und zwar als innovatives, kreatives, selbstironisches, cooles und der Welt zugewandtes Land». Insgesamt spiegelt daher die Geschichte von Pro Helvetia das Verständnis von Kultur wider und wirft so einen Blick auf die Vorstellung von nationaler Identität.

Tanner und Hauser bezeichnen die Pro Helvetia als «Paradox», weil sie kulturelle Vielfalt und nationale Identität miteinander verbunden hat, obschon eine schweizerische Kulturpolitik faktisch nie bestanden habe. Auch das neue Kulturförderungsgesetz entspreche ganz diesem Prinzip. Daher sei die Geschichte der Pro Helvetia eine Geschichte der «schweizerischen Gesellschaft, ihrer Aspirationen und Verunsicherungen, ihrer Träume und ihrer blinden Flecken».

*Jakob Tanner, Claude Hauser, Bruno Seger (Hrsg.), «Zwischen Kultur und Politik. Pro Helvetia 1939 bis 2009» (Verlag NZZ, 2010).